Menschlichkeit hat eine Adresse – und sie liegt nicht an der Schweizer Grenze
Das UNHCR hat für 2026 8,5 Milliarden Dollar budgetiert und 3,5 zur Verfügung. Die Schweiz gibt jährlich rund vier Milliarden Franken für das Asylwesen aus, kürzt aber die Entwicklungshilfe. Wer helfen will, muss rechnen. Und wer rechnet, kommt zu einem unbequemen Schluss.

Zwei Zahlen
Die erste Zahl stammt vom UNO-Flüchtlingshilfswerk: 8,5 Milliarden Dollar braucht das UNHCR 2026, um die Menschen zu versorgen, für die es zuständig ist. 2025 standen 3,5 Milliarden zur Verfügung, so wenig wie vor zehn Jahren, bei fast doppelt so vielen Flüchtlingen. Das Hilfswerk hat ein Drittel seines Personals abgebaut, die Ausgaben um 20 Prozent gekürzt, mehr als elf Millionen Menschen verlieren Unterstützung. In Kakuma, Zaatari und Cox's Bazar werden Rationen halbiert, Schulen geschlossen, Kliniken zugesperrt.
Die zweite Zahl stammt aus Bern: Rund vier Milliarden Franken gibt der Bund pro Jahr für das Asylwesen aus, 2023 waren es 3,4 Milliarden, 2014 noch 1,2. Die Kosten von Kantonen und Gemeinden kommen dazu und werden, wie die SVP zu Recht kritisiert, nirgends zentral erfasst. Der Bund zahlt den Kantonen eine Globalpauschale von rund 1'500 Franken pro Asylsuchenden und Monat. Das UNHCR hätte, wenn sein Budget voll finanziert wäre, weniger als hundert Dollar pro Schutzbedürftigen und Jahr.
Man muss diese beiden Zahlen nebeneinanderlegen, um zu verstehen, was in der europäischen Flüchtlingspolitik schiefläuft. Es ist nicht ein Mangel an Mitgefühl. Es ist ein Mangel an Rechnen.
Wem geholfen wird
Die 25'781 Menschen, die 2025 in der Schweiz Asyl beantragt haben, sind nicht die Ärmsten. Sie sind, in der Regel, die Jüngsten, Gesündesten und Zahlungsfähigsten ihrer Herkunftsgesellschaften – jene, die eine Schlepperroute über tausende Kilometer bezahlen und überleben können. Die Alten, die Kranken, die Frauen mit Kindern bleiben in den Lagern. Ein System, das Schutz nach dem Kriterium vergibt, wer es bis Chiasso schafft, ist kein Schutzsystem. Es ist eine Lotterie, deren Lose von Kriminellen verkauft werden.
Das ist keine These der Rechten. Das ist die Analyse, die der frühere UNHCR-Mitarbeiter und Oxford-Ökonom Paul Collier seit Jahren vorträgt: Das europäische Asylsystem hilft den Falschen, zu den höchsten Kosten, mit den schlechtesten Ergebnissen. Für das Geld, das ein einziger Asylsuchender in der Schweiz pro Jahr kostet, könnten in Jordanien oder Uganda Dutzende Familien versorgt, Kinder beschult und Kranke behandelt werden. Nicht theoretisch. Praktisch, morgen, mit bestehenden Strukturen.
Die Kürzungen zur falschen Zeit
Und was tut die Schweiz? Sie kürzt. Der Rahmenkredit für die internationale Zusammenarbeit 2025 bis 2028 wurde um 151 Millionen reduziert, das Budget 2025 um 110 Millionen, das Entlastungspaket 27 sieht weitere Kürzungen vor. Im Juni 2026 hat der Bundesrat den Rückzug der DEZA aus Lateinamerika und den Abbau von hundert Stellen beschlossen, Ersparnis 20 Millionen pro Jahr. Immerhin: Der Anteil der humanitären Hilfe steigt von 26 auf 40 Prozent. Das ist die richtige Richtung mit der falschen Summe.
Die Vereinigten Staaten haben mit der Abwicklung von USAID ein Loch gerissen, das nach einer Studie im «Lancet» bis 2030 bis zu 14 Millionen zusätzliche Todesfälle verursachen könnte. Man muss diese Zahl nicht für exakt halten, um ihre Grössenordnung ernst zu nehmen. Es ist der Moment, in dem ein reiches, neutrales, humanitär geprägtes Land wie die Schweiz einspringen müsste. Stattdessen finanziert es Bundesasylzentren.
Was «Hilfe vor Ort» wirklich verlangt
Der Begriff ist in Verruf geraten, weil er von Leuten verwendet wurde, die weder vor Ort noch sonst helfen wollten. Man sollte ihn zurückerobern. Hilfe vor Ort bedeutet: Das UNHCR und das Welternährungsprogramm voll finanzieren, statt sie verhungern zu lassen. Die humanitäre Hilfe der DEZA verdoppeln, mit dem Geld, das ein wirksam gesteuertes Asylsystem einspart. Flüchtlingsländer wie Jordanien, Libanon, Kenia und Uganda mit Handelspräferenzen und Investitionen unterstützen, damit Flüchtlinge dort arbeiten dürfen, wie es Collier mit dem «Jordan Compact» vorgemacht hat. Resettlement-Kontingente für die tatsächlich Schwächsten, direkt aus den Lagern, per Flugzeug, ohne Schlepper. Und ein Asylverfahren, das an der Grenze innerhalb von Wochen entscheidet, damit die Schweiz Schutz gewährt, wo er nötig ist, und Nein sagt, wo er es nicht ist.
Das ist keine Abschottung. Das ist Verantwortung mit Adressen.
Die moralische Umkehrung
Die Debatte über Migration wird in Europa so geführt, als sei die Aufnahme das Mass der Menschlichkeit und die Begrenzung deren Gegenteil. Es ist umgekehrt. Ein Land, das für einen Bruchteil seiner Asylkosten hunderttausende Menschen vor Ort versorgen könnte und es nicht tut, weil es sich lieber die Aufnahme einiger Tausend als Tugend anrechnet, handelt nicht menschlich. Es handelt eitel.
Menschlichkeit misst sich nicht daran, wie viele Menschen an der Grenze stehen. Sie misst sich daran, wie vielen es besser geht. Nach diesem Mass ist die Schweiz nicht zu hart. Sie ist zu bequem. Sie kauft sich mit vier Milliarden ein gutes Gewissen, das für 400 Millionen zu haben wäre – und würde dabei erst noch mehr Menschen retten.
Das ist der Vorschlag: nicht weniger helfen, sondern dort, wo es zählt. Wer das für unmenschlich hält, sollte einmal nach Kakuma reisen. Und dann erklären, warum das Geld in Boudry besser aufgehoben ist.



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