Assimilation ist kein Schimpfwort. Sie ist ein Versprechen
41'134 Einbürgerungen im letzten Jahr, 2,4 Millionen Ausländer im Land, ein Nein zur 10-Millionen-Initiative. Die Schweiz hat entschieden, weiter zu wachsen. Dann muss sie auch sagen, was sie von denen erwartet, die kommen.

Das Nein, das ein Ja war
Am 14. Juni 2026 hat das Schweizer Stimmvolk die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» mit 54,8 Prozent verworfen. Dreizehn Kantone sagten Nein, die Beteiligung lag bei fast 59 Prozent. Es war, bei aller Schärfe der Kampagne, ein nüchternes Votum: Die Mehrheit glaubt nicht, dass eine starre Obergrenze das Land besser macht. Aber sie hat damit nicht gesagt, dass die Zuwanderung kein Problem sei. Sie hat gesagt, dass sie ein anderes Instrument will.
Dieses Instrument existiert. Es heisst Integration, und es hat in der Schweiz eine Bedeutung angenommen, die dem Wort seine Kraft geraubt hat. Integration meint heute: Sprachkurs, Sozialhilfebezug vermeiden, keine Straftaten. Das ist ein Minimum, kein Ziel. Ein Land, das im vergangenen Jahr 165’386 Menschen aufgenommen hat, netto 74’675, kann sich mit Minimalismus nicht begnügen.

Warum wir das Wort scheuen
Assimilation ist in der politischen Sprache der letzten dreissig Jahre zum Unwort geworden. Es klingt nach Zwang, nach Aufgabe der Identität, nach einem Staat, der Menschen umformt. Dabei bedeutet es nichts anderes als das, was jede Einwanderergeneration vor 1990 als selbstverständlich betrachtet hat: die Sprache des Ortes zu sprechen, seine Sitten zu achten, sich als Teil der Gemeinschaft zu verstehen, in der man lebt, und irgendwann nicht mehr als Gast, sondern als Mitglied gesehen zu werden.
Die Italiener, die in den 1960er-Jahren als «Tschinggen» beschimpft wurden, sind heute mit 350’958 Personen die grösste ausländische Gruppe und zugleich diejenige, deren Präsenz niemand mehr als Problem wahrnimmt. Nicht, weil sie ihre Herkunft vergessen hätten. Sondern weil sie die Schweiz zu ihrer Heimat gemacht haben, und die Schweiz sie als Teil ihrer selbst. Das war Assimilation. Sie hat niemanden beraubt. Sie hat alle bereichert.
Die Umkehr der Bringschuld
Was sich seit den 1990er-Jahren verschoben hat, ist die Richtung der Erwartung. Die Integrationspolitik, wie sie Bund und Kantone heute betreiben, versteht sich als Angebot des Staates an den Zugewanderten. Der Staat integriert. Er finanziert Kurse, Beratungsstellen, Fachstellen, Programme, Leitfäden. Der Zugewanderte nimmt an. Oder auch nicht.
Diese Logik hat eine Konsequenz, die selten ausgesprochen wird: Sie entmündigt. Sie behandelt den Menschen, der gekommen ist, als Objekt einer Massnahme statt als Subjekt einer Entscheidung. Wer nach Zürich, Lugano oder Neuenburg zieht, hat eine Wahl getroffen. Diese Wahl schliesst eine Verpflichtung ein. Ein Land, das diese Verpflichtung nicht einfordert, nimmt den Zugewanderten nicht ernst. Es nimmt ihn nur auf.

Was Assimilation konkret verlangt
Sie verlangt erstens Sprache, und zwar nicht das B1-Zertifikat für die Niederlassung, sondern die Sprache als Lebensmittel: in der Familie, im Verein, am Elternabend. Sie verlangt zweitens die Anerkennung der Rechtsordnung, nicht als äusseren Zwang, sondern als eigene Überzeugung: Gleichheit von Mann und Frau, Religionsfreiheit inklusive der Freiheit, keine zu haben, Trennung von Staat und Glauben. Sie verlangt drittens Teilnahme: an Gemeindeversammlungen, Feuerwehr, Schützenverein, Elternrat, dort, wo die Schweiz tatsächlich stattfindet. Und sie verlangt viertens den Willen, das Eigene nicht als Enklave, sondern als Beitrag zu leben.
Nichts davon ist Zwang. Alles davon ist Zumutung, im besten Sinn: Man traut jemandem etwas zu.
Die Kosten des Verzichts
Wer die Alternative sehen will, muss nicht weit reisen. Die Banlieues von Paris, die Parallelgesellschaften in Brüssel-Molenbeek, die Clanstrukturen in Berlin-Neukölln sind nicht das Ergebnis von zu viel Assimilationsdruck, sondern von zu wenig. Eine Gesellschaft, die aus Angst vor dem Vorwurf der Intoleranz keine Erwartungen mehr formuliert, produziert keine Vielfalt. Sie produziert Nebeneinander. Und Nebeneinander kippt, wenn die Ressourcen knapp werden, in Gegeneinander.
Die Schweiz ist davon nicht ausgenommen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 verzeichnet einen Anstieg schwerer Gewaltdelikte um 8,1 Prozent. Die Asylgesuche liegen bei 25’781, die Hauptherkunftsländer heissen Afghanistan, Eritrea und Türkei – Länder, deren Gesellschaftsmodelle mit dem schweizerischen kaum vereinbar sind. Das ist kein Vorwurf an die Menschen, die kommen. Es ist eine Feststellung über die Grösse der Aufgabe.
Ein Land, das sich zutraut, etwas zu verlangen
Assimilation setzt voraus, dass es etwas gibt, an das man sich anpassen kann. Eine Gesellschaft, die ihre eigenen Werte nur noch relativierend formuliert, die ihre Geschichte als Abfolge von Verfehlungen erzählt und ihre Traditionen als Folklore behandelt, hat nichts anzubieten. Die Frage nach der Assimilation ist deshalb zuerst eine Frage an die Schweizer selbst: Wissen wir noch, wer wir sind?
Wer diese Frage bejaht, kann von anderen verlangen, es auch zu wissen. Wer sie verneint, sollte aufhören, sich über Parallelgesellschaften zu wundern. Denn eine Gesellschaft, die kein Zentrum hat, hat auch keine Ränder. Sie hat nur noch Teile.
Das Nein zur 10-Millionen-Initiative war ein Auftrag. Nicht an die Zugewanderten, sondern an das Land, das sie aufnimmt: Sag, was du erwartest. Und meine es.



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