Kernkraft ist Klimaschutz. Wer das Referendum unterschreibt, wählt Gas
Das Parlament hat das Neubauverbot für Atomkraftwerke aufgehoben, die Initianten ziehen zurück, das linke Bündnis sammelt Unterschriften. Im Februar 2027 entscheidet das Volk, ob die Schweiz ihre Winter mit Physik oder mit Hoffnung bestreiten will.

Die Wende
Am 18. Juni 2026 hat der Nationalrat mit 108 zu 87 Stimmen das Kernenergiegesetz geändert und das Verbot neuer Kernkraftwerke aufgehoben, das seit der Energiestrategie 2050 galt. Der Ständerat hatte im März zugestimmt, die Schlussabstimmung folgte am 19. Juni. Die Initianten der Blackout-Initiative haben ihr Begehren bedingt zurückgezogen, weil der Gegenvorschlag «das Kernanliegen erfüllt». Ein Bündnis aus SP, Grünen, GLP, Mitte-Frauen und Umweltverbänden sammelt seit dem 30. Juni Unterschriften für das Referendum; die Frist läuft bis zum 8. Oktober, die Abstimmung wäre frühestens am 28. Februar 2027.
Es ist eine der wichtigsten energiepolitischen Entscheidungen seit dem Jahrhundertbeschluss von 2017. Und sie ist, anders als damals, eine Entscheidung auf der Grundlage von Erfahrung statt von Stimmung.
Was seit 2017 geschehen ist
Die Energiestrategie 2050 versprach den Ausstieg aus der Kernenergie bei gleichzeitigem Klimaschutz, Versorgungssicherheit und bezahlbaren Preisen. Neun Jahre später sieht die Bilanz so aus: Die Elektrizitätskommission hält eine Winterreserve von mindestens 500 Megawatt bis 2030 und 700 bis 1’400 Megawatt bis 2035 für nötig – Kapazität, die im Wesentlichen aus Gaskraftwerken und Importen bestehen soll. Beznau läuft bis 2033, Axpo investiert 350 Millionen, danach ist Schluss. Die Importabhängigkeit im Winter bleibt nach Einschätzung der Behörde «kritisch». Die Strompreise sind 2026 leicht gesunken, für 2027 melden erste Versorger wieder Erhöhungen.
Der Ausbau der Erneuerbaren ist beachtlich, aber er löst das Problem nicht, das die Schweiz hat: Sie braucht Strom im Winter, wenn die Sonne tief steht und die Flüsse wenig Wasser führen. Solarenergie liefert im Dezember einen Bruchteil ihrer Sommerleistung. Wind ist in der Schweiz topografisch begrenzt und politisch blockiert. Was bleibt, ist Wasserkraft, die ausgereizt ist, Import, der unsicher ist, und Gas, das Klimaschutz verhöhnt.
Die Physik der Debatte
Kernkraft liefert Bandlast: Strom rund um die Uhr, unabhängig von Wetter und Jahreszeit, mit einer CO₂-Bilanz, die laut Weltklimarat auf dem Niveau von Windkraft liegt und unter jener von Solar. Ein einziger Reaktor der Gösgen-Klasse ersetzt mehrere tausend Hektaren Solarfläche oder Hunderte Windräder – im Winter, wenn es zählt, ein Vielfaches davon. Das ist keine Ideologie. Das ist Thermodynamik.
Wer die Kernkraft ablehnt und gleichzeitig das Klima schützen will, muss erklären, womit er die Winterlücke schliesst. Die ehrliche Antwort lautet: mit Gaskraftwerken, die der Bund bereits plant, und mit Importen aus Kohle- und Gasstrom der Nachbarn. Das Referendum gegen neue Kernkraftwerke ist deshalb faktisch ein Referendum für fossile Reserve. Man sollte es so nennen.
Die Argumente der Gegner
Sie verdienen Respekt, weil sie nicht falsch sind, sondern unvollständig. Erstens die Kosten: Neue Kernkraftwerke sind teuer, die Projekte in Finnland, Frankreich und Grossbritannien haben Budgets gesprengt. Richtig – aber die Kosten eines Blackouts, einer Gasabhängigkeit oder eines Winters ohne Reserve stehen in keiner Bilanz. Zweitens die Dauer: Ein Kraftwerk braucht fünfzehn Jahre bis zum Netzanschluss. Richtig – und genau deshalb muss die Entscheidung jetzt fallen, nicht 2040. Drittens der Abfall: Das Tiefenlager ist noch nicht gebaut. Richtig – aber die Nagra hat den Standort bestimmt, und der Abfall, der bereits existiert, muss ohnehin gelagert werden; die Menge, die ein neues Kraftwerk hinzufügt, ändert am Problem nichts Grundsätzliches.
Was die Gegner nicht sagen, ist das Entscheidende: Die Aufhebung des Verbots verpflichtet niemanden zum Bau. Sie erlaubt ihn. Ob ein Werk entsteht, entscheiden Investoren, Kantone und, per Rahmenbewilligung, das Volk. Das Verbot hat nicht den Bau verhindert. Es hat das Nachdenken verhindert.
Die Frage der Freiheit
Es gibt einen Grund, weshalb die Kernkraft die bürgerliche Politik so beschäftigt, und er ist nicht nur technisch. Ein Land, das seinen Strom selbst produziert, ist frei. Ein Land, das ihn importiert, ist erpressbar – von Frankreich, das in kalten Wintern zuerst die eigenen Bürger versorgt, von Deutschland, das seine Reaktoren abgeschaltet hat und selbst zukauft, und von einer EU, die den Stromhandel an ein Abkommen knüpft, das die Schweiz gerade verhandelt. Energiepolitik ist Souveränitätspolitik. Das haben die Gegner der Kernkraft, die meist auch die Befürworter der EU-Anbindung sind, konsequenter verstanden als manche ihrer Kritiker.
Was im Februar zur Wahl steht
Nicht, ob die Schweiz neue Kernkraftwerke baut. Sondern, ob sie es dürfen soll. Nicht, ob Solar und Wasserkraft ausgebaut werden. Sondern, ob sie allein die Last tragen müssen. Nicht, ob das Klima geschützt wird. Sondern, ob man es mit Technologie tut oder mit Verzicht.
Die Schweiz hat 1969 ihr erstes Kernkraftwerk in Betrieb genommen, als das Land ärmer und mutiger war. Sie hat seither keinen einzigen Unfall mit Todesfolge erlebt und jahrzehntelang den saubersten Strommix Europas produziert. Es wäre eine seltsame Form von Fortschritt, wenn sie sich das nun verbieten würde – aus Angst vor einer Technik, die sie beherrscht, zugunsten einer, die sie nicht hat.



Kommentare 0