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Analyse

Ohne erste Stelle keine Karriere: Wie die KI den Berufseinstieg verändert

Ein kleinerer Anteil an Inseraten für Berufseinsteiger, mehr arbeitslose Informatiker, eine stabile Lehre: Was die Daten über KI und den Start ins Berufsleben wirklich sagen.

Symbolbild: Ein junger Mann in einem Vorstellungsgespräch
Symbolbild: Vorstellungsgespräch. Bild: Amtec Photos, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Ein Drittel weniger Junior-Jobs: Die Zahl geistert seit dem Sommer durch Schlagzeilen und Verbandspapiere. Sie stammt aus dem KI-Report von jobs.ch und misst etwas sehr Bestimmtes. Der Anteil der Inserate für Berufseinsteiger an allen Stelleninseraten lag 2025 um 32 Prozent tiefer als im Durchschnitt der Jahre 2019 bis 2022. Das ist ein Warnsignal. Ein Beweis dafür, dass die künstliche Intelligenz den Jungen die Stellen wegnimmt, ist es nicht.

Wer über KI und Einstiegsjobs streitet, findet in der Schweiz inzwischen erstaunlich viele Daten. Sie zeichnen ein differenzierteres Bild als die Schlagzeilen. Die Arbeitslosigkeit in Berufen, deren Aufgaben sich stark mit generativer KI erledigen lassen, ist deutlich stärker gestiegen als anderswo. Hochschulabsolventen in Technik und IT sowie in den Wirtschaftswissenschaften finden schwerer eine Stelle. Die registrierte Jugendarbeitslosigkeit bewegt sich dagegen im Gleichschritt mit dem übrigen Arbeitsmarkt, in den Umfragen des Bundes stieg die Erwerbslosigkeit der Jungen 2025 allerdings zeitweise deutlich schneller. Und die Berufslehre, für die sich laut SBFI rund zwei Drittel der Jugendlichen entscheiden, zeigt bisher keine Spur einer KI-Delle.

QuelleWas gemessen wirdErgebnis
jobs.ch KI-Report (24.06.2026)Anteil der Einsteiger-Inserate an allen Inseraten2025 minus 32 Prozent gegenüber dem Mittel 2019 bis 2022
KOF ETH Zürich (Oktober 2025)Arbeitslose in stark KI-exponierten BerufenAnstieg bis zu 27 Prozent stärker als in wenig exponierten Berufen
SECO (Septemberberichte 2022 und 2026, eigene Berechnung)Registrierte Arbeitslose, 15 bis 24 JahrePlus 53 Prozent seit September 2022, Gesamtheit plus 57 Prozent
BFS, Erwerbslosenquote nach ILO (17.02.2026)15- bis 24-Jährige8,9 Prozent im vierten Quartal 2025, nach 8,3 Prozent ein Jahr zuvor (gesamt 5,0 nach 4,4 Prozent)
BFS-Absolventenbefragung (27.08.2026)Erwerbslosigkeit ein Jahr nach AbschlussFH-Bachelor Technik und IT 6,4 Prozent, Jahrgang 2022 3,0 Prozent
Nahtstellenbarometer SBFI (11.06.2026)Angebot an Lehrstellen im FrühlingRund 74’000 Lehrstellen, Markt stabil
SBFI, Lehrstellenmarkt (17.09.2026)Abgeschlossene Lehrverträge bis Ende AugustRund 76’000, im Rahmen der Vorjahre
Nahtstellenbarometer SBFI, August-Erhebung (29.10.2026)Lehrstellen und Besetzung bis AugustRund 86’000 angeboten, über 75’000 besetzt (88 Prozent)
Stanford Digital Economy Lab (12.08.2026)Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen in exponierten Berufen in den USA19 Prozent tiefer als bei gleichem Verlauf wie in wenig exponierten Berufen
Die wichtigsten Befunde zu KI und Berufseinstieg in der Schweiz

Die Zahl, die alle zitieren

Der KI-Report von jobs.ch wertet 7,3 Millionen Inserate aus, die zwischen 2019 und 2025 auf jobs.ch, jobup.ch und JobScout24.ch erschienen sind. Er vergleicht eine Phase vor der KI, 2019 bis 2022, mit der Phase danach, 2023 bis 2025. Der Befund zu den Einsteigern betrifft alle Berufe. Er misst den Anteil der Inserate, nicht ihre Zahl. Wenn also insgesamt weniger Stellen ausgeschrieben werden und Firmen vor allem bei den Einsteigern sparen, sinkt dieser Anteil. In der öffentlichen Debatte wurde daraus, etwa bei Economiesuisse, ein Rückgang der Zahl der Stellenausschreibungen «seit Ende 2022». So steht es nicht im Report.

Als KI-exponiert gelten bei jobs.ch Rollen in Informatik, Administration und Personalwesen, Banking und Finanzen, Marketing, Einkauf und Verkauf. Sie machen 44 Prozent aller Inserate aus. Laut dem Report ist der Anteil der Einsteiger dort relativ stärker gesunken als im Rest des Marktes. JobCloud-Chef Marco Bertoli fasst es so zusammen: «Wer heute ins Berufsleben einsteigt, trifft auf einen anderen Arbeitsmarkt als noch vor wenigen Jahren.»

Dazu kommt die Stimmung. 41 Prozent der befragten unter 25-Jährigen machen sich nach dem Report grosse oder sehr grosse Sorgen, künftig teilweise durch KI ersetzt zu werden. Bei den 25- bis 34-Jährigen sind es 37 Prozent. Die Befragung lief über die Plattformen und Newsletter von JobCloud und ist nach eigener Angabe nicht bevölkerungsrepräsentativ. Als Stimmungsbild taugt sie trotzdem.

Kennzahlen zu KI und Einstiegsjobs in der Schweiz: minus 32 Prozent Anteil der Einsteiger-Inserate, bis zu 27 Prozent stärkerer Anstieg der Arbeitslosen in exponierten Berufen
Sechs Kennzahlen zu KI und Berufseinstieg. Quellen: jobs.ch, KOF ETH Zürich, SECO (eigene Berechnung), BFS, SBFI.

Was die Arbeitslosenstatistik zeigt

Der härteste Test für die These von den verdrängten Jungen ist die amtliche Statistik. Im September 2022, rund zwei Monate vor der Lancierung von ChatGPT, zählte das SECO 9’368 arbeitslose 15- bis 24-Jährige. Im September 2026 waren es 14’346. Das ist ein Plus von 53 Prozent. Die Zahl aller registrierten Arbeitslosen stieg im gleichen Zeitraum von 89’526 auf 140’480, also um 57 Prozent. Die Jugendarbeitslosenquote kletterte von 2,1 auf 3,3 Prozent, die Gesamtquote von 1,9 auf 3,0 Prozent.

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Nimmt die KI den Jungen die Einstiegsjobs weg?
Ja, die Lehrjahre im Büro verschwinden 100 %Nein, es entstehen neue Chancen 0 %
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Unter den Jungen gibt es also deutlich mehr Arbeitslose als vor vier Jahren, doch der Anstieg ist bei den registrierten Arbeitslosen nicht steiler als bei allen anderen. Ihr Anteil an den Arbeitslosen lag 2022 bei 10,5 Prozent und 2026 bei 10,2 Prozent. Eine KI-Welle, die gezielt die jüngsten Einsteiger trifft, müsste diesen Anteil steigen lassen. Das ist bisher nicht geschehen. Hochschulabsolventen, die älter als 24 Jahre sind, erfasst diese Zahl allerdings nicht.

Linien zeigen die Entwicklung der registrierten Arbeitslosen insgesamt und der 15- bis 24-Jährigen seit 2022 nahezu im Gleichschritt
Registrierte Arbeitslose im September, Index September 2022 = 100. Die Zahl der 15- bis 24-Jährigen für 2025 ist aus dem Vorjahresvergleich im SECO-Bericht 2026 abgeleitet. Quelle: SECO, eigene Berechnung.

Die Arbeitslosenstatistik hat aber blinde Flecken. Sie erfasst nur Personen, die bei einem RAV gemeldet sind. Wer nach dem Studium ohne vorherige Erwerbstätigkeit eine Stelle sucht, erhält erst nach einer Wartezeit von 120 Tagen höchstens 90 Taggelder. Viele Erwerbslose sind gar nicht beim RAV gemeldet, wie die deutlich höhere Erwerbslosenquote des BFS zeigt. Diese Quote nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation beruht auf Umfragen.

Die Erwerbslosenquote der 15- bis 24-Jährigen stieg vom zweiten Quartal 2024 bis zum zweiten Quartal 2025 von 5,9 auf 7,6 Prozent, deutlich stärker als die Gesamtquote, die von 4,0 auf 4,6 Prozent zulegte. Im vierten Quartal 2025 erreichte sie 8,9 Prozent, nach 8,3 Prozent ein Jahr zuvor. Damit stieg sie um gleich viele Prozentpunkte wie die Gesamtquote, die von 4,4 auf 5,0 Prozent kletterte. Nach dieser Messung haben die Jungen also zeitweise stärker gelitten. Im zweiten Quartal 2026 lag die Gesamtquote bei 4,9 Prozent, nach 4,6 Prozent ein Jahr zuvor.

Dazu kommt ein saisonales Muster. Jeden Sommer steigt die Jugendarbeitslosigkeit, weil nach dem Lehrabschluss viele Junge eine Stelle suchen, wie das SECO in früheren Jahren erklärte. 2026 kamen von Juli auf August 2’384 registrierte Arbeitslose unter 25 Jahren dazu, das sind 19,4 Prozent. Gegenüber dem August 2025 betrug das Plus 7,3 Prozent, bei der Gesamtheit 7,1 Prozent.

Die KOF findet Spuren

Eine der wichtigsten Schweizer Untersuchungen stammt von Jeremias Kläui und Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich. Sie verglichen Berufe, deren Aufgaben sich stark mit generativer KI erledigen lassen, mit wenig betroffenen Berufen. Ergebnis: Die Zahl der arbeitslosen Stellensuchenden in stark exponierten Berufen ist seit Herbst 2022 um bis zu 27 Prozent stärker gestiegen. Bei den unter 50-Jährigen hat sie sich in diesen Berufen mehr als verdoppelt. Die Stelleninserate in stark betroffenen Berufsfeldern erreichten 2024 und 2025 nur noch 60 bis 70 Prozent des Ausgangsniveaus. «Insgesamt deuten die Resultate aber recht stark darauf hin, dass generative KI hinter dem zuletzt beobachteten Anstieg der Arbeitslosigkeit in einigen stark KI-exponierten Berufen steht», sagte Siegenthaler bei der Publikation.

Siegenthaler hat die Analyse 2026 nachgeführt. In einem Gastbeitrag für die «Netzwoche» nennt er nun bis zu 30 Prozent. Die Zahl der arbeitslosen Softwareentwickler habe sich von Ende 2022 bis Ende 2025 fast verdreifacht. «Es gibt kaum plausible alternative Faktoren, die diesen abrupten Anstieg erklären könnten», schreibt er.

Die Autoren sind dennoch vorsichtig. Ihre Analyse sei kein abschliessender Beweis für den Einfluss der KI, halten sie fest. Sie misst Verschiebungen zwischen Berufen, nicht den Gesamteffekt: Die Zahl der Beschäftigten in der Schweiz stieg zwischen dem dritten Quartal 2020 und dem zweiten Quartal 2025 um 7,4 Prozent. Und für die Frage nach den Einsteigern ist ein Detail wichtig. Die Gruppe der 15- bis 19-Jährigen schliesst die Studie wegen zu kleiner Fallzahlen aus. Eine eigene Auswertung für Lehrabgänger enthält sie nicht.

Ein ähnliches Muster zeigt das Zürcher Wirtschaftsmonitoring vom September 2026. Im Kanton Zürich stieg die Zahl der Stellensuchenden in KI-exponierten Berufen von Oktober 2022 bis Juni 2026 um 118 Prozent, in Berufen mit tiefer Exposition um 13 Prozent. Treiber waren Softwareentwicklung, allgemeine Bürotätigkeiten und Marketing. Einen kausalen Zusammenhang könne man daraus nicht ablesen, betont der Kanton.

Balkengrafik: Stellensuchende in KI-exponierten Berufen plus 118 Prozent, mittlere Exposition plus 66 Prozent, tiefe Exposition plus 13 Prozent
Veränderung der Zahl der Stellensuchenden im Kanton Zürich von Oktober 2022 bis Juni 2026, nach KI-Exposition der Berufe. Quelle: Zürcher Wirtschaftsmonitoring September 2026 via «Netzwoche».

Wie breit die Betroffenheit ist, hat der Internationale Währungsfonds in seinem Länderbericht vom September 2026 abgeschätzt. Rund 68 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen arbeiten demnach in Berufen mit deutlicher KI-Exposition. Etwa ein Viertel ist stark exponiert, während die KI ihre Arbeit nur begrenzt ergänzt. Allein solche Stellen in der Finanz- und Versicherungsbranche, in Information und Kommunikation sowie im Gastgewerbe machen laut dem Bericht rund 13 Prozent der Gesamtbeschäftigung aus. Einstiegsstellen untersucht der Bericht nicht gesondert.

Wo es eng wird: im Büro und an der Hochschule

Die deutlichsten Warnsignale betreffen nicht die Lernenden, sondern Hochschulabsolventen. Laut der Absolventenbefragung des BFS vom 27.08.2026 waren ein Jahr nach dem Abschluss 6,4 Prozent der Fachhochschul-Bachelors im Fachbereich Technik und IT erwerbslos, beim Jahrgang 2022 waren es 3,0 Prozent. Bei den Universitäts-Masters in Wirtschaftswissenschaften stieg der Wert von 3,5 auf 8,5 Prozent, über alle universitären Master-Abschlüsse von 3,9 auf 6,4 Prozent. Am häufigsten nannten die Befragten fehlende Berufserfahrung als Grund für ihre Schwierigkeiten, daneben die Stellensituation im Fachbereich und die Wirtschaftslage. Die KI taucht im Bericht nicht als Ursache auf.

Die Hochschule Luzern hat für ihren Swiss AI Jobs Report 2026 die Inserate für KI-Fachleute ausgewertet. Von Juli 2025 bis Juni 2026 wurden knapp 5’000 solche Stellen ausgeschrieben, laut der Studie 32 Prozent mehr als im Vorjahr. Zwar nahm auch die Nachfrage nach Einsteigern zu, doch nur 5 Prozent der Inserate waren feste Junior-Stellen. Stellen für erfahrene Spezialisten nahmen um 42 Prozent zu. Selbst für Einstiegspositionen würden oft zwei bis drei Jahre Berufserfahrung verlangt, heisst es in der Studie. «Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger beschreiben den Stellenmarkt als äusserst kompetitiv», sagt Studienautor Curdin Derungs.

Der Ökonom Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz sieht vor allem die Neueinsteiger unter Druck, weil sie im Management-Bereich oft mit Recherchen, Berichten und Marktanalysen betraut sind. «Gerade diese Tätigkeiten lassen sich leicht mit KI erledigen, so dass es für Neueinsteiger schwieriger wird», sagte er im April gegenüber «Nau.ch». Ähnlich klingt es aus der Beratung. «KI verändert, wie Karrieren beginnen und Fachwissen entsteht», sagt Adrian Jones, Partner bei PwC Schweiz. Und der Unternehmer Christian Bartholet, Chef der Grass & Partner AG, hält fest: «Besonders herausfordernd ist aktuell die Situation nach meiner Einschätzung für Berufseinsteiger.»

Video: «Jung, studiert, arbeitslos? So schwer ist der Job-Einstieg für junge Menschen», «Tagesschau» (ARD), 01.10.2026. Der Beitrag begleitet einen Absolventen der Wirtschaftsinformatik und eine Softwareentwicklerin in Deutschland.

Die Lehre als Puffer

Ganz anders sieht es bei der Berufslehre aus, für die sich in der Schweiz laut SBFI rund zwei Drittel der Jugendlichen entscheiden. Das Nahtstellenbarometer, für das gfs.bern im Auftrag des SBFI von Februar bis April 2026 rund 7’500 Jugendliche und 5’000 Unternehmen befragte, meldet einen stabilen Lehrstellenmarkt. Zum Zeitpunkt der Befragung boten die Betriebe hochgerechnet rund 74’000 Lehrstellen an. 72 Prozent der Betriebe schrieben gleich viele Stellen aus wie im Vorjahr, je 10 Prozent mehr oder weniger. Die kaufmännische Grundbildung bleibt laut dem Barometer besonders gefragt.

Ende Mai waren über 54’500 Lehrverträge unterschrieben, etwa gleich viele wie ein Jahr zuvor. Bis Ende August wurden gesamtschweizerisch rund 76’000 Lehrverträge abgeschlossen, laut SBFI im Rahmen der Vorjahre. Die August-Erhebung des Nahtstellenbarometers, deren Ergebnisse das SBFI am 29.10.2026 veröffentlichte, zeigt dasselbe Bild. Die Betriebe hielten ihr Angebot konstant: Sie boten rund 86’000 Lehrstellen an, bis August waren über 75’000 besetzt, was einer Besetzungsquote von 88 Prozent entspricht. Von den über 91’000 Jugendlichen, die im Sommer 2026 die obligatorische Schule abschlossen, wählten 49 Prozent eine berufliche Grundbildung, 34 Prozent einen allgemeinbildenden Weg und 17 Prozent eine Zwischenlösung; die Anteile blieben laut SRF gegenüber dem Vorjahr konstant. In den Mitteilungen des Bundes zur Lehre vom Juni und September kommt die KI nicht vor, ebenso wenig im Bericht über die August-Erhebung.

Archivbild von 1990: Eine kaufmännische Lernende der Swissair arbeitet an einem Computer
Archivbild von 1990: Kaufmännische Lernende bei der Swissair. Die KV-Lehre ist bis heute einer der wichtigsten Einstiege ins Büro. Bild: Swissair / ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, LBS_SR04-026171, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Fachleute sehen den Druck deshalb noch nicht im Lehrstellenmarkt angekommen. «Das Angebot im KV-Bereich scheint nicht oder noch nicht wesentlich zurückzugehen», sagte Urs Casty, Gründer der Lehrstellenplattform Yousty, im August der «Bilanz». Der Bildungsökonom Stefan C. Wolter von der Universität Bern verweist auf die Betriebe: «Wenn etwas am Lehrstellenmarkt in einem grösseren Umfang passiert, dann muss es von den Unternehmen her kommen.» Patrick Leisibach von Avenir Suisse hält fest: «Aktuell ist der Druck, dass ein Beruf in Gefahr ist, in vielen Bereichen noch nicht angekommen.» Alexander Bélaz, Präsident des Arbeitnehmerverbands Angestellte Schweiz, formuliert es in einem Gastbeitrag grundsätzlich: «KI ersetzt selten den ganzen Beruf, sondern einzelne Aufgaben, Routinen, erlernte Muster.»

Ein erstes Warnsignal gibt es trotzdem. Im August 2026 wurde bekannt, dass die Berner Ausbildungsfirma BICT schliessen muss. Rund 120 Jugendliche in Informatik und Mediamatik bangten um ihre Ausbildung. Der Gründer nannte neben einem Covid-Kredit, der Wirtschaftslage und Sparmassnahmen bei der Post und beim Bund auch die KI als einen von mehreren Gründen. Laut einem Update der «Netzwoche» vom 11.09.2026 übernimmt die Technische Fachschule Bern die 80 Lernenden im ersten und zweiten Lehrjahr bis November 2026.

Der Vergleich mit den amerikanischen Studien hat deshalb Grenzen. Die viel zitierten Stanford-Daten betreffen die 22- bis 25-Jährigen in den USA. In der Schweiz entscheiden sich laut SBFI rund zwei Drittel der Jugendlichen für eine berufliche Grundbildung. Vieles spricht dafür, dass ein Lehrbetrieb anders rechnet: Er bildet auch aus, um eigene Fachleute heranzuziehen. Diese Rechnung dürfte sich mit der KI langsamer ändern als die Rechnung eines Unternehmens, das einen fertig ausgebildeten Junior einstellen soll.

Archivbild von 1990: KV-Lernende der Swissair besprechen Unterlagen an einem TischArchivbild um 1990: Ein Elektronik-Lernender der Swissair arbeitet an MessgerätenArchivbild um 1990: Gruppenaufnahme von Swissair-Lernenden vor dem Heck eines Flugzeugs in Zürich-Kloten
Lehrlingsausbildung bei der Swissair um 1990: KV-Lernende, ein Elektronik-Lernender und eine Gruppenaufnahme vor einer Maschine in Zürich-Kloten. Bilder: Swissair / ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

KI und Einstiegsjobs in Amerika: Was die Stanford-Daten zeigen

Eine der meistzitierten internationalen Studien heisst «Canaries in the Coal Mine?» und stammt von Erik Brynjolfsson, Bharat Chandar und Ruyu Chen vom Stanford Digital Economy Lab. Die Forscher werten Lohndaten des Abrechnungsdienstleisters ADP für Millionen von Beschäftigten in den USA aus. In der Fassung vom August 2025 schätzten sie für die 22- bis 25-Jährigen in den am stärksten exponierten Berufen einen relativen Beschäftigungsrückgang von 13 Prozent. In der Revision vom 12.08.2026 verwenden sie ein einfacheres Mass. Danach liegt die Beschäftigung dieser Gruppe 19 Prozent unter dem Niveau, das sie erreicht hätte, wenn sie mit den wenig exponierten Berufen Schritt gehalten hätte. Mit Daten bis Juli 2025 waren es nach diesem Mass 15 Prozent.

Die Lücke entsteht nach den Daten vor allem durch weniger Neueinstellungen junger Beschäftigter, nicht durch mehr Abgänge. Eine breite Verdrängung sehen die Autoren aber nicht. Sie betonen ausdrücklich, dass ihre Arbeit keinen kausalen Effekt der KI schätzt. Eine Auswertung der Firmenkarten-Anbieterin Ramp und von Revelio Labs zu über 21’000 US-Firmen, auf die sich Economiesuisse im Juli berief, kommt zu einem anderen Schluss. Firmen, die KI intensiv nutzen, bauten die Beschäftigung in den zwei Jahren nach der Einführung um rund 10 Prozent aus, bei den Einstiegsstellen um rund 12 Prozent.

Eine weitere Studie relativiert die Sorge um die Hochschulabgänger. Laut einem Diskussionspapier von Robert Fairlie und Jane Wu (University of California, Los Angeles), das im September 2026 in der Diskussionspapier-Reihe des Ökonomennetzwerks IZA@LISER erschien, stieg die Arbeitslosigkeit der 22- bis 25-jährigen Bachelor-Absolventen in den USA im Sommer 2026 gegenüber früheren Sommern nicht sprunghaft an. Ein signifikanter Zusammenhang mit der KI-Exposition der Berufe zeigt sich nicht, einen kausalen Schluss ziehen auch diese Autoren nicht.

Konjunktur, Zölle, Indien: die anderen Verdächtigen

Dass die KI nicht allein verantwortlich sein dürfte, zeigt schon der Zeitpunkt. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit fiel in eine Phase schwacher Industriekonjunktur und, ab 2025, des Zollstreits mit den USA. Die KOF fand einen negativen Effekt bei den Inseraten bereits im Pandemiejahr 2020, also vor ChatGPT. Dazu kommt die Auslagerung. Die UBS baut laut «Nau.ch» Tausende Stellen in der Schweiz ab und plant 3’000 Stellen in Indien, betont aber, beides habe nichts miteinander zu tun. Die Swisscom baut in Lissabon einen Standort für Dienstleistungen in den Bereichen IT, Softwareentwicklung und Finanzen auf, laut AWP ab 2027 mit rund 40 und mittelfristig mit rund 200 Mitarbeitenden. Laut einem Bericht von «Nau.ch» betrifft die Auslagerung nach Indien besonders das administrative und IT-nahe Umfeld, auch Stellen auf tiefen Stufen.

Wie schwer sich die Ursachen trennen lassen, zeigt die Telekomfirma Sunrise. Am 23.10.2026 teilte sie mit, sie werde 358 betriebsbedingte Kündigungen aussprechen. Im September war noch von bis zu 450 Vollzeitstellen die Rede gewesen. Ziel des Umbaus sind laut Sunrise unter anderem erhebliche Kosteneinsparungen. Laut dem Westschweizer Fachportal «ICTjournal» zählt das Unternehmen KI und datenbasierte Automatisierung zu den Werkzeugen («outils»), die es beim Umbau einsetzen will. Lernende nahm Sunrise bei der Ankündigung im September vollständig vom Abbau aus.

Auf der anderen Seite steht die Demografie. Laut Deloitte erreichen in den nächsten zehn Jahren rund 900’000 Beschäftigte das Rentenalter, rund ein Fünftel der Erwerbstätigen. In Pflege, Handwerk, Transport und Bildung ist laut der Studie der Anteil der über 55-Jährigen besonders hoch, das Automatisierungspotenzial heutiger KI aber gering. Deloitte erwartet dort trotz KI einen zunehmenden Arbeitskräftemangel. Für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz komme es darauf an, wie schnell und wie wirksam die Unternehmen generative KI in ihren Arbeitsalltag integrierten, sagt Deloitte-Chefökonom Michael Grampp: «Sie müssen damit produktiver werden und ihre Mitarbeitenden für veränderte Aufgaben qualifizieren.» Sein Kollege Marc Beierschoder, Leiter KI und Daten bei Deloitte Schweiz, warnt vor einem anderen Fehler: «Die grösste Gefahr ist nicht, dass KI Arbeitsplätze ersetzt.» Gefährlicher sei, dass Unternehmen ihre Arbeitsweisen unverändert liessen und einfach KI darüberlegten.

Video: «KI und Arbeitsmarkt: Ist ein Job im Handwerk sicherer als ein Bürojob?», NDR Info, 22.06.2026. Der Beitrag besucht einen Dachdeckerbetrieb in Hannover.

Arena: Nimmt die KI den Jungen die Einstiegsjobs weg?

Pro: Ja, die Lehrjahre im Büro verschwinden

  • Der Anteil der Inserate für Berufseinsteiger lag 2025 um 32 Prozent unter dem Mittel der Jahre 2019 bis 2022 (jobs.ch).
  • In stark KI-exponierten Berufen stieg die Arbeitslosigkeit bis zu 27 Prozent stärker, bei Softwareentwicklern hat sie sich fast verdreifacht (KOF).
  • Hochschulabsolventen in Technik und IT sowie in den Wirtschaftswissenschaften finden deutlich schwerer eine Stelle (BFS).
  • Nach der Erwerbslosenquote des BFS stieg die Erwerbslosigkeit der 15- bis 24-Jährigen im zweiten Quartal 2025 im Vorjahresvergleich deutlich stärker als die Gesamtquote.
  • Recherchen, Berichte und Marktanalysen, mit denen Neueinsteiger oft beginnen, lassen sich leicht mit KI erledigen, sagt der Ökonom Mathias Binswanger.
  • Wer heute keine Junioren einstellt, hat morgen keine erfahrenen Fachleute.

Contra: Nein, es entstehen neue Chancen

  • Die registrierte Jugendarbeitslosigkeit ist seit 2022 nicht stärker gestiegen als die Arbeitslosigkeit insgesamt (SECO).
  • Der Lehrstellenmarkt ist stabil, bis Ende August 2026 wurden rund 76’000 Lehrverträge abgeschlossen, im Rahmen der Vorjahre (SBFI).
  • Rund 900’000 Pensionierungen in zehn Jahren kann die KI laut Deloitte nicht abfedern; das spricht für gute Chancen des Nachwuchses.
  • «KI vernichtet nicht die Jobs der Berufseinsteiger, sondern schafft zusätzliche Arbeitsplätze», schreibt David Stauffacher von Economiesuisse.
  • Konjunktur, Zölle und Auslagerungen dürften einen Teil des Rückgangs erklären, die Studien weisen keinen kausalen KI-Effekt nach.

Was Junge und Firmen jetzt tun können

Ein Befund aus der Praxis spricht für die Optimisten. Die Arbeitsmarktbeobachtung Amosa, ein Verbund mehrerer Deutschschweizer Kantone, befragte knapp 6’000 Stellensuchende und rund 700 Unternehmen. Wer KI regelmässig nutzt, erhielt laut Amosa rund 48 Prozent mehr Einladungen zu Vorstellungsgesprächen. Die Firmen schätzten, dass rund 39 Prozent der Bewerbungen zumindest teilweise mit KI geschrieben wurden.

Die Berufsbildung reagiert ebenfalls. Der Verband ICT-Berufsbildung Schweiz hat einen eidgenössischen Fachausweis «AI Business Specialist» geschaffen, die erste Berufsprüfung war nach Angaben vom Oktober 2025 für den Herbst 2026 vorgesehen. Der Internationale Währungsfonds bescheinigt der Schweiz eine gute Ausgangslage: Das Bildungs- und Berufsbildungssystem sei eine starke Grundlage für den Einsatz der KI. Eine frühere Integration digitaler und KI-bezogener Kompetenzen könnte die Schweiz noch besser vorbereiten, schreibt er. Vor allem bezahlbare Weiterbildung in der Mitte des Berufslebens helfe den Beschäftigten, sich an veränderte Anforderungen anzupassen.

Kommentar: Die Treppe nicht abbauen

Die KI nimmt den Jungen in der Schweiz nicht die Zukunft weg. Wer das behauptet, muss erklären, warum die registrierte Jugendarbeitslosigkeit seit 2022 nicht schneller gestiegen ist als die Arbeitslosigkeit insgesamt und warum die Betriebe 2026 so viele Lehrstellen anbieten wie im Vorjahr. Wer die Warnsignale wegredet, muss aber erklären, warum arbeitslose Informatiker und Wirtschaftsabsolventen sich häufen, warum die Erwerbslosigkeit der Jungen in den Umfragen des Bundes zeitweise stärker stieg und warum nur 5 Prozent der Inserate für KI-Fachleute feste Junior-Stellen sind.

Die Wahrheit liegt im Büro. Dort übernimmt die Maschine die Routine, an der sich Generationen von Einsteigern hochgearbeitet haben: Protokolle, Recherchen, erste Entwürfe, einfache Programmierarbeit. Ein Unternehmen, das diese Aufgaben der KI überlässt und deshalb keine Junioren mehr einstellt, spart kurzfristig. Langfristig sägt es an dem Ast, auf dem es sitzt. Erfahrene Fachleute fallen nicht vom Himmel. Sie entstehen aus Einsteigern, denen jemand eine Chance gab.

Die Schweiz hat mit der Berufslehre ein Modell, das genau dieses Denken in den Betrieben verankert. Es wäre ein Fehler, ausgerechnet jetzt an ihm zu sparen. Die Verantwortung liegt bei den ausbildenden Firmen und bei den Jungen selbst. Sie müssen lernen, die neuen Werkzeuge zu beherrschen, statt sie zu fürchten. Der Staat muss dafür keine neuen Vorschriften erlassen. Er muss dafür sorgen, dass Lehrpläne und Weiterbildung mit dem Tempo der Technik Schritt halten.

Alle Angaben Stand 30.10.2026. Arbeitslosenzahlen nach SECO (registrierte Arbeitslose, jüngster veröffentlichter Monat September 2026), Erwerbslosenquoten nach BFS (Definition der Internationalen Arbeitsorganisation). Die Erwerbslosenquote der 15- bis 24-Jährigen ist bis zum vierten Quartal 2025 ausgewiesen, dem jüngsten Wert, den wir in einer Mitteilung des BFS prüfen konnten. Die Mitteilungen zum ersten und zweiten Quartal 2026 nennen für diese Altersgruppe keinen Wert. Die Ergebnisse der August-Erhebung des Nahtstellenbarometers stammen aus dem Bericht von SRF vom 29.10.2026 über die Mitteilung des SBFI; die Mitteilung selbst konnten wir nicht einsehen. Die Zahl der 15- bis 24-jährigen Arbeitslosen im September 2025 ist aus dem Vorjahresvergleich des SECO abgeleitet. Die Videos stammen von deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern und beziehen sich auf Deutschland.

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Quellen

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