Amerika ja, Trump nein: Warum wir die USA lieben und ihren Präsidenten nicht brauchen
39 Prozent, dann 15, dann 10, jetzt bis zu 12,5: Die Zollpolitik Washingtons gegenüber der Schweiz gleicht einem Stimmungsbarometer. Wer daraus einen Bruch mit Amerika ableitet, verwechselt einen Mann mit einem Land.

Die Chronik einer Erpressung
Man muss die Abfolge einmal aufschreiben, um ihre Absurdität zu erfassen. Im August 2025 verhängte Washington 39 Prozent Zoll auf Schweizer Waren, den höchsten Satz für ein westliches Industrieland. Im November folgte eine Absichtserklärung: 15 Prozent, im Gegenzug Investitionszusagen der Schweizer Wirtschaft von rund 200 Milliarden Dollar. Im Februar 2026 kippte der Supreme Court die Rechtsgrundlage; ab dem 24. Februar galten 10 Prozent nach Section 122, befristet auf 150 Tage. Seit dem 24. Juli gilt ein Zusatzzoll von bis zu 12,5 Prozent nach Section 301, mit der Begründung, in der Schweiz gebe es Zwangsarbeit, was Bern zu Recht als grotesk zurückweist. Auf Stahl, Aluminium und Kupfer bleiben 50 Prozent. Auf Pharma seit April 15 Prozent, mit der Drohung, auf 100 zu gehen. Am 19. August erklärte der Präsident, er habe «das absolute Recht, alle Geschäfte mit der Schweiz zu beenden».
Das ist keine Handelspolitik. Das ist eine Laune mit Zollnummer.

Der Reflex, der falsch ist
Die Versuchung ist gross, aus diesem Chaos einen Schluss zu ziehen, der in Europa längst Mehrheitsmeinung ist: Die Vereinigten Staaten seien kein verlässlicher Partner mehr, der Westen müsse sich neu erfinden, die Schweiz solle sich nach China wenden, wo das aktualisierte Freihandelsabkommen 99,8 Prozent der Exporte zollfrei stellt. Die Zahlen scheinen die These zu stützen: 54,7 Milliarden Franken exportierte die Schweiz 2025 in die USA, ein Rekord, und ein Überschuss von 54,3 Milliarden, der jetzt als Waffe gegen sie verwendet wird.
Aber der Schluss ist falsch. Er verwechselt eine Regierung mit einer Nation, einen Präsidenten mit einer Verfassung, vier Jahre mit 250.
Was Amerika ist
Die Vereinigten Staaten sind das einzige Land der Welt, das aus einer Idee gegründet wurde, nicht aus einem Volk. Diese Idee, dass Freiheit dem Staat vorausgeht und nicht von ihm gewährt wird, ist auch die Idee der Schweiz. Beide Länder sind Bundesstaaten aus Misstrauen gegen die Zentralgewalt. Beide sind bewaffnete Demokratien, in denen der Bürger dem Staat nicht ausgeliefert ist. Beide haben ihre Verfassung im 19. Jahrhundert geschrieben und seither verändert, aber nie ersetzt. Beide glauben an den Markt, an die Eigenverantwortung, an die Familie als erste Institution.
Es gibt auf der Welt keine zwei Länder, die sich in ihrem Selbstverständnis ähnlicher sind. Das ist der Grund, weshalb die Schweizer Wirtschaft in den USA so erfolgreich ist: Sie versteht das Land, weil sie es im Kleinen selber ist.

Was Trump ist
Donald Trump ist das Gegenteil dieser Idee, und zwar nicht, weil er rechts wäre, sondern weil er nicht liberal ist. Ein Präsident, der Zölle per Dekret verhängt, Gerichte umgeht, Handelspartner erpresst und Verträge als Verhandlungsmasse behandelt, ist kein Konservativer. Er ist ein Etatist mit Baseballkappe. Konservative glauben an Institutionen, weil sie dem Menschen misstrauen. Trump glaubt an sich selbst, weil er den Institutionen misstraut. Das ist der Unterschied zwischen Ronald Reagan und einem Immobilienhändler.
Die MAGA-Bewegung hat den amerikanischen Konservatismus nicht erneuert. Sie hat ihn gekapert. Sie hat aus einer Bewegung des begrenzten Staates eine Bewegung des unbegrenzten Führers gemacht. Dass Teile der europäischen Rechten das bewundern, ist ein Missverständnis, das man korrigieren muss: Wer Trump für einen Verbündeten hält, hat nicht verstanden, dass Trump keine Verbündeten kennt. Nur Gegenleistungen.
Das Korrektiv arbeitet
Und doch: Das System, das Trump zu brechen versucht, funktioniert. Der Supreme Court hat die IEEPA-Zölle kassiert. Der Kongress hat die Ersatzlösung befristet. Fünf Wochen vor den Midterms am 3. November liegt der Präsident im Umfragedurchschnitt des Silver Bulletin bei rund 37 Prozent Zustimmung und 60 Prozent Ablehnung, dem tiefsten Wert seiner zweiten Amtszeit (Stand 24.09.2026); die Demokraten führen im Generic Ballot mit rund neun Punkten und gelten als klare Favoriten für das Repräsentantenhaus. Amerika wird Trump überleben, wie es Nixon, Carter und die Rezessionen überlebt hat. Nicht, weil die Amerikaner besser sind als andere. Sondern weil ihre Gründer sie für schlechter hielten, als sie sind, und die Verfassung entsprechend gebaut haben.

Was die Schweiz tun sollte
Sie sollte drei Dinge gleichzeitig tun, was ihr traditionell gut gelingt. Erstens: die Beziehungen zu Amerika unterhalb der Regierungsebene vertiefen. Gouverneure, Universitäten, Unternehmen, Kongressabgeordnete: das Amerika, das nach Trump weiterbesteht. Zweitens: Handelsverträge diversifizieren, ohne sich in neue Abhängigkeiten zu begeben. Das China-Abkommen ist gut; ein China, das Taiwan bedroht und seine Bürger überwacht, ist kein Ersatz für einen Partner, dessen Werte man teilt. Drittens: Standhaftigkeit. Wer Trump entgegenkommt, wird das nächste Mal härter erpresst. Wer ihm die Stirn bietet, wird respektiert, weil er nur das respektiert.
Die Freundschaft, die bleibt
Die Schweiz hat mit den Vereinigten Staaten die «Sister Republics»-Tradition seit 1848. Sie hat amerikanische Interessen in Teheran vertreten, als Washington es selbst nicht konnte. Schweizer Unternehmen beschäftigen in den USA nach Angaben der Handelskammer mehrere hunderttausend Menschen und zählen zu den grössten ausländischen Direktinvestoren des Landes. Das sind keine Beziehungen, die ein Präsident zerstören kann. Es sind Beziehungen, die ihn überdauern werden.
Man muss Trump nicht mögen, um Amerika zu lieben. Man sollte es sogar gerade dann. Denn das Amerika, das wir meinen, ist dasjenige, das ihm im November die Rechnung präsentieren wird.



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