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Samstag, 12. September 2026
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Waffenkultur

Das Sturmgewehr im Schrank: Warum die bewaffnete Schweiz sicherer ist als die entwaffnete

2,3 Millionen Feuerwaffen in Privathaushalten, 135'000 Teilnehmer am Feldschiessen, ein Boom bei den Waffenerwerbsscheinen – und trotzdem eine der tiefsten Gewaltraten Europas. Die Schweiz widerlegt ein Dogma, das ganz Europa für bewiesen hält.

Bildquelle: r/MilitaryPorn

Das Land, das nicht sein dürfte

Nach den Massstäben der europäischen Sicherheitspolitik müsste die Schweiz ein gefährlicher Ort sein. Rund 2,3 Millionen Feuerwaffen liegen in Privathaushalten, etwa 28 pro 100 Einwohner, Rang 16 weltweit. Zehntausende Wehrmänner bewahren ihr Sturmgewehr zu Hause auf. Die Waffenerwerbsscheine haben 2025 in den Deutschschweizer Kantonen um 10 bis 30 Prozent zugenommen, der Trend hält seit 2022 an. 135'000 Menschen nahmen 2024 am Feldschiessen teil, ein Rekord. Ein Land, das sich bewaffnet.

Und doch: Die Schweiz zählte 2025 55 vollendete Tötungsdelikte bei neun Millionen Einwohnern. Das ist ein Wert, um den Frankreich, Belgien und Schweden die Eidgenossenschaft beneiden – Länder mit restriktiveren Waffengesetzen und strengeren Kontrollen. Wer behauptet, mehr Waffen bedeuteten mehr Gewalt, muss erklären, warum das Land mit den meisten Waffen pro Kopf in Westeuropa zu den sichersten gehört.

Die falsche Kausalität

Die Erklärung ist nicht kompliziert, aber sie ist unbequem. Gewalt entsteht nicht aus der Verfügbarkeit von Werkzeugen, sondern aus dem Zustand einer Gesellschaft. Die Schweizer Waffe ist keine Waffe des Misstrauens, sondern des Vertrauens. Sie liegt im Schrank, weil der Staat seinen Bürgern zutraut, sie dort zu lassen. Sie wird am Sonntag im Schützenverein gebraucht, weil dort eine Gemeinschaft entsteht, die älter ist als der Bundesstaat. Das Schiessen ist in der Schweiz keine Subkultur. Es ist Volkskultur, mit Kantonalfesten, Ehrenmeldungen und einem Vereinswesen, das mehr Integration leistet als jede Fachstelle.

Die ZHAW hat die Motive der Käufer untersucht: Die Mehrheit erwirbt Waffen für den Sport. Ein wachsender Teil nennt das Sicherheitsgefühl, und man sollte das nicht als Paranoia abtun, sondern als Symptom. Wenn Bürger sich bewaffnen, weil sie dem Staat das Gewaltmonopol nicht mehr zutrauen, ist nicht der Bürger das Problem.

Was die Statistik wirklich zeigt

Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 ist kein Grund zur Gelassenheit: Schwere Gewaltdelikte stiegen um 8,1 Prozent, Tötungsdelikte um 22 Prozent, 61,8 Prozent davon im häuslichen Bereich. Das Radio berichtete von einem «steilen Anstieg» bei Schusswaffendelikten. Aber die Delikte, die zunehmen, sind Messerangriffe im öffentlichen Raum, Gewalt in Beziehungen, Auseinandersetzungen unter jungen Männern – nicht die Taten von Sportschützen und Wehrmännern. Die Schusswaffe im Haushalt spielt in der Kriminalstatistik eine marginale Rolle; ihre tragische Bedeutung liegt beim Suizid, wo in den Jahren 2000 bis 2010 in rund 39 Prozent der Fälle eine Armeewaffe verwendet wurde.

Das ist das ernsthafte Argument der Gegner, und es verdient eine ernsthafte Antwort. Sie lautet: Prävention, nicht Konfiskation. Die Zahl der Suizide mit Armeewaffen ist seit der Reduktion der Armeebestände und der Aufhebung der Taschenmunition deutlich zurückgegangen, ohne dass das Prinzip aufgegeben wurde. Man kann Risiken senken, ohne Freiheiten abzuschaffen. Die Schweiz hat es vorgemacht.

Zwischenfrage · Abstimmen, dann weiterlesen
Gehört das Sturmgewehr ins Zeughaus – oder bleibt es ein Symbol der bürgerlichen Freiheit?
Zeughaus 0 %Zu Hause 100 %
2 Stimmen

Das Prinzip dahinter

Die Schweiz ist eine Milizdemokratie. Der Bürger ist Soldat, Politiker, Feuerwehrmann und Richter, nicht weil er dafür bezahlt wird, sondern weil er das Gemeinwesen als seines betrachtet. Das Sturmgewehr im Schrank ist der materielle Ausdruck dieses Prinzips: Der Staat gehört dem Bürger, nicht umgekehrt. Ein Staat, der seine Bürger entwaffnet, sagt ihnen, dass er ihnen nicht traut. Ein Staat, der ihnen die Waffe lässt, sagt ihnen, dass er sie braucht.

Es ist kein Zufall, dass die Länder, die ihre Bürger im 20. Jahrhundert entwaffnet haben, dieselben sind, die ihnen anschliessend die Freiheit genommen haben. Es ist auch kein Zufall, dass die beiden ältesten Demokratien der Welt, die amerikanische und die schweizerische, das Recht auf Waffen als Bürgerrecht verstehen. Man muss die amerikanischen Verhältnisse nicht bewundern, um das Prinzip zu verteidigen. Die Schweiz zeigt, dass es ohne die amerikanischen Folgen geht.

Der Druck von aussen

Das Volk hat 2019 die Übernahme der EU-Waffenrichtlinie mit 63,7 Prozent gutgeheissen, aus Sorge um Schengen. Die Tradition hat das überlebt, weil das Parlament Ausnahmen für Wehrmänner und Sportschützen durchgesetzt hat. Aber die Richtung ist gesetzt: Jede Revision in Brüssel wird in Bern nachvollzogen werden müssen, und mit dem EU-Paket, das jetzt im Parlament liegt, künftig dynamisch. Wer das Sturmgewehr im Schrank behalten will, sollte wissen, wo die Entscheidung darüber künftig fällt.

Die Freiheit, die man übt

Am ersten Juniwochenende liegen in tausend Gemeinden Bankangestellte neben Bauern, Lehrerinnen neben Lehrlingen und schiessen auf 300 Meter. Es ist kein martialisches Ritual. Es ist ein Fest, das seit 1872 stattfindet, bei dem mehr Bratwürste als Patronen verbraucht werden und nach dem alle nach Hause gehen, die Waffe im Futteral. Das ist die bewaffnete Schweiz. Sie ist nicht gefährlich. Sie ist erwachsen.

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