Samstag, 31. Oktober 2026
Zürich · SMI · EUR/CHF
Die Schweiz. Ungeschminkt. Diskutiert.
Wirtschaft · The Game Awards · GTA VI · Analyse
Gaming

The Game Awards 2026: GTA VI, ein knapper Stichtag und eine Jury unter Zeitdruck

Am Donnerstag, 10.12.2026, kürt die Gala in Los Angeles das Spiel des Jahres. «Grand Theft Auto VI» erscheint einen Tag vor dem Stichtag, die Nominierten dürften schon vorher feststehen. Die Analyse zeigt, was das für die Jury aus 160 Medien bedeutet, warum die Show umstritten ist und welche Rolle die Schweiz spielt.

Offizielles Motiv der Game Awards 2026: die Statuette vor dunklem Hintergrund, daneben das Logo und das Datum der Gala
Das offizielle Motiv der Game Awards 2026: Die Gala findet am 10.12.2026 im Peacock Theater in Los Angeles statt. Bild: The Game Awards

Wenn im Peacock Theater in Los Angeles am Donnerstag, 10.12.2026, die Scheinwerfer angehen, ist es in der Schweiz 1.30 Uhr in der Nacht auf Freitag. Der Saal im Unterhaltungskomplex L.A. Live hiess bis 2023 Microsoft Theater. Die Game Awards vergeben ihre Preise zum 13. Mal; Millionen Menschen schauen über Livestreams zu, auf Youtube, Twitch und Dutzenden weiteren Plattformen. Am Schluss fällt der wichtigste Entscheid: das Spiel des Jahres.

Ob «Grand Theft Auto VI» zu den Kandidaten gehört, entscheidet sich nicht in dieser Nacht, sondern Wochen früher, voraussichtlich noch vor dem Verkaufsstart. Rockstar Games bringt das Spiel, das die Game Awards schon 2024 und 2025 zum meisterwarteten Titel gekürt haben, am Donnerstag, 19.11.2026, auf den Markt. Das ist einen Tag vor dem Stichtag der Gala; das Spiel ist also knapp wählbar. Die Nominierten aber hat der Veranstalter für «Mitte November» angekündigt, ein genaues Datum nennt er nicht. Liegt die Bekanntgabe vor dem 19.11.2026, müssen sich die 160 Medien der Jury festlegen, bevor die Öffentlichkeit das Spiel kennt. Ob Rockstar ihnen vorab Testversionen geschickt hat, ist nicht bestätigt.

Der Fall legt ein Grundproblem der Show offen, die sich gern als Oscars der Games bezeichnen lässt. Sie will zugleich seriöse Preisverleihung und weltweites Werbeschaufenster sein. Ihr Kalender lässt der Jury zudem wenig Luft: 2022, 2024 und 2025 gab der Veranstalter die Nominierten bekannt, bevor der Stichtag abgelaufen war. Dieser Bericht ordnet ein, was die Regeln sagen, was frühere Fälle lehren, wer als Favorit gilt, weshalb die Gala umstritten ist und welche Stimme die Schweiz in diesem Konzert hat.

PunktStandQuelle
GalaDonnerstag, 10.12.2026, Peacock Theater, Los Angeles; Vorprogramm ab 16.30 Uhr OrtszeitThe Game Awards
In der SchweizFreitag, 11.12.2026, ab 1.30 Uhr; kostenlos im Livestream, unter anderem auf Youtube und TwitchThe Game Awards, eigene Umrechnung
StichtagFreitag, 20.11.2026, 21 Uhr Ortszeit (Schweiz: Samstag, 21.11.2026, 6 Uhr); Players‘ Voice: 30.11.2026The Game Awards
Nominierungen«Mitte November», genaues Datum offenThe Game Awards
Jury160 Medien aus rund 40 Ländern und Regionen; aus der Schweiz einzig Games.chThe Game Awards
GewichtungJury 90 Prozent, Publikum 10 Prozent (Players‘ Voice: nur Publikum)The Game Awards
GTA VIErscheint am 19.11.2026 für Playstation 5 und Xbox Series X|S; wählbar; Testmuster und Embargo unbestätigtTake-Two, Kotaku, Aftermath
Livestreams 2025geschätzt 171 Millionen (Angabe des Veranstalters, keine Zuschauerzahl)The Game Awards
Die Game Awards 2026 auf einen Blick

Ein Stichtag mit einem Tag Reserve

Die Regel ist unmissverständlich. «Spiele müssen bis spätestens Freitag, 20.11.2026, 21 Uhr PT, für Kundinnen und Kunden kommerziell erhältlich sein», heisst es in den Regeln der Game Awards. In der Schweiz ist es dann Samstag, 21.11.2026, 6 Uhr. Für die Kategorie Players‘ Voice, in der allein das Publikum entscheidet, gilt der 30.11.2026. «Grand Theft Auto VI» erscheint am 19.11.2026 für Playstation 5 und Xbox Series X|S und ist damit wählbar, mit einem Tag Reserve. Eine PC-Fassung hat Rockstar nicht angekündigt.

Neu ist die Konstellation nicht, wohl aber ihre Tragweite. In den Jahren 2022, 2024 und 2025 kamen die Nominierten vor dem Ende der Frist: am 14.11.2022 bei einem Stichtag am 18.11.2022, am 18.11.2024 bei einem Stichtag am 22.11.2024 und am 17.11.2025 bei einem Stichtag am 21.11.2025. Wer in diesen Tagen erscheint, ist formal zugelassen, muss die Jury aber schon vor dem Verkaufsstart überzeugt haben. Dass späte Titel dabei untergehen können, zeigt der Fall «Star Wars Jedi: Fallen Order»: Das Spiel erschien 2019 vor dem Stichtag und war damit nach den Regeln zwar wählbar. Laut der Online-Enzyklopädie Wikipedia wurde es aber als nicht wählbar betrachtet und erhielt keine Nominierung; 2020 kam es auf eine.

Ausgeweitet hat der Veranstalter dagegen den Kreis der wählbaren Werke. Seit 2024 sind Erweiterungen, Remakes und Remaster in allen Kategorien zugelassen, sofern die Jury die neue kreative und technische Arbeit einer Nominierung für würdig hält. Das betrifft im Herbst 2026 auch Nintendo: Die Neuauflage von «The Legend of Zelda: Ocarina of Time» erscheint am Donnerstag, 05.11.2026, exklusiv für die Switch 2 und ist in allen Kategorien wählbar. Wählbar sind zudem Early-Access-Spiele, sofern sie bis zum Stichtag öffentlich erhältlich sind, sowie laufend erweiterte Onlinespiele mit neuen Inhalten.

Zwischenfrage · Abstimmen, dann weiterlesen
Kann eine Jury GTA VI so kurz nach dem Erscheinen fair beurteilen?
Ja, Profis brauchen keine Monate 50 %Nein, dafür ist die Zeit zu knapp 50 %
0 Stimmen
Offizielles Titelbild des Remakes von The Legend of Zelda: Ocarina of Time: der junge Link mit einer blauen Okarina auf einem Waldweg, neben ihm eine leuchtende Fee, rechts der Schriftzug des Spiels
In allen Kategorien wählbar: Das Remake von «The Legend of Zelda: Ocarina of Time» erscheint am 05.11.2026 für die Switch 2, zwei Wochen vor dem Stichtag. Bild: Nintendo

Nominiert wird voraussichtlich, bevor das Spiel im Handel ist

Der Kern des Problems liegt im Kalender. Auf ihrer Website kündigen die Game Awards die Nominierten für «Mitte November» an; ein Datum nannte der Veranstalter bis zum 30.10.2026 nicht. Folgt er dem Muster der beiden Vorjahre, fällt die Bekanntgabe vier Tage vor den Stichtag, also auf Montag, 16.11.2026, drei Tage vor den Verkaufsstart von «GTA VI». Bestätigt ist das nicht. Sicher ist nur, dass die Stimmzettel der Jury früher eingehen müssen. Für 2025 nannte die Youtuberin Alanah Pearce, eine frühere Journalistin des Portals IGN, laut Journal du Geek eine erste Abstimmungsrunde am 04.11.2025.

Ob die Jury «GTA VI» bis dahin spielen kann, hängt allein von Rockstar ab. Die Regeln erlauben es ausdrücklich: «Um unsere Abstimmungsfristen einzuhalten, können Publisher oder Entwickler Spiele vorab oder schon vor der Veröffentlichung zur kritischen Prüfung zugänglich machen.» Laut dem Fachportal Aftermath, das sich auf nicht namentlich genannte Mitarbeitende mehrerer stimmberechtigter Medien beruft, lief die Frist für solche Codes am 30.10.2026 ab; offiziell bestätigt ist diese Frist nicht. Die Zahl der Vorabcodes pro Spiel sei «traditionell begrenzt». Rockstar habe den Versand von Codes nicht bestätigt, hielt Aftermath zugleich fest.

Lucia und Jason, die Hauptfiguren von Grand Theft Auto VI, auf der Motorhaube eines Autos, im Hintergrund Palmen und Hotels von Vice City
Meisterwartet, aber noch ohne Testbericht: «Grand Theft Auto VI» gewann an den Game Awards 2024 und 2025 die Kategorie für das meisterwartete Spiel. Bild: Rockstar Games / The Game Awards

Was seither kursiert, sind Gerüchte. Der als Leaker bekannte NateTheHate behauptete Mitte Oktober, Codes könnten noch vor Ende Oktober an Medien und Creator gehen; Kotaku griff die Angabe am 15.10.2026 auf. Am 26.10.2026 meldete das Technikportal Notebookcheck unter Berufung auf ein Konto namens NateTheHate2 auf der Plattform X, Medien hätten Codes erhalten. Das Studio habe nichts bestätigt, man gehe aber davon aus, dass das Embargo für Testberichte am 18.11. falle, nur einen Tag vor dem Start, schrieb das Portal. Rockstar und Take-Two haben weder Testmuster noch Embargo bestätigt. Anfang Oktober hatte Robin Sabbadini, Autor bei Journal du Geek, einem der stimmberechtigten Medien, noch die gegenteilige Vermutung geäussert: Er glaube, Rockstar und Take-Two planten vor dem Start weder Schlüssel noch Testkopien zu verschicken.

Auffällig ist zudem, was fehlt. Der Branchendienst Game File wies im Sommer darauf hin, dass es zu «GTA VI» keine Vorschauen für die Presse gegeben hatte, was für Rockstar ungewöhnlich sei, wie Aftermath festhielt. Die Jury müsste damit ein Werk beurteilen, über das bis kurz vor der Abstimmung kaum unabhängige Eindrücke vorliegen.

Bestätigt, berichtet, Gerücht: Was zu GTA VI und der Jury feststeht

Bestätigt: «Grand Theft Auto VI» erscheint am 19.11.2026 für Playstation 5 und Xbox Series X|S. Stichtag der Game Awards ist der 20.11.2026, 21 Uhr in Los Angeles. Die Nominierten sind für «Mitte November» angekündigt. Die Regeln erlauben Verlagen, der Jury vorab Zugang zu gewähren.
Berichtet: Die Frist für Codes an die Jury lief laut Aftermath, gestützt auf anonyme Quellen aus Jury-Medien, am 30.10.2026 ab. 2025 soll es laut Alanah Pearce am 04.11.2025 eine erste Abstimmungsrunde gegeben haben.
Gerücht: Codes seien seit Ende Oktober verschickt worden (Leaker NateTheHate, aufgegriffen von Kotaku; ein Konto namens NateTheHate2 laut Notebookcheck). Das Testembargo falle am 18.11.2026 (Notebookcheck). Rockstar und Take-Two haben nichts davon bestätigt.
Offen: das genaue Datum der Nominierungen, der Zeitpunkt der Schlussabstimmung der Jury und die Zahl der Jury-Medien, die das Spiel vorab spielen konnten.
Nominierung, Verkaufsstart, Stichtag: voraussichtlich in einer WocheZeitachse von Ende Oktober bis Mitte Dezember 2026 mit elf nummerierten Terminen: Frist für Jury-Codes am 30.10. (berichtet), Ocarina-Remake am 05.11., Golden Joystick Awards am 11.11., Nominierungen Mitte November (Datum offen), zusätzliche Verhandlungstage in Glasgow am 17.11. und 18.11. (berichtet), Ende des Testembargos am 18.11. (Gerücht), Erscheinen von GTA VI am 19.11., Stichtag am 20.11., Stichtag Players‘ Voice am 30.11., Ende der Fan-Abstimmung am 09.12. und Gala am 10.12.; zwischen Verkaufsstart und Gala liegen 21 Tage.THE GAME AWARDS 2026 · ZEITPLANNominierung, Verkaufsstart, Stichtag: voraussichtlich in einer WocheTermine im Herbst 2026. Die Nominierungen sind für «Mitte November» angekündigt, ihre Lage auf der Achse ist geschätztQuellen: The Game Awards, Take-Two, Game Informer (Nintendo), Windows Central (Golden Joysticks), Aftermath (16.10.2026),Notebookcheck (26.10.2026), GamingBolt (14.10.2026). Rockstar hat Testmuster und Embargo nicht bestätigt.EXPERTISTANbestätigtberichtetGerücht, unbestätigtangekündigt, Datum offen26.10.02.11.09.11.16.11.23.11.30.11.07.12.14.12.123456789101121 Tage zwischen Verkaufsstart und Gala130.10.Frist für Codes an die Jury-Medien (laut Aftermath)205.11.Remake von «Ocarina of Time» erscheint311.11.Golden Joystick Awards in London4Mitte Nov.Nominierungen der Game Awards, Datum offen517./18.11.Glasgow: Zusatztage im Verfahren IWGB gegen Rockstar618.11.Ende des Testembargos für «GTA VI» (Gerücht)719.11.«Grand Theft Auto VI» erscheint820.11.Stichtag, 21 Uhr in Los Angeles (Schweiz: 21.11., 6 Uhr)930.11.Stichtag für die Kategorie Players‘ Voice1009.12.Ende der Fan-Abstimmung1110.12.Gala im Peacock Theater, Los Angeles
Die entscheidenden Wochen: Nominierungen, mutmassliches Testembargo, Verkaufsstart und Stichtag liegen voraussichtlich dicht beieinander; das Datum der Nominierungen ist geschätzt. Blau: bestätigt, grau: berichtet, rot gestrichelt: Gerücht, orange gestrichelt: angekündigt, Datum offen. Grafik: Expertistan

So stimmt die Jury ab: 160 Medien, je fünf Namen

Wer über die Nominierten entscheidet, legt der Veranstalter offen. Die Jury 2026 umfasst 160 Medien: 17 aus den USA, 17 aus Grossbritannien und 126 aus 38 weiteren Ländern und Regionen. Darunter sind Fachportale wie IGN, GameSpot und Eurogamer, das japanische Magazin «Famitsu», Zeitungen und Publikumsmedien wie NPR, «Variety», «El País», «Corriere della Sera» und «Le Devoir», aber auch Videoformate wie Kinda Funny oder Skill Up. Aus dem deutschen Sprachraum stimmen sieben Medien ab: «GameStar», Gameswelt, «M! Games», «PC Games» und «Die Zeit» aus Deutschland, Gamers.at aus Österreich und als einziges Schweizer Medium Games.ch. Kotaku und Aftermath gehören nicht dazu. Für E-Sport und Barrierefreiheit gibt es eigene Fachjurys.

Das Verfahren ist schlicht. Jedes Medium füllt einen vertraulichen Stimmzettel ohne Rangfolge aus und nennt je Kategorie seine fünf Favoriten. Nominiert sind die Titel mit den meisten Nennungen, beim Spiel des Jahres zuletzt sechs; bei Gleichstand können es mehr werden. Die Sieger bestimmt danach eine gemischte Abstimmung, in der die Jury zu 90 Prozent und das Publikum zu 10 Prozent zählt. Eine reine Publikumswahl lehnt der Veranstalter ab, weil sie «Spiele für nur eine Plattform grundsätzlich gegenüber Multiplattform-Titeln benachteiligt». Geoff Keighley, Gründer und Produzent der Show, ist laut den Regeln nicht Mitglied der Jury und stimmt weder über Nominierte noch über Sieger ab.

Wie die Medien intern zu ihrer Liste kommen, regelt der Veranstalter nicht. «Manche lassen einen Stimmzettel zirkulieren und gehen recht demokratisch vor», schrieb Ethan Gach, Autor bei Kotaku, Mitte Oktober. «Bei anderen bestimmen gewisse leitende Personen, welche Spiele unterstützt werden.» Bei «GTA VI» verschärft sich das Problem. Riley MacLeod, Autor bei Aftermath, hielt fest, es werde schwer zu sagen sein, «ob die unvermeidlichen Nominierungen von GTA VI die tatsächliche Gesamtmeinung eines Mediums wiedergeben». Erhält eine Redaktion nur einen Code, urteilt im Zweifel eine einzige Person für alle.

Für Misstrauen sorgt auch die Nähe zur Industrie. Im Beirat der Game Awards sitzen 15 Unternehmen, von Activision über Nintendo und Sony bis Tencent und Valve, darunter Rockstar Games. Der Beirat habe «keine Beteiligung am Auszeichnungsverfahren», hält der Veranstalter fest. Auf die Frage, ob Sponsoren und Beiräte bessere Chancen hätten, antwortet er: «Nein, es gibt keinen Zusammenhang.» Auch diese Firmen erführen Nominierte und Sieger «zur selben Zeit wie die Öffentlichkeit».

Siebzehn Tage: Was der Fall Dragon Age lehrt

Dass ein Spiel kurz vor der Gala noch gewinnen kann, ist belegt. «Dragon Age: Inquisition» von BioWare und Electronic Arts erschien am 18.11.2014 in Nordamerika, eine Woche vor dem damaligen Stichtag am 25.11.2014. Am 05.12.2014 wurde das Rollenspiel bei der ersten Ausgabe der Game Awards in Las Vegas zum Spiel des Jahres und zum besten Rollenspiel gekürt, 17 Tage nach dem Erscheinen. Kein anderer Sieger hatte seither so wenig Zeit. Bei «GTA VI» lägen zwischen Verkaufsstart und Gala 21 Tage.

Andere späte Titel kamen weit, aber nicht ans Ziel. «Red Dead Redemption 2», ebenfalls von Rockstar, erschien am 26.10.2018, 41 Tage vor der Gala, gewann vier Preise und unterlag beim Spiel des Jahres «God of War». «Death Stranding» erschien am 08.11.2019, wurde als Spiel des Jahres nominiert und gewann 34 Tage später drei Preise. «God of War Ragnarök» erschien am 09.11.2022 und holte 29 Tage später sechs Preise, mehr als jedes andere Spiel an jenem Abend; den Hauptpreis gewann «Elden Ring».

Eine Auswertung des Newsletters Infinite Lives vom November 2025 fand einen «klaren Trend» zwischen späten Erscheinungsterminen und Nominierungen, aber keinen Vorteil bei der Siegerwahl. Wer zu spät kommt, wird auch selten nachgeholt: Spiele, die im Dezember erscheinen, würden laut der Analyse auch im Folgejahr kaum berücksichtigt. Als Ausnahme nennt die Analyse «Super Smash Bros. Ultimate», am 07.12.2018 erschienen und 2019 als Spiel des Jahres nominiert.

Die Regel ist eine andere. Die Spiele des Jahres von 2014 bis 2025 waren bei der Gala im Mittel rund ein halbes Jahr auf dem Markt; nach den verfügbaren Daten hatte ausser «Dragon Age» keines weniger Vorlauf als «Astro Bot» 2024 mit 97 Tagen. Die Jurys hatten also in aller Regel Monate Zeit, sich eine Meinung zu bilden, zu diskutieren und Versäumtes nachzuholen.

Siebzehn Tage reichten einmalWaagrechte Balken: Tage zwischen Erscheinen und Gala bei den Spielen des Jahres 2014 bis 2025, von 17 Tagen bei Dragon Age: Inquisition (2014) bis 286 Tagen bei Elden Ring (2022); fünf Erscheinungsdaten sind als nicht an einer Primärquelle geprüft hell markiert; dazu GTA VI mit 21 Tagen, falls es 2026 nominiert wird.SPIEL DES JAHRES · ZEIT FÜR DIE JURYSiebzehn Tage reichten einmalTage zwischen Erscheinen und Gala bei den Spielen des Jahres 2014 bis 2025. Unten: «Grand Theft Auto VI», das am19.11.2026 erscheint, 21 Tage vor der GalaSpiel des JahresDatum nicht an Primärquelle geprüftkürzester Abstand«GTA VI», falls nominiertQuellen: Wikipedia und Fachmedien (Gala- und Erscheinungsdaten); Berechnung Expertistan. Hell: Erscheinungsdatum aus dem Vorwissender Redaktion («Elden Ring»: Wikipedia), nicht an einer Primärquelle geprüft. «Dragon Age»: Nordamerika; «Baldur’s Gate 3»: PC.EXPERTISTAN050100150200250300Dragon Age: Inquisition (2014)17The Witcher 3: Wild Hunt (2015)198Overwatch (2016)191Breath of the Wild (2017)279God of War (2018)230Sekiro: Shadows Die Twice (2019)265The Last of Us Part II (2020)174It Takes Two (2021)258Elden Ring (2022)286Baldur’s Gate 3 (2023)126Astro Bot (2024)97Clair Obscur: Expedition 33 (2025)231Grand Theft Auto VI (2026)21
Die Spiele des Jahres waren bei der Gala im Mittel rund ein halbes Jahr auf dem Markt. Nur «Dragon Age: Inquisition» gewann 2014 mit weniger Vorlauf, als ihn «GTA VI» 2026 hätte. Hell markiert: Erscheinungsdaten, die sich nicht an einer Primärquelle prüfen liessen. Grafik: Expertistan

Rockstar und die Preise: viel Lob, nie der Hauptpreis der Game Awards

Rockstar Games kennt Preisverleihungen, an den Game Awards ist das Studio aber nie ganz oben angekommen. Bei den Spike Video Game Awards, dem Vorläufer der Show, wurden laut Wikipedia «Grand Theft Auto: San Andreas» (2004), «Grand Theft Auto IV» (2008), «Red Dead Redemption» (2010) und «Grand Theft Auto V» (2013) zum Spiel des Jahres gewählt, Letzteres bei der letzten Ausgabe, die am 07.12.2013 unter dem Namen VGX lief. Seit es die Game Awards gibt, reichte es für «GTA V» 2014 zum Preis für das beste Remaster. «Red Dead Redemption 2» gewann 2018 vier Auszeichnungen: für Roger Clark als Arthur Morgan, für die Erzählung, für die Musik von Woody Jackson und für das Sounddesign.

Die Niederlage von 2018 ist lehrreich. Auf Metacritic, das Kritiken zu einem Durchschnittswert bündelt, kommen «Red Dead Redemption 2» und «GTA V» auf je 97 Punkte, «God of War» auf 94. Die Jury entschied sich trotzdem für das Action-Adventure aus dem Santa Monica Studio von Sony, das auch die Preise für die beste Regie und das beste Action-Adventure gewann. Hohe Wertungen allein garantieren den Hauptpreis nicht.

Offizielles Cover von Grand Theft Auto VI
Das offizielle Cover von «Grand Theft Auto VI», im Stil der Serie als Collage gestaltet. Das Spiel erscheint am 19.11.2026, einen Tag vor dem Stichtag der Game Awards. Bild: Rockstar Games

Bei «GTA VI» sind die Erwartungen aussergewöhnlich hoch. Rockstar verschob das Spiel zweimal, zuletzt am 06.11.2025 vom 26.05.2026 auf den 19.11.2026; die Aktie von Take-Two fiel danach um 6 Prozent. «Sie [Take-Two] brauchen ein grossartiges Spiel; mehr Zeit macht das wahrscheinlicher», sagte Michael Pachter, Analyst bei Wedbush Securities, der Nachrichtenagentur Reuters. Joost van Dreunen, Professor an der Stern School of Business der New York University, verwies auf den Kalender: «Eine Veröffentlichung näher an der Festtagssaison eröffnet mehr Möglichkeiten für Bundles mit den Konsolen der auslaufenden Generation.»

Seither hält der Konzern am Termin fest. Konzernchef Strauss Zelnick betonte im August 2026 «unser hohes Mass an Zuversicht bezüglich der Veröffentlichung von Grand Theft Auto 6 am 19.11.». Take-Two rechnet für das Geschäftsjahr 2027 mit Nettobuchungen von 8,0 bis 8,2 Milliarden Dollar. Für die Jury bedeutet das: Kaum ein Spiel des Jahrgangs kommt mit grösserer Erwartung und mit weniger Vorlauf.

Video: «Grand Theft Auto VI Trailer 2», Rockstar Games, 06.05.2025. Der zweite offizielle Trailer zum Spiel.

Glasgow: Ein Arbeitsprozess im Schatten des Verkaufsstarts

Während die Jury über «GTA VI» befindet, verhandelt in Schottland ein Arbeitsgericht Klagen gegen Rockstar. Im Oktober 2025 entliess das Studio 34 Beschäftigte: 31 Mitglieder der Gewerkschaft IWGB in Grossbritannien und drei Personen in Kanada. Rockstar begründet die Entlassungen mit schwerem Fehlverhalten: Die Betroffenen hätten in einem privaten Discord-Kanal vertrauliche Firmeninformationen geteilt. Die Gewerkschaft spricht von Gewerkschaftsbekämpfung. Seit dem 10.09.2026 verhandelt das Arbeitsgericht im Glasgow Tribunal Centre unter Richterin Lucy Wiseman die Klagen von 23 früheren Beschäftigten.

Ursprünglich sollte die Verhandlung am 16.10.2026 enden. Auf Antrag der Anwälte von Rockstar kamen laut dem Portal GamingBolt, das sich auf Eurogamer beruft, zwei Verhandlungstage für weitere Kreuzverhöre hinzu, am 17.11.2026 und am 18.11.2026. Die Schlussvorträge erwartet die britische Nachrichtenagentur PA im November; entschieden hat das Gericht noch nicht, ein Urteilsdatum ist nicht bekannt. Nach dem Stand vom 30.10.2026 enden die angesetzten Verhandlungstage damit einen Tag vor dem Verkaufsstart von «GTA VI» und kurz nach der voraussichtlichen Bekanntgabe der Nominierten.

Die Positionen sind unversöhnlich. «Fast ein Jahr lang wurde die Wahrheit über das, was uns widerfahren ist, von Rockstar begraben und von Spekulationen umgeben», sagte Jason Lewis, einer der Entlassenen, zum Prozessauftakt. IWGB-Präsident Alex Marshall erklärte: «Dieser Kampf betrifft mehr als ein Studio, einen Arbeitsplatz oder eine Branche.» Ein Sprecher von Rockstar hielt dagegen: «Wir weisen die Vorwürfe zurück und werden uns vor dem Gericht entschieden dagegen verteidigen.»

Vice City bei Abenddämmerung (Grand Theft Auto VI)
Vice City in der Abenddämmerung: die Spielwelt von «Grand Theft Auto VI». In Glasgow verhandelt derweil ein Arbeitsgericht die Klagen von 23 früheren Beschäftigten gegen Rockstar. Bild: Rockstar Games

Mit den Game Awards hat das Verfahren formal nichts zu tun. Es berührt aber eine Frage, die über jeder Preisverleihung schwebt: ob neben dem Werk auch die Bedingungen zählen, unter denen es entsteht. Rockstar sitzt im Beirat der Show. Schon an der Gala 2025 protestierten laut Wikipedia Dutzende Mitglieder der Gewerkschaft United Videogame Workers vor dem Peacock Theater gegen Entlassungen in der Branche; die IWGB demonstrierte im November 2025 vor Rockstar North in Edinburgh und vor den Büros von Take-Two in London. Angekündigte Proteste zur Gala 2026 fanden sich bis zum 30.10.2026 nicht.

Das Feld 2026: Viele gute Spiele, kein Überflieger

Gemessen an den Kritiken fehlt dem Jahrgang 2026 ein Überflieger. «Indem GTA 6 knapp vor dem Stichtag hineinschlüpft, tritt es zudem in eines der schwächeren Felder für das Spiel des Jahres der letzten Jahre», schrieb Kotaku-Autor Ethan Gach. Anders als in manchen Vorjahren mit «Breath of the Wild», «Elden Ring» oder «Baldur’s Gate 3» gebe es keinen klaren Favoriten, auch wenn etwa «Resident Evil Requiem» glänzende Kritiken erhalten habe.

Auf dem Bewertungsportal OpenCritic, das Kritiken aus Fachmedien bündelt, führte am 30.10.2026 «Mythmatch», ein PC-Spiel vom März, mit 93 Punkten vor «Trails in the Sky 2nd Chapter» mit 92; kleine Titel können dort mit wenigen Kritiken weit oben stehen. Mit je 91 Punkten folgen «Mina the Hollower» von Yacht Club Games und «Forza Horizon 6» von Playground Games, dazu «The Witcher 3: Wild Hunt Remastered» und «Dave the Diver: In the Jungle», eine Neuauflage und nach Einordnung der Redaktion eine Erweiterung. Unter den 20 bestbewerteten Titeln sind mindestens fünf Remaster, Ports, Erweiterungen oder Vollversionen älterer Spiele. Sie sind wählbar; den Hauptpreis hat ein solcher Titel an den Game Awards aber noch nie gewonnen.

Viele Kandidaten, kein ÜberfliegerPunktdiagramm der 20 bestbewerteten Spiele 2026 auf OpenCritic: Mythmatch 93, Trails in the Sky 2nd Chapter 92, The Witcher 3 Remastered, Dave the Diver: In the Jungle, Mina the Hollower und Forza Horizon 6 je 91, fünf Titel mit 90 und neun mit 89, darunter Resident Evil Requiem und Phantom Blade Zero; hinterlegt ist die Spannweite der bisherigen Spiele des Jahres auf Metacritic von 88 bis 97 Punkten.SPIEL DES JAHRES 2026 · DAS FELDViele Kandidaten, kein ÜberfliegerDie 20 bestbewerteten Spiele 2026 auf OpenCritic, Stand 30.10.2026, in Punkten von 0 bis 100. Grau hinterlegt: Spannweite derSpiele des Jahres 2014 bis 2025 auf Metacritic (88 bis 97)übrige TitelRemaster, Port, Erweiterung oder Vollversion eines älteren SpielsQuellen: OpenCritic (Rangliste 2026, abgerufen am 30.10.2026), Metacritic (Spiele des Jahres). Noch ohne Wertung: «Grand Theft Auto VI»und das Remake von «Ocarina of Time». Einordnung als Neuauflage, Port oder Erweiterung: Expertistan, nicht abschliessend geprüft.EXPERTISTANSpiele des Jahres 2014 bis 20258486889092949698Mythmatch93Trails in the Sky 2nd Chapter92The Witcher 3: Wild Hunt Remastered91Dave the Diver: In the Jungle91Mina the Hollower91Forza Horizon 691Valheim90Schrödinger’s Call90Lost and Found Co.90Pokémon Pokopia90Fire Emblem: Fortune’s Weave90DOOM: The Dark Ages Revelations89Resident Evil Requiem89Big Walk89Elden Ring: Tarnished Edition89Mewgenics89Phantom Blade Zero89Hermit and Pig89Desktop Explorer89Village in the Shade89
Dicht beieinander: Die 20 bestbewerteten Spiele 2026 liegen auf OpenCritic zwischen 89 und 93 Punkten, die bisherigen Sieger auf Metacritic zwischen 88 und 97. Die Werte der beiden Portale sind nur bedingt vergleichbar. Grafik: Expertistan

Metacritic führte in seiner Halbjahresbilanz vom Juli «Forza Horizon 6» und «Mina the Hollower» mit je 90 Punkten an, vor «Schrödinger’s Call», «Pokémon Pokopia» und «Resident Evil Requiem» mit je 89. Seither kamen grosse Titel hinzu. «Phantom Blade Zero» des Studios S-Game erschien am 29.10.2026 und stand am Folgetag auf OpenCritic bei 89 Punkten aus 55 Kritiken. Noch ohne Wertung sind «GTA VI» und das «Ocarina»-Remake.

Einen ersten Fingerzeig geben die Golden Joystick Awards, die am 11.11.2026 in London vergeben werden. Für ihren Hauptpreis sind zwölf Titel nominiert: «007 First Light», «Big Walk», «Control Resonant», «Crimson Desert», «Dispatch», «Forza Horizon 6», «Phantom Blade Zero», «Pokémon Pokopia», «Pragmata», «Resident Evil Requiem», «Star Wars: Galactic Racer» und «The Blood of Dawnwalker». «GTA VI» fehlt, weil es laut dem Portal KeenGamer ausserhalb des Wertungsfensters erscheint. Auch das «Ocarina»-Remake und hoch bewertete Titel wie «Mina the Hollower» stehen nicht auf der Liste.

An den Prognosemärkten gilt «GTA VI» dennoch als Favorit, obwohl noch keine einzige Kritik vorliegt. Auf der Plattform Kalshi kostete eine Wette auf seinen Sieg, die im Erfolgsfall einen Dollar auszahlt, Mitte August laut dem Portal OddsShopper 64 bis 65 Cent; Ende September nannte das Portal Covers 71 Cent. «Resident Evil Requiem» lag damals bei 16 Cent, «Phantom Blade Zero» bei 6 Cent. Solche Märkte bilden Wetten ab, keine Jury-Meinung. Kotaku kommentierte Mitte Oktober trocken: «Die Leute, die ihr Geld an Prognosemärkten verschwenden, geben GTA 6 derzeit eine Gewinnchance von 68 Prozent.»

Zwölf Sieger seit 2014: Was ein Spiel des Jahres auszeichnet

Ein Blick auf die bisherigen Sieger zeigt, wie die Jury urteilt. Alle zwölf Spiele des Jahres von 2014 bis 2025 erreichten auf Metacritic mindestens 88 Punkte, die Spitze bildet «The Legend of Zelda: Breath of the Wild» mit 97. Sony Interactive Entertainment ist mit drei Siegen der erfolgreichste Verlag, FromSoftware als einziges Studio zweimal Sieger.

JahrSpielStudio (Verlag)MetascorePreise
2014«Dragon Age: Inquisition»BioWare (Electronic Arts)892
2015«The Witcher 3: Wild Hunt»CD Projekt Red932, dazu Studio des Jahres
2016«Overwatch»Blizzard Entertainment914
2017«The Legend of Zelda: Breath of the Wild»Nintendo973
2018«God of War»Santa Monica Studio (Sony)943
2019«Sekiro: Shadows Die Twice»FromSoftware (Activision)902
2020«The Last of Us Part II»Naughty Dog (Sony)937
2021«It Takes Two»Hazelight (Electronic Arts)883
2022«Elden Ring»FromSoftware (Bandai Namco)964
2023«Baldur’s Gate 3»Larian Studios966, einschliesslich Players‘ Voice
2024«Astro Bot»Team Asobi (Sony)944
2025«Clair Obscur: Expedition 33»Sandfall Interactive (Kepler Interactive)929 (Rekord)
Die Spiele des Jahres an den Game Awards 2014 bis 2025. Metascore: Wert einer Hauptplattform laut Metacritic (Legacy-Ansicht, abgerufen am 30.10.2026); Preise: Zahl der Auszeichnungen am Abend der Gala.

Wer die meisten Preise gewinnt, gewinnt nicht zwingend den Hauptpreis. 2018 holte «Red Dead Redemption 2» vier Preise, «God of War» drei; 2019 gewann «Disco Elysium» vier, das Spiel des Jahres «Sekiro» zwei; 2022 erhielt «God of War Ragnarök» sechs, «Elden Ring» vier. Umgekehrt stellte «Clair Obscur: Expedition 33» 2025 mit neun Preisen einen Rekord auf. Den alten hielt seit 2020 «The Last of Us Part II» mit sieben.

Hornet, die Hauptfigur von Hollow Knight: Silksong, mit rotem Umhang und Nadel
«Hollow Knight: Silksong» von Team Cherry war 2025 als Spiel des Jahres nominiert und gewann den Preis für das beste Action-Adventure. Bild: Team Cherry / The Game Awards

Der Sieg des Rollenspiels von Sandfall Interactive markierte eine Zäsur. Laut Wikipedia war es das erste Debüt und das erste in Frankreich entwickelte Spiel des Jahres; unter den sechs Nominierten war die Hälfte unabhängig produziert. James Perkins Mastromarino, Autor beim amerikanischen Radionetz NPR, schrieb: «So vorhersehbar der Abend wurde, so wenig war es das Spiel, das er ehrte.» Jennifer English, ausgezeichnet für die beste Darstellung, sagte in ihrer Dankesrede: «An alle, die das Gefühl haben, ihr Leben stecke im schweren Modus fest: Das ist für euch.»

Wenige Tage später zeigte sich, dass Ehrungen nicht ewig halten. Die von den Game Awards unabhängigen Indie Game Awards, die das Spiel am 18.12.2025 ebenfalls ausgezeichnet hatten, erkannten ihm zwei Preise wieder ab, weil Sandfall bei der Entwicklung generative künstliche Intelligenz eingesetzt hatte; es ging um Platzhalter-Texturen, die kurz nach dem Start per Patch entfernt worden waren. «Wir vertreten eine harte Linie gegen generative KI in Videospielen», erklärte Mike Towndrow vom Nominierungskomitee. Die Game Awards selbst haben, soweit bekannt, keinen Preis aberkannt.

Kratos, die Hauptfigur von God of War, in NahaufnahmeZwei Spielfiguren aus It Takes Two in einem Sessellift vor verschneiten BergenDie Gefährten aus Baldur's Gate 3 auf dem offiziellen TitelbildDer Roboter Astro, Hauptfigur von Astro Bot, schwebt im WeltallDie Heldengruppe von Clair Obscur: Expedition 33 in einer zerklüfteten Fantasielandschaft
Fünf Spiele des Jahres in zeitlicher Folge: «God of War» (2018) oben, «It Takes Two» (2021) und «Baldur’s Gate 3» (2023) in der Mitte, «Astro Bot» (2024) und «Clair Obscur: Expedition 33» (2025) unten. Bilder: Sony Interactive Entertainment, Electronic Arts, Larian Studios, Sony Interactive Entertainment, Sandfall Interactive / Kepler Interactive, alle via The Game Awards

Vom Spartensender zum Weltereignis

Die Game Awards sind untrennbar mit einem Namen verbunden. Geoff Keighley produzierte schon die Spike Video Game Awards, die der Kabelsender Spike TV von 2003 bis 2013 veranstaltete. Nachdem Spike die Show nicht fortführte, kündigte Keighley am 10.11.2014 die Game Awards an, unterstützt von Sony, Microsoft, Nintendo und Valve; die erste Gala fand am 05.12.2014 im AXIS-Theater in Las Vegas statt. Laut einem Bericht der «New York Times», den Wikipedia zitiert, steckte er rund eine Million Dollar eigenes Geld in das Projekt. Seit 2015 findet die Gala in Los Angeles statt, in dem Saal, der seit 2023 Peacock Theater heisst; 2020 wurde sie wegen der Pandemie virtuell produziert.

Die Mischung aus Preisen und Premieren war von Anfang an Programm. Die Mitteilung zur Gründung versprach laut Kotaku «Preise, Weltpremieren, Musikauftritte und Auftritte von Spieleentwicklern». Dem Beirat gehörte schon 2014 Rockstar Games an. Keighley produziert neben den Game Awards auch das Summer Game Fest im Juni und die Opening Night Live der Gamescom.

2003 Erste Spike Video Game Awards beim Kabelsender Spike TV, produziert von Geoff Keighley
07.12.2013 Letzte Ausgabe der Spike-Show, erstmals unter dem Namen VGX; Spiel des Jahres wird «Grand Theft Auto V»
10.11.2014 Keighley kündigt die Game Awards an, unterstützt von Sony, Microsoft, Nintendo und Valve
05.12.2014 Erste Gala im AXIS-Theater in Las Vegas; «Dragon Age: Inquisition» gewinnt 17 Tage nach dem Erscheinen
03.12.2015 Erste Gala in Los Angeles, im damaligen Microsoft Theater; Sieger ist «The Witcher 3: Wild Hunt»
06.12.2018 «Red Dead Redemption 2» gewinnt vier Preise, unterliegt beim Hauptpreis aber «God of War»
10.12.2020 Pandemie: Die Gala wird virtuell produziert
07.12.2023 «Please wrap it up»: Kritik an abgeklemmten Dankesreden, «Baldur’s Gate 3» siegt
November 2024 Erweiterungen, Remakes und Remaster werden in allen Kategorien wählbar
06.11.2025 Rockstar verschiebt «GTA VI» auf den 19.11.2026
11.12.2025 Geschätzt 171 Millionen Livestreams, Rekord von neun Preisen für «Clair Obscur: Expedition 33»
10.08.2026 Der Veranstalter bestätigt die Gala 2026 für den 10.12.2026 im Peacock Theater
19.11.2026 «GTA VI» erscheint, einen Tag vor dem Stichtag
10.12.2026 The Game Awards 2026, in der Schweiz ab 1.30 Uhr in der Nacht auf Freitag

Der Aufstieg lässt sich in Livestreams messen, auch wenn die Zahlen mit Vorsicht zu lesen sind. Nach Angaben des Veranstalters stieg ihre Zahl von 1,9 Millionen im Jahr 2014 auf 171 Millionen im Jahr 2025, ein Plus von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gezählt werden «schätzungsweise 171 Millionen weltweite Livestreams der vollständigen Sendung» auf Plattformen von Youtube über Twitch und Tiktok bis zu chinesischen Diensten, nicht einzelne Zuschauer; Prime Video, 2025 erstmals dabei, ist nicht eingerechnet. Gleichzeitig verfolgten die Show laut dem Analysedienst StreamCharts in der Spitze 4,4 Millionen Menschen auf Twitch, Youtube und anderen westlichen Plattformen.

Von 1,9 auf 171 Millionen in elf JahrenSenkrechte Balken: geschätzte Livestreams der Game Awards je Jahr in Millionen, 2014: 1,9; 2015: 2,3; 2016: 3,8; 2017: 11,5; 2018: 26,2; 2019: 45,2; 2020: 83; 2021: 85; 2022: 103; 2023: 118; 2024: 154; 2025: 171.THE GAME AWARDS · LIVESTREAMSVon 1,9 auf 171 Millionen in elf JahrenGeschätzte weltweite Livestreams der vollständigen Sendung laut Veranstalter, in Millionen. Nicht mit Fernsehquoten vergleichbarQuelle: The Game Awards, Medienmitteilung vom 18.12.2025. 2020 virtuell produziert, 2025 ohne Prime Video. Spitzenwert gleichzeitigerZuschauer 2025 auf westlichen Plattformen: 4,4 Millionen (StreamCharts).EXPERTISTAN501001501,920142,320153,8201611,5201726,2201845,220198320208520211032022118202315420241712025
Nach Angaben des Veranstalters stieg die Zahl der Livestreams in elf Jahren auf rund das Neunzigfache. Es handelt sich um Schätzungen, nicht um eindeutige Zuschauer. Grafik: Expertistan

Die Zahl lädt zum Vergleich mit den Oscars ein, deren Namen die Show gern für sich beansprucht. Auf ihrer Website zitiert sie eine Schlagzeile der «Washington Post», wonach Keighley «die Oscars des Gamings» geschaffen habe, sowie eine des «Hollywood Reporter», die die Gala zum «Super Bowl der Videospielbranche» erklärt. Der Vergleich hinkt. Die 98. Oscar-Verleihung am 15.03.2026 verfolgten laut den Messungen von Nielsen in den USA 17,86 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer bei ABC und Hulu, die Grammys am 01.02.2026 14,41 Millionen bei CBS und Paramount+.

Nielsen misst durchschnittliche Zuschauer in einem Land, die Game Awards zählen geschätzte Streams weltweit, Co-Streams von Influencern eingeschlossen. Methodisch näher käme der Spitzenwert gleichzeitiger Zuschauer; er liegt mit 4,4 Millionen deutlich tiefer. Symbolisch rücken die Welten dennoch zusammen: Im Peacock Theater werden laut Wikipedia seit 2008 die Primetime Emmys vergeben. Ab 2029 sollen nach einem dort zitierten Bericht von «Vanity Fair» auch die Oscars in den Saal umziehen.

Preisverleihung oder Werbeshow

Ein Vorwurf begleitet die Game Awards seit Jahren: Die Preise seien Beiwerk einer Werbesendung. Nach der Auszählung eines Nutzers des Forums ResetEra, die das Portal DualShockers verbreitete, dauerte die Gala 2025 rund drei Stunden und 35 Minuten; «nur 17 Minuten» seien den eigentlichen Preisübergaben gewidmet gewesen, rund 8 Prozent. Der Rest des Abends gehörte Moderation, Musik, Trailern und Weltpremieren. Die offizielle Rückschau fasst ihn selbst so zusammen: «Expedition 33 gewinnt Spiel des Jahres, dazu Enthüllungen von Star Wars, Larian, Tomb Raider und ein Auftritt von Evanescence.»

Sendezeit hat ihren Preis. Ein 60-Sekunden-Trailer an der Gala 2025 könne «bis zu 450’000 Dollar kosten», ein dreiminütiger «über eine Million Dollar», berichtete Kotaku-Reporterin Alyssa Mercante im Dezember 2025 unter Berufung auf zwei anonyme Quellen; zwei Personen aus Verlagen hielten die Grössenordnung für üblich. Keighley vergebe zudem kuratierte Gratisplätze für Spiele, die er persönlich fördern wolle. Für die Nominierten ist der Rahmen bescheidener: Sie erhielten laut Kotaku nur zwei Tickets, das Studio hinter «Clair Obscur» habe weitere zum Nennwert von rund 300 Dollar gekauft. Der Veranstalter beantwortete die Anfragen von Kotaku nicht.

Video: Star-Wars-Weltpremiere an der Gala vom 11.12.2025, The Game Awards. Casey Hudson führt Regie bei «Fate of the Old Republic».

Die Kritik ist alt. «Grösste Videospiel-Preisverleihung: viel Werbung, wenig Preise», titelte Jason Schreier 2023 bei Bloomberg; der «Guardian» sprach 2022 von «drei geduldsprobenden Stunden Videospiel-Publireportagen». 2023 wurde den Entwicklern von «Baldur’s Gate 3», während sie ihren Preis einem verstorbenen Kollegen widmeten, die Aufforderung «Please wrap it up» eingeblendet, sinngemäss: Bitte zum Schluss kommen. 2024 spotteten die Muppets Statler und Waldorf in der Show selbst, das sei gewesen «wie Spielwerbung mit Unterbrechungen für Preise!».

Keighley kennt die Vorwürfe. «Manche im Netz glauben, wir bekämen das nicht mit», sagte er im Dezember 2025 Christopher Dring vom Branchendienst The Game Business, an dem Keighley selbst beteiligt ist. «Und es ist ein Balanceakt.» Seine Sicht sei immer, «dass die Ankündigungen ein sehr breites Publikum vor die Show holen». Und: «Viele Spiele werden durch The Game Awards verkauft. Balatro hat einen enormen Schub bekommen.» Diese Balance sei aber schwer zu finden, räumte er ein, «wir treffen sie nicht immer». Nach der Kritik von 2023 hatte er auf X geschrieben, er stimme zu, «dass die Musik für die Preisträger dieses Jahr zu schnell eingespielt wurde». Selbst wohlwollende Stimmen sehen die Doppelrolle: Claire Lewis, Kritikerin bei Polygon, schrieb laut Wikipedia über die Gala 2025: «Ja, es war ein dreieinhalbstündiger Werbespot. Aber es war ein guter dreieinhalbstündiger Werbespot.»

Was ein Sieg an der Kasse bewirkt

Was ein Preis wert ist, lässt sich inzwischen zumindest abschätzen. Keighleys Argument hält der Prüfung dabei zum Teil stand. Nach dem Sieg von «Clair Obscur» verkaufte das Spiel laut Schätzungen des Marktforschers Alinea Analytics unmittelbar über 200’000 zusätzliche Exemplare, gut drei Viertel davon über die PC-Plattform Steam. Laut Mat Piscatella vom Marktforscher Circana hat sich der Anteil der aktiven Spieler in den USA, die das Spiel nutzten, zwischen dem 10.12.2025 und dem 13.12.2025 mehr als verdreifacht.

Schon eine Nominierung kann wirken. In Europa stiegen die Verkäufe von «Astro Bot» in der Woche nach Bekanntgabe der Nominierten 2024 um 61 Prozent, jene von «Final Fantasy VII Rebirth» um 268 Prozent, wie Christopher Dring anhand von GSD-Daten zeigte. «Insgesamt reden wir nicht von riesigen Verkaufszahlen, aber von einem klaren Anstieg», schränkte er ein. Auch Ankündigungen strahlen aus: Nach der Enthüllung eines neuen «Divinity»-Spiels von Larian an der Gala 2025 erreichte das ältere «Divinity: Original Sin 2» auf Steam einen 24-Stunden-Spitzenwert von 10’898 gleichzeitigen Spielern.

Für ein Spiel von der Grösse von «GTA VI» ist ein Preis kommerziell zweitrangig. Für Debüts wie «Clair Obscur» oder kleine Studios dagegen kann eine Nominierung über Sichtbarkeit und Absatz mitentscheiden. Das erklärt, weshalb die Branche die Gala trotz aller Kritik ernst nimmt und weshalb die Frage, wer nominiert wird, mehr ist als eine Prestigefrage.

Die Schweiz: Eine Stimme unter 160

Aus der Schweiz stimmt 2026 genau ein Medium mit ab: das Portal Games.ch. Bei 160 Jury-Medien entspricht das rund 0,6 Prozent der Jurystimmen. Zum Vergleich: Frankreich ist mit neun Medien vertreten, Deutschland und Italien mit je fünf; aus Kanada kommen mit «Le Devoir» und Le Bêta-Testeur zwei weitere französischsprachige Stimmen dazu. Ob Games.ch einen Code für «GTA VI» erhalten hat, ist nicht bekannt.

Unter den Nominierten für das Spiel des Jahres seit 2014 und in den vollständigen Siegerlisten von 2014, 2018 und 2025 findet sich kein Schweizer Studio; die übrigen Kategorien liessen sich nicht vollständig prüfen. Geprüft wurden unter anderem Okomotive («FAR: Lone Sails», «FAR: Changing Tides», «Herdling»), Giants Software («Landwirtschafts-Simulator»), Blindflug Studios und Stray Fawn Studio. International beachtet wird die Szene dennoch. Am Deutschen Entwicklerpreis 2025 stammten neun Nominierungen und damit knapp ein Viertel aus der Schweiz; «Dungeon Clawler» von Stray Fawn aus Zürich gewann den Preis für das beste Casual Game und einen Innovationspreis. «Zwar sind die Studios und die Budgets noch immer klein, doch kreative Ideen finden immer wieder internationale Beachtung», bilanzierte SRF.

Die Branche ist klein, aber gewachsen. Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz und der Swiss Game Developers Association (SGDA) zählte 2019 rund 130 Game-Firmen mit 592 Arbeitsplätzen und einem Umsatz von 150 Millionen Franken im Jahr 2018; die Zahl der Studios hatte sich seit 2010 etwa verfünffacht. Neuere Gesamtzahlen wurden für diesen Bericht nicht gefunden. Die SGDA vergibt seit 2013 die Swiss Game Awards; 2025 gewann «Herdling» von Okomotive den Preis für das beste Unterhaltungsspiel, «Danger in Pompeii» von DNA Studios jenen für das beste Serious Game. Für 2026 sind die Anmeldungen geschlossen, ein Datum der Verleihung nennt der Verband noch nicht. Politisch ist das Thema seit 2015 auf der Agenda, als die SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr einen Bericht des Bundesrats zur Förderung der Branche verlangte.

Wer die Gala live sehen will, braucht in der Schweiz Durchhaltevermögen. Das Vorprogramm beginnt in der Nacht auf Freitag, 11.12.2026, um 1.30 Uhr, die Hauptshow dürfte wie 2025 eine halbe Stunde später folgen; zuletzt dauerte sie rund dreieinhalb Stunden. Gestreamt wird kostenlos, unter anderem auf Youtube und Twitch, 2025 zusätzlich auf Prime Video. Ob SRF, RTS oder RSI die Gala übertragen, war bis zum 30.10.2026 nicht bekannt. Die Fan-Abstimmung, die zu 10 Prozent in die Wertung eingeht, endet in der Schweiz am Donnerstag, 10.12.2026, um 3 Uhr. Tickets für das Peacock Theater verkauft der Anbieter AXS seit dem 29.10.2026 in begrenzter Zahl; Preise nennt der Veranstalter nicht. 2025 reichten sie laut Kotaku von 58.92 Dollar bis über 1000 Dollar im Wiederverkauf.

Arena: Kann eine Jury GTA VI so kurz nach dem Erscheinen fair beurteilen?

Ja: Die Regeln und die Erfahrung sprechen dafür

  • Die Regeln sehen es ausdrücklich vor: Wählbar ist, was bis zum 20.11.2026 um 21 Uhr Ortszeit erscheint; Vorabzugang ist erlaubt, «um unsere Abstimmungsfristen einzuhalten» (The Game Awards).
  • Es gibt Präzedenzfälle: «Dragon Age: Inquisition» gewann 2014 nur 17 Tage nach dem Erscheinen; «God of War Ragnarök» holte 2022 nach 29 Tagen sechs Preise, mehr als jedes andere Spiel des Abends (GameRevolution, Game Developer).
  • Tests vor dem Verkaufsstart sind Routine: Die Kritiken zu «Phantom Blade Zero» erschienen drei Tage vor dem Start am 29.10.2026; am Tag danach zählte OpenCritic bereits 55 (Vice, OpenCritic).
  • Die Breite der Jury mindert den Zufall: 160 Medien aus rund 40 Ländern und Regionen stimmen ab, einzelne Lücken fallen weniger ins Gewicht; zudem zählt bei der Siegerwahl das Publikum zu 10 Prozent (The Game Awards).
  • Mehr Vorlauf, als es scheint: Sollten Codes, wie berichtet, Ende Oktober verschickt worden sein, hätten Jury-Medien gut drei Wochen vor dem mutmasslichen Testembargo spielen können; bestätigt ist das nicht (Notebookcheck).

Nein: Eine Gruppenmeinung braucht Zeit

  • Nominiert wird voraussichtlich vor dem Verkaufsstart: Angekündigt ist «Mitte November», 2024 und 2025 kamen die Nominierten vier Tage vor dem Stichtag; ob Rockstar Codes verschickt hat, ist unbestätigt (The Game Awards, Aftermath).
  • Vorabcodes sind «traditionell begrenzt»; es werde schwer zu sagen sein, ob die Nominierungen von GTA VI «die tatsächliche Gesamtmeinung eines Mediums wiedergeben» (Aftermath).
  • Jury-Medien zweifeln selbst: «Um nominiert zu werden, muss die Jury das Spiel gespielt haben» (Journal du Geek); «GTA 6 käme also zu spät, um von der Jury berücksichtigt zu werden» (Gameblog, 01.10.2026, gestützt auf den Zeitplan von 2025).
  • Der Umfang verlangt Zeit: Laut Kotaku preist Rockstar «GTA VI» als langes Spiel mit riesiger Karte an, die zu mehreren Durchgängen anregt; die Sieger 2014 bis 2025 waren bei der Gala im Mittel rund ein halbes Jahr auf dem Markt (Kotaku, Berechnung Expertistan).
  • Die Erwartung eilt dem Urteil voraus: Zweimal als meisterwartetes Spiel ausgezeichnet, an Prognosemärkten mit 64 bis 71 Prozent favorisiert, bevor eine einzige Kritik vorlag (The Game Awards, OddsShopper, Covers).

Kommentar: Der Stichtag ist das Problem, nicht GTA VI

Es wäre bequem, den Streit um «GTA VI» als Luxusproblem abzutun. Ein Spiel, auf das Millionen seit Jahren warten, erscheint knapp vor einer Frist; die Jury wird schon einen Weg finden. Doch der Fall legt offen, was an den Game Awards schief ist. Eine Gala, die sich als Oscars der Games feiern lässt, gab ihre Nominierten zuletzt bekannt, bevor die Frist für die Teilnahme abgelaufen war.

Damit hängt die Chance eines Spiels nicht nur an seiner Qualität, sondern an der Bereitschaft seines Verlags zur Herausgabe von Codes und an der Arbeitsweise der Redaktionen, die sie erhalten. Wer früh liefert, wird gespielt; wer sein Werk bis zuletzt unter Verschluss hält, wird auf Vertrauen nominiert oder gar nicht. Beides schadet der Glaubwürdigkeit. Nominiert die Jury «GTA VI» ohne breite Spielerfahrung, sieht das nach Hype aus. Übergeht sie es, sieht es nach Trotz aus. Und weil Rockstar im Beirat sitzt, wird jede Entscheidung misstrauisch beäugt, auch wenn die Regeln jede Mitwirkung des Beirats ausschliessen.

Die Gegenposition verdient Respekt. Ein später Stichtag hält die grossen Titel des Herbstes im Rennen. «Dragon Age: Inquisition» hat 2014 zudem gezeigt, dass eine Jury in gut zwei Wochen zu einem vertretbaren Urteil kommen kann. Kritikerinnen und Kritiker testen grosse Spiele unter Zeitdruck, das ist ihr Beruf. Wer das Spiel des Jahres 2026 ohne «GTA VI» kürt, riskiert zudem, das wohl meistbeachtete Werk des Jahrgangs nie zu würdigen: Im Folgejahr wäre es nur noch mit neuen Inhalten wählbar.

Die Lösung liegt deshalb nicht darin, einzelne Spiele zu bevorzugen oder auszuschliessen, sondern im Kalender. Die Game Awards sollten erst nominieren, wenn der Stichtag verstrichen ist, oder den Stichtag so früh legen, dass dazwischen Zeit zum Spielen bleibt. Die Golden Joysticks schliessen ihr Wertungsfenster vor der Gala, die britische Filmakademie BAFTA vergibt ihre Spielepreise erst im April. Beide Wege haben einen Preis: Späte Titel rutschen ins nächste Jahr, die Show verliert an Aktualität. Doch ein Preis, bei dem die Jury weiss, worüber sie abstimmt, ist mehr wert als einer, der pünktlich zum Weihnachtsgeschäft kommt.

Für 2026 ist es dafür zu spät. Umso mehr Transparenz schulden die Game Awards ihrem Publikum: das Datum der Nominierungen, die Fristen der Jury und die Zahl der Medien, die «GTA VI» vor ihrer Stimmabgabe tatsächlich spielen konnten. Ob das Spiel am 10.12.2026 gewinnt, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass man dem Urteil glauben kann.

Stand 30.10.2026. Für «Grand Theft Auto VI» und das Remake von «The Legend of Zelda: Ocarina of Time» lagen noch keine Testberichte vor. Das Datum der Nominierungen war offiziell nicht bekannt; Angaben zu Testmustern und zum Embargo für «GTA VI» beruhen auf unbestätigten Berichten. Die Startzeit der Hauptshow ist aus dem Ablauf von 2025 abgeleitet. Die Livestream-Zahlen sind Schätzungen des Veranstalters und nicht mit Fernsehquoten vergleichbar. Einzelne Originalquellen (Bloomberg, «Guardian», «New York Times», «Vanity Fair», Polygon) waren nicht direkt zugänglich; die Angaben dazu stammen aus Wikipedia. Die Erscheinungsdaten von «Overwatch», «God of War», «It Takes Two», «Elden Ring» und «Baldur’s Gate 3» in der Grafik zur Vorlaufzeit liessen sich bis zum 30.10.2026 nicht an einer Primärquelle prüfen; sie stammen aus dem Vorwissen der Redaktion (jenes von «Elden Ring» aus Wikipedia) und sind in der Grafik hell markiert. Zitate aus englischsprachigen Quellen hat die Redaktion übersetzt. Gleiches gilt für die Zitate aus französischsprachigen Quellen. Expertistan führt den Artikel nach, sobald die Nominierungen und die ersten Testberichte vorliegen.

Mehr zum Thema: Zelda ist 40: Nintendo baut das bestbewertete Videospiel neu · Grand Theft Auto VI: Dreizehn Jahre Warten und ein Fieber, das die Welt erfasst · Modern Warfare 4: Call of Duty zieht nach Korea und kämpft um seine Krone

Quellen

Artikel teilenWhatsAppE-Mail

Kommentare 0

Hitze-Index
0 / 100 · ruhig
Abonnieren
Benachrichtigen bei
Ihre Position:
guest

0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet

Weiterlesen

0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x