SIG Sauer P385: Die neue Pistole, die SIG nach der P320 baut, und was sie über die Schweizer Pistolenfrage verrät
SIG Sauer lanciert mit der P385 eine neue Pistolenfamilie mit Trigger Block und Rückstossdämpfung. Was sie kann, was Experten sagen und warum sie die Debatte um die Armee-P320 neu beleuchtet.

Am 22.09.2026 hat SIG Sauer an seinem Hausanlass «SIG NEXT» in Newington, New Hampshire, die P385 vorgestellt: eine neue Familie modularer 9-mm-Pistolen mit Schlagbolzenschloss, tiefer Laufachse, eingebautem Rückstossdämpfer und einer neuen Abzugssicherung. Für Sportschützen ist es die interessanteste Pistolenpremiere seit Jahren. Für die Schweiz ist sie zugleich ein unfreiwilliger Kommentar zur eigenen Rüstungspolitik. Eine Woche zuvor hatte der Nationalrat den Kredit für die ersten 50’000 Armeepistolen vom Typ P320 bewilligt, jener Plattform also, die SIG nun mit einem Nachfolger im Geist ergänzt. Eine Auslegeordnung.
P320 plus P365 ergibt P385
Der Name ist Programm. Die P385 nimmt das Magazin und die modulare Grundidee der P320, verbindet sie mit einer an der kompakten P365 orientierten Abzugsarchitektur und ergänzt beides um Neuentwicklungen. Herzstück ist eine eigene, seriennummerierte Abzugseinheit (Fire Control Unit, FCU), die sich samt Rahmenmodul tauschen lässt. Verschluss und Lauf sind wechselbar, der Lauf ist aus Kohlenstoffstahl, der Verschluss aus rostfreiem Stahl mit Nitron-Oberfläche. SIG verspricht dank der neuen Kombination aus tiefer Laufachse und dem «SIG Recoil Dampening System» (SRDS) im Griffstück einen um mindestens 20 Prozent geringeren Hochschlag, je nach Modell. Für die Version MACH3D mit aufgesetztem Kompensator nennt der Hersteller mehr als 30 Prozent.
Neu ist auch der Griff. Statt austauschbarer Rückenteile setzt SIG auf sogenannte Magstraps: Einsätze, die Umfang, Abzugsdistanz und sogar die Griffhöhe verändern. Ein und dasselbe Griffstück wird damit vom 17-Schuss-Vollformat zum bündigen 15-Schuss-Kompaktgriff. Die Umfänge gibt SIG mit 49,5, 54,6 und 57,2 Millimetern an (S, M, L), die Abzugsdistanz mit rund 74 Millimetern. Alle Bedienelemente sind beidseitig ausgeführt, der Schlittenfanghebel ist abgeschirmt, damit der Daumen ihn beim Schiessen nicht versehentlich betätigt. Jede Version kommt mit der Optikaufnahme SIG-LOC PRO, die laut Hersteller verbreitete Leuchtpunktvisier-Standards wie RMR und DPP ohne Adapterplatte aufnimmt. Eine manuelle Sicherung ist optional erhältlich.

Der vielleicht klügste Entscheid ist unspektakulär: Die P385 verwendet die Standardmagazine der P320. Wer bereits eine P320 besitzt, kann seinen Magazinbestand, seine Magazintaschen und seine Ladehilfen weiter nutzen. Einzige Einschränkung laut Hersteller: Ältere P320-Magazine mit runder Bodenplatte passen erst, wenn der Metall-Magazintrichter der P385 entfernt ist. Holster hingegen sind nicht kompatibel, weder jene der P320 noch jene der P365. Abgesehen von Magazinen, dem AXG-Magazintrichter und bestimmten schwalbenschwanzgeführten Visieren sind alle Teile P385-spezifisch.
Fünf Modelle zum Start
| Modell | Lauf | Länge | Gewicht* | Magazine |
|---|---|---|---|---|
| FULL | 119 mm (4,7″) | 201 mm** | 840 g | 17 + 21 |
| CARRY | 102 mm (4″) | 183 mm | 820 g | 17 + 21 |
| COMP | 102 mm, kompensiert | 201 mm | 826 g | 17 + 2 × 21 |
| MACH3D | 86 mm (3,4″) plus Kompensator*** | offen | 833 g | 17 + 21 |
| COMPACT | 102 mm (4″) | offen | offen | 2 × 15 |

Beim Preis gibt sich SIG für amerikanische Verhältnisse moderat. Das Vollformatmodell P385-FULL ist auf der Herstellerseite mit 599.99 US-Dollar ausgeschrieben, ein Onlinehändler listet die kompensierte Version mit drei Magazinen für 749.99 Dollar. Für die Schweiz hat SIG weder Preis noch Liefertermin kommuniziert. Erfahrungsgemäss liegen hiesige Ladenpreise wegen Import, Zoll und Händlermarge spürbar über dem US-Listenpreis; eine seriöse Schätzung ist erst möglich, wenn der Importeur eine Preisliste vorlegt.
Datenblatt P385-FULL
| Kaliber | 9 mm Luger (9 × 19) |
| System | Rückstosslader, Schlagbolzenschloss |
| Lauflänge | 4,7 Zoll (119 mm), Kohlenstoffstahl |
| Gesamtlänge | 7,92 Zoll (201 mm)* |
| Höhe | 5,64 Zoll (143 mm) |
| Breite | 1,32 Zoll (34 mm) |
| Visierlänge | 6,55 Zoll (166 mm) |
| Gewicht mit Magazin | 29,6 Unzen (rund 840 g) |
| Kapazität | 17 Schuss bündig, 21 Schuss verlängert (10-Schuss-Version erhältlich) |
| Visierung | XRAY3 Tag/Nacht, Optikaufnahme SIG-LOC PRO |
| Abzug | flach, mit integriertem «Trigger Block» |
| Zubehörschiene | M1913 (Picatinny) |
| Listenpreis USA | 599.99 US-Dollar |
Der Abzug ist die eigentliche Nachricht
Technisch am meisten zu reden gibt ein Bauteil, das man kaum sieht. Die P385 hat eine Abzugssicherung, den «Trigger Block». Anders als bei Glock, Walther oder Smith & Wesson ragt keine Zunge aus dem Abzugszüngel, die Sicherung liegt bündig in der flachen Abzugsfläche. Wer den Abzug nur seitlich berührt, ohne die Mitte zu drücken, löst keinen Schuss aus. SIG beschreibt das System als redundante Fallsicherung und betont, die P385 erfülle sämtliche gängigen Falltests auch ohne den Trigger Block.

Bemerkenswert ist das, weil SIG bei der P320 jahrelang auf eine Abzugssicherung verzichtet und sie als unnötig bezeichnet hat. Das Militärportal «We Are The Mighty» kommentierte den Kurswechsel spitz und titelte sinngemäss, die P320 sei offenbar so sicher, dass SIG nun die P385 herausbringe. SIG hält in den offiziellen Fragen und Antworten zur P385 dagegen: Die Pistole sei seit Jahren in Entwicklung gewesen und nicht wegen der Debatten um die P320 entstanden. Der Trigger Block werde vorerst auch nicht auf die P320 oder die P365 übertragen.
Man muss sich in diesem Punkt keiner Seite anschliessen, um festzustellen: Für Käufer, Behörden und Ausbildner ist eine zusätzliche, mechanisch unabhängige Sicherung ein Argument, das in Beschaffungsdossiers Gewicht hat. Ob sie sich im Alltag bewährt, ob sie verschmutzungsanfällig ist und wie sich der Abzug nach einigen tausend Schuss anfühlt, kann heute niemand seriös beurteilen. Der Fachdienst Garand Thumb zählt die Haltbarkeit des Trigger Block denn auch ausdrücklich zu den Punkten, die zu beobachten seien.
Erste Stimmen vom Schiessstand
Unabhängige Tests gibt es noch nicht. Was vorliegt, sind Eindrücke von Fachjournalisten und Partnerfirmen, die an der Lancierung mit Waffen und Munition des Herstellers schiessen konnten. Das ist bei Neuheiten üblich, aber es ist eine Einschränkung, die man im Kopf behalten sollte. Der Tenor ist dennoch auffallend positiv.
- GunsAmerica hält fest, die P385 sei keine weitere P320-Variante, sondern eine eigene Plattform. Die MACH3D habe beim Schiessen spürbar flacher gelegen als die übrigen Versionen. Der Autor weist selbst darauf hin, dass einige hundert Schuss an einem Herstelleranlass nur ein erster Eindruck seien.
- David Higginbotham schreibt für den Schalldämpferhersteller SilencerCo, seine ersten Eindrücke seien durchwegs positiv; die Waffe sei leicht zu kontrollieren, schnell und reaktionsfreudig. Ein abschliessendes Urteil behält er sich vor, weil er keine Gelegenheit für eigentliche Drills hatte.
- Thomas Higginbotham berichtet für den Holsterhersteller Safariland, die Abzüge der frühen Exemplare hätten sich nach rund sieben Pfund (gut drei Kilogramm) angefühlt. Das ist eine Schätzung von Hand, kein Messwert.
- Gun Talk nennt die P385 die bedeutendste neue Pistolenplattform von SIG seit der P365 und zitiert Gun Digest mit der Einschätzung, die P385 übernehme zumindest dem Geist nach die Rolle der P320.
- We Are The Mighty bleibt skeptisch und sieht in der P385 eine Lücke gefüllt, die es im Sortiment gar nicht gebe, weil die P320 sie bereits besetze.
Im Familienvergleich: von der Pistole 49 zur P385
Für Schweizer Schützen hat SIG einen besonderen Klang. Die P210, als Pistole 49 Ordonnanzwaffe, gilt bis heute als Referenz für Präzision. Die P220 entstand Mitte der 1970er Jahre für die Schweizer Armee und ist als Pistole 75 seit einem halben Jahrhundert die Dienstwaffe von Generationen von Offizieren und Spezialisten. Mit ihr begründete die damalige Schweizerische Industrie-Gesellschaft das Verriegelungsprinzip, das unter dem Namen SIG-Sauer-System in zahllose Pistolen weltweit eingeflossen ist. Die P385 steht am anderen Ende dieser Linie: Polymergriff, Schlagbolzen, Optik ab Werk, Modularität als Prinzip.
| Modell | Schloss | Kapazität (Standard) | Rolle | Bezug zur Schweiz |
|---|---|---|---|---|
| P210 | Hahn, Single Action | 8 | Präzisions- und Sportpistole | Ordonnanzpistole 49 |
| P220 | Hahn, DA/SA | 8 (Armeeversion) | Dienstpistole | Pistole 75, Armee seit 1975 |
| P226 | Hahn, DA/SA | 15 | Behörden- und Sportpistole | bei Sportschützen verbreitet |
| P320 | Schlagbolzen, ohne Abzugssicherung | 17 | modulare Dienstpistole, US-Streitkräfte (M17/M18) | geplante Pistole 26 |
| P365 | Schlagbolzen | 10 bis 15 je nach Version | verdecktes Tragen | keine Ordonnanzrolle |
| P385 | Schlagbolzen, mit Trigger Block | 17 / 21 (P320-Magazine) | Dienst, Sport, Tragen | in der Schweiz noch nicht angekündigt |
Gegenüber der P320 sind die Unterschiede grösser, als die gemeinsamen Magazine vermuten lassen. Abzugseinheit, Griffstück, Schlitten, Lauf und Holster sind neu. Die Laufachse liegt tiefer, was die Hebelwirkung des Rückstosses auf das Handgelenk verringert. Gegenüber der P365 wiederum ist die P385 klar eine Vollformat- und Dienstwaffe mit doppelreihigem Magazin; für das tiefe verdeckte Tragen bleibt die P365 die schlankere Lösung. SIG betont, P320 und P365 blieben im Sortiment, einschliesslich der Militärversionen M17 und M18.

Die P320-Kontroverse: Fakten statt Schlagzeilen
Wer die P385 einordnen will, kommt an der P320 nicht vorbei. In den USA wird seit Jahren über sogenannte «uncommanded discharges» gestritten, also Schussabgaben, bei denen der Träger sagt, er habe den Abzug nicht betätigt. Die Faktenlage ist widersprüchlich und eignet sich schlecht für einfache Urteile.
Auf der einen Seite stehen über hundert Klagen, zwei Geschworenenurteile gegen SIG aus dem Jahr 2024, darunter ein Urteil über 11 Millionen Dollar in Philadelphia, sowie eine Klage des Staates New Jersey vom Oktober 2025, die einen Verkaufsstopp und einen Rückruf verlangt. Mehrere Behörden haben die Waffe ausgemustert oder pausiert, etwa die Polizei von Houston und die Ausbildungskommission des Staates Washington, die P320, M17 und M18 von ihren Ausbildungsanlagen verbannt hat. SIG klagt gegen dieses Verbot.
Auf der anderen Seite stehen die bisher umfangreichsten Prüfungen. Das amerikanische Verteidigungsministerium erklärte am 07.08.2026 nach einer Überprüfung mit über 1,5 Millionen Schuss, alle untersuchten Vorfälle liessen sich auf eine Betätigung des Abzugs zurückführen und nicht auf einen Mangel der Waffe. Die US Air Force inspizierte nach einem tödlichen Vorfall auf der Basis F. E. Warren im Juli 2025 insgesamt 113’479 Pistolen M18 und fand bei keiner einen Zustand, der eine Schussabgabe ohne Abzugsbetätigung hätte erklären können. Gemäss Army Times machen gemeldete Waffenunfälle weniger als 0,006 Prozent der ausgegebenen Militärpistolen aus. Im August 2026 sprach eine Bundesjury in Maine SIG in einem P320-Fall erstmals in der Sache frei. SIG verweist zudem auf über zwanzig eingestellte oder abgewiesene Klagen.
Ein wichtiger Unterschied geht in der Debatte oft unter: Die Militärversionen M17 und M18 haben eine manuelle Sicherung, viele zivile P320 nicht. Für die Schweizer Beschaffung ist zudem entscheidend, dass die bekannten Probleme der P320 im Armasuisse-Verfahren nicht die Sicherheit betrafen, sondern die Funktionszuverlässigkeit. Dazu gleich mehr.
Die Schweizer Pistolenfrage
Am 04.12.2025 gab das Bundesamt für Rüstung Armasuisse bekannt, die P320 werde Nachfolgerin der Pistole 75. Der Bedarf liegt bei 140’000 Waffen, eine erste Tranche von 50’000 Stück wurde mit der Armeebotschaft 2026 beantragt, budgetiert sind rund 50 Millionen Franken. SIG Sauer sicherte zu, die Produktion in der Schweiz aufzubauen. Laut watson wird der gesamte Ersatz über eine Nutzungsdauer von 30 Jahren auf rund 180 Millionen Franken geschätzt; die Einführung bei der Truppe ist ab 2028 geplant.
Im Rennen waren drei Modelle: die Glock G45, die SFP9 von Heckler & Koch und die P320. Nur die Glock erfüllte gemäss Armasuisse alle Kriterien. Den Ausschlag für SIG gab eine Gesamtbeurteilung, die bei der P320 laut Medienmitteilung «substanzielle Vorteile» in rüstungspolitischer und wirtschaftlicher Hinsicht ergab, namentlich den tiefsten Preis und die Inlandproduktion. Gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz hat watson inzwischen Einsicht in den technischen Erprobungsbericht erhalten. Die Zahlen sind deutlich.

Im sogenannten Lebensdauerbeschuss mit je 20’000 Schuss Ordonnanzmunition, durchgeführt von März bis Mai 2025 im Schiesskanal der SwissP Defence AG in Thun, registrierten die Prüfer bei der Glock 16 Störungen, bei der SFP9 24 und bei der P320 464. Das entspricht einer Störungsrate von knapp 8 Promille, erlaubt waren 2. Rechnerisch blieb die P320 im Schnitt alle 125 Schuss stehen, verlangt waren mindestens 500. Fast alle Störungen hatten laut Bericht dieselbe Ursache: Der Verschluss schloss beim Zuführen einer neuen Patrone nicht vollständig. Auch in den Truppenversuchen schnitt die P320 am schlechtesten ab, die Logistikbasis der Armee verweigerte im Herbst 2025 die Truppentauglichkeit.

Armasuisse relativiert. Die schlechten Noten aus den Truppenversuchen beruhten gemäss SRF auf subjektiven Kriterien wie Handhabung und Ergonomie und spiegelten nicht die technische Sicherheit. Die Störungsrate sei mit einer «marginalen Anpassung» behoben worden, wie Armasuisse-Sprecher Kaj-Gunnar Sievert gegenüber watson erklärte, konkret mit dem «Polieren der Zuführkante». Der Nachweis von weniger als 2 Promille sei Anfang Juni 2026 erbracht worden. Die definitive Konfiguration der Schweizer Armee-P320 konnte SIG Sauer Schweiz allerdings erst Anfang September 2026 mitgeteilt werden. Eine Nullserie aus Schweizer Fertigung liegt laut Armasuisse frühestens Mitte 2027 für die Nachqualifikation und die Prüfung durch die Truppe vor.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| März bis Mai 2025 | Lebensdauerbeschuss in Thun, je 20’000 Schuss |
| Herbst 2025 | Logistikbasis der Armee verweigert der P320 die Truppentauglichkeit |
| 30.10.2025 | Technischer Erprobungsbericht Armasuisse |
| 04.12.2025 | Typenwahl P320, Zusage Produktion in der Schweiz |
| 26.03.2026 | Präsentation der «Pistole 26» mit der Armeebotschaft in Thun |
| Anfang Juni 2026 | Armasuisse: Nachweis Störungsrate unter 2 Promille erbracht |
| Juni 2026 | Ständerat genehmigt die Armeebotschaft, Antrag auf Verzicht abgelehnt |
| 15.09.2026 | Nationalrat hält mit 132 zu 63 Stimmen bei 1 Enthaltung am Kredit fest |
| 22.09.2026 | SIG Sauer lanciert in den USA die P385 |
| ab Mitte 2027 | Nachqualifikation der Schweizer Nullserie, Truppenprüfung |
| ab 2028 | geplante Einführung bei der Truppe |
Pro und Contra im Parlament
Die Debatte im Nationalrat vom 15.09.2026 verlief entlang der bekannten Linien. SVP, FDP, Mitte und GLP stimmten geschlossen für den Kredit. FDP-Nationalrat Heinz Theiler betonte laut watson die inländische Wertschöpfung von rund 90 Prozent und die tiefsten Lebenswegkosten aller geprüften Modelle; die Mängel seien behebbar und beträfen nicht die Sicherheit. Die SVP argumentierte mit der Vollausrüstung jedes Armeeangehörigen und der Unabhängigkeit dank Lizenzproduktion. Die Mitte verwies darauf, dass der Bestand an einsatzfähigen Pistolen 75 in wenigen Jahren erschöpft sei. Die GLP nannte das Fehlen der Truppentauglichkeit kritikwürdig, vertraute aber den Zusicherungen von Bundesrat und Armasuisse.
SP und Grüne beantragten, die 50 Millionen zu streichen oder in die Abwehr von Mini-Drohnen umzulenken. SP-Nationalrat Benoît Gaillard sprach von einem Festhalten an der P320 «entgegen jeder Logik bei einer derartigen Bewertung» und schlug vor, den Kredit ein Jahr später zu beantragen, sobald ein geprüftes Modell vorliege. Der Antrag scheiterte deutlich. Wichtig für die Einordnung: Mit dem Kredit ist die Beschaffung nicht endgültig besiegelt. Beschafft wird die Schweizer P320 nur, wenn die Nullserie die Nachqualifikation besteht und die Armee die Truppentauglichkeit bestätigt.
Hätte die Armee auf die P385 warten sollen?
Die Frage drängt sich auf, ist aber schnell beantwortet: Nein, jedenfalls nicht aus heutiger Sicht. Die P385 war nie Teil der Evaluation, sie ist weder in der Schweiz erprobt noch mit der Ordonnanzmunition Pist Pat 14 getestet. Eine Schweizer Fertigung ist nicht in Sicht. Ein Wechsel hätte das Verfahren auf Feld eins zurückgesetzt, ausgerechnet bei einem Bestand an Pistolen 75, der nach Darstellung der Befürworter zur Neige geht. Zudem ist eine brandneue Plattform für eine Armee, die eine Waffe dreissig Jahre lang nutzen will, ein eigenes Risiko: Kinderkrankheiten zeigen sich erst nach Hunderttausenden von Schüssen in den Händen von Nutzern, nicht an einem Lancierungsanlass.
Die P385 wirft aber eine andere, berechtigte Frage auf: Kauft die Schweiz eine Plattform am Ende ihres Innovationszyklus? Wenn der Hersteller seine neuesten Ideen zu Abzug, Rückstoss und Ergonomie in eine neue Familie steckt und den Trigger Block ausdrücklich nicht auf die P320 überträgt, wird die P320 zur reifen Plattform. Das muss kein Nachteil sein. Reife Waffen sind gut dokumentiert, Ersatzteile und Magazine sind weltweit verfügbar. Die US-Streitkräfte werden die M17 und M18 noch auf Jahre hinaus nutzen. Es heisst aber, dass die Armee mit der P320 auf Bewährtes setzt und nicht auf das Neueste. Bei einer Ordonnanzwaffe ist das eher Tugend als Makel, sofern die Nullserie hält, was versprochen wird.

Was die P385 für Schweizer Sportschützen bedeutet
Für den Schiesssport ist die P385 eine erfreuliche Nachricht. SIG positioniert sie ausdrücklich auch für den Wettkampf und nennt Divisionen wie Carry Optics und Open, die im dynamischen Schiessen nach IPSC-Regeln verbreitet sind. Tiefe Laufachse, Rückstossdämpfung, Kompensator und Leuchtpunktvisier ab Werk sind genau die Zutaten, die im Parcours Zeit sparen. Wer bereits eine P320 schiesst, findet dank der Magazinkompatibilität einen günstigen Einstieg.
Drei Punkte sollten Interessierte beachten. Erstens ist die Verfügbarkeit in der Schweiz offen; SIG hat für Europa bisher nichts angekündigt. Zweitens ist das ab Werk mitgelieferte 21-Schuss-Magazin kein Detail. Seit dem 15.08.2019 gelten Magazine mit mehr als 20 Patronen bei halbautomatischen Faustfeuerwaffen als Ladevorrichtungen mit hoher Kapazität (Art. 4 Abs. 2bis Waffengesetz). Eine Pistole mit 17-Schuss-Magazin lässt sich weiterhin mit einem Waffenerwerbsschein kaufen, zusammen mit dem 21-Schuss-Magazin wird sie jedoch zur verbotenen Waffe und erfordert eine Ausnahmebewilligung. Sportschützen haben Anspruch auf eine erleichterte Ausnahmebewilligung, wenn sie Mitglied eines Schiessvereins sind oder regelmässig schiessen (Art. 28d Waffengesetz); der Nachweis ist nach fünf und nach zehn Jahren erneut zu erbringen. Wer die P385 nur mit 17-Schuss-Magazinen betreiben will, sollte das beim Kauf ausdrücklich so vereinbaren; die Einzelheiten klärt man am besten vorab mit dem kantonalen Waffenbüro. Drittens ist das Holsterangebot in den ersten Monaten schmal; SIG nennt Safariland, ANR und BlackPoint als erste Hersteller.
Risiken und offene Punkte
| Thema | Stand 04.10.2026 | Einschätzung |
|---|---|---|
| Zuverlässigkeit P385 | nur Herstelleranlass, keine Langzeittests | offen |
| Trigger Block | neu, patentiert, ohne Feldbewährung | vielversprechend, zu beobachten |
| Verfügbarkeit Schweiz | nicht angekündigt | offen |
| Schweizer P320 (Pistole 26) | Nullserie frühestens Mitte 2027 | Termin- und Qualitätsrisiko |
| Rechtsstreit P320 USA | gemischte Urteile, Militär bestätigt Sicherheit | Reputationsrisiko, technisch umstritten |
| Plan B Armee | Glock G45 als einziger Kandidat, der alle Kriterien erfüllte | vorhanden |
Kommentar: Ein gutes Zeichen für den Sport, eine Mahnung an die Beschaffer
Die P385 ist, soweit sich das nach den ersten Wochen sagen lässt, eine ernsthafte Ingenieursleistung. Sie greift die berechtigten Wünsche von Sportschützen und Dienstwaffenträgern auf: weniger Hochschlag, ein Griff, der sich der Hand anpasst und nicht umgekehrt, Optik ohne Bastelei sowie eine zusätzliche Sicherung, die den Abzug nicht verschlechtert. Dass SIG dabei die Magazine der P320 übernimmt, ist kundenfreundlich und klug. Für den Schiesssport, der in der Schweiz tief verwurzelt ist und vom Feldschiessen bis zum dynamischen Parcours reicht, ist jede Innovation dieser Art ein Gewinn.
Für die Armee ist die Lehre eine andere. Das Problem der Pistole 26 ist nicht die Marke SIG, deren Name mit der Schweizer Waffentradition verbunden ist wie kaum ein anderer. Das Problem ist ein Verfahren, in dem die technischen Muss-Kriterien zuerst festgelegt und dann zugunsten industriepolitischer Ziele relativiert wurden. Die Inlandproduktion ist ein legitimes Ziel, gerade in unsicheren Zeiten. Sie rechtfertigt aber keine Abstriche bei der Zuverlässigkeit einer Waffe, auf die sich Soldatinnen und Soldaten im Ernstfall verlassen müssen. Der Weg, Vertrauen zurückzugewinnen, ist klar: Die Nachqualifikation der Nullserie muss nach denselben Massstäben erfolgen wie die ursprüngliche Erprobung. Die Resultate gehören veröffentlicht. Besteht die Schweizer P320, hat die Schweiz eine eigene Pistolenfertigung und eine moderne Dienstwaffe. Besteht sie nicht, liegt der Plan B auf dem Tisch. Beides ist besser als ein Kompromiss, über den niemand mehr sprechen will.

Hinweise zur Datenlage
Die technischen Angaben zur P385 stammen vom Hersteller und aus Berichten von Fachmedien, die an einem Herstelleranlass schiessen konnten; unabhängige Messungen fehlen. Einzelne Herstellerangaben sind widersprüchlich (Gesamtlänge, Zuordnung der Lauflängen). Ein Händlerportal meldete bereits Auslieferungen in den USA, während SIG die Modelle noch als «demnächst erhältlich» führt. Die Zahlen aus dem Armasuisse-Erprobungsbericht sind nicht öffentlich publiziert, sondern stammen aus von watson nach Öffentlichkeitsgesetz eingesehenen, teilweise geschwärzten Dokumenten. Angaben zu US-Gerichtsverfahren stützen sich teilweise auf Sekundärquellen. Stand aller Angaben: 04.10.2026.
Quellen
SIG Sauer: Produktseiten P385 und P385-FULL inklusive FAQ (sigsauer.com); SIG Sauer, Medienmitteilung vom 22.09.2026 (PR Newswire); The Firearm Blog, 23.09.2026; Soldier Systems Daily, 23.09.2026 und 21.08.2026; Recoil, 23.09.2026; Gun Talk, 23.09.2026; GunsAmerica; SilencerCo; Safariland; Garand Thumb; We Are The Mighty; Primary Arms; Armasuisse, Medienmitteilung vom 04.12.2025; watson.ch, Berichte vom 02.04.2026, 15.09.2026 und 16.09.2026; SRF, 26.03.2026; 20 Minuten, 26.03.2026; Tages-Anzeiger, Juni 2026; Allianz Sicherheit Schweiz, 15.09.2026; Army Times, 19.08.2026; Police1; Homeland Arms, 28.03.2026; Pew Pew Tactical; KY Gun Co.; Bauer Precision; Classic Firearms; Bundesgesetz über Waffen (Waffengesetz, WG) und Waffenverordnung (fedlex.admin.ch); Schweizer Schiesssportverband, Informationen zum Waffengesetz.



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