Schiesssport als Volkskultur: Feldschiessen, Knabenschiessen, Jungschützen. Wie lange trägt das noch?
3429 Jugendliche am Knabenschiessen, 142 937 am Feldschiessen und doch vier von fünf Verbandsmitgliedern seit 1986 verloren. Eine Analyse über einen Brauch, der vom Bund getragen wird und dessen Mehrheit im Parlament noch sechs Stimmen beträgt.

Am Montag, 14.09.2026, ist im Albisgüetli ein Fünfzehnjähriger aus Turbenthal Schützenkönig geworden. Julian Zehnder traf als Einziger von 3429 Jugendlichen das Maximum von 35 Punkten, bekam 5000 Franken und die Einladung ans Morgartenschiessen. Zürich feierte, wie es seit 1899 feiert: mit Chilbi, Riesenrad und einem freien Montagnachmittag. Das Knabenschiessen ist der sichtbarste Rest einer Kultur, die die Schweiz einmal definiert hat. Die weniger sichtbare Wahrheit steht in den Verbandsstatistiken: 1986 zählte der Schützenverband rund 590 000 Mitglieder, heute sind es 130 000. Eine Analyse über Feldschiessen, Jungschützen und die Frage, wie lange ein Volksbrauch trägt, der auf Sturmgewehren beruht.

Das grösste Schützenfest der Welt hat ein Problem mit dem Superlativ
Der Schweizer Schiesssportverband (SSV) nennt das Eidgenössische Feldschiessen «das grösste Schützenfest der Welt». Der Satz stimmt bis heute; kein anderes Land bringt an einem Wochenende mehr als hunderttausend Menschen mit Gewehr oder Pistole auf die Schiessplätze. Er stimmt nur nicht mehr so deutlich wie früher. 2003 nahmen laut Verband rund 162 000 Schützinnen und Schützen teil, 2006 rund 145 000, 2009 rund 143 000. 2022, im ersten Jahr nach der Pandemie, waren es am Hauptwochenende noch 103 672.
Seither meldet der SSV jedes Jahr ein «bestes Ergebnis seit 2009»: 2024 gesamthaft 135 747 Teilnehmende, 2025 gesamthaft 142 937. Für 2026, das Hauptwochenende fand vom 29. bis 31. Mai statt, nennt der Verband eine Zwischenbilanz von 106 670; nachgeschossen werden darf bis Ende August, die definitive Zahl wird für Ende September erwartet. Die Erholung ist real. Sie ist aber eine Erholung auf ein Niveau, das um die Jahrtausendwende als Tiefpunkt gegolten hätte.
| Jahr | Teilnehmende Feldschiessen | Bemerkung |
|---|---|---|
| 2003 | ca. 162 000 | Angabe SSV-Geschichte |
| 2006 | ca. 145 000 | |
| 2009 | ca. 143 000 | Referenzjahr des Verbands |
| 2019 | 130 184 | Hauptwochenende, nach der Waffenrechts-Abstimmung |
| 2022 | 103 672 | Hauptwochenende, erstes Jahr nach Corona |
| 2024 | 135 747 | Gesamt bis Ende August, davon 100 753 Gewehr, 34 994 Pistole |
| 2025 | 142 937 | Gesamt, «bestes Ergebnis seit 2009» |
| 2026 | 106 670 | Zwischenbilanz Hauptwochenende, definitive Zahl Ende September |

Der Blick auf die Verbandsmitglieder zeigt die Bewegung darunter. 1986: rund 590 000 Mitglieder. 1997: knapp 230 000. Heute: rund 130 000 Mitglieder, davon gut 60 000 mit Lizenz, in knapp 2500 Vereinen. Noch 2024 sprach der Verband von rund 2600 Vereinen und vermerkte im Jahresbericht sinkende Grundbeiträge «aufgrund von Auflösungen oder Fusionen». Innerhalb einer Generation hat das Schützenwesen vier von fünf Mitgliedern verloren. Dass es trotzdem der fünftgrösste Sportverband des Landes bleibt, sagt weniger über die Schützen als über die Grösse, von der sie kommen.

Woher die Schützen kamen: eine Geschichte des Staates
Das Schweizer Schützenwesen ist keine Freizeitkultur, die sich von unten gebildet hätte. Es ist die Folge einer Staatsdoktrin. 1824 gründete sich in Aarau der Schweizerische Schützenverein, ein halbes Vierteljahrhundert vor dem Bundesstaat, und trug mit seinen Festen wesentlich zur Idee einer Nation bei, die sich über Kantonsgrenzen hinweg im Wettkampf traf. 1872 fand auf dem Twannberg oberhalb des Bielersees das erste «Feldsektionswettschiessen» statt. 1874 führte der Bund die Schiesspflicht ein: Wer Wehrmann war, hatte ausserhalb des Dienstes zu schiessen, und der Staat lieferte Gewehr und Munition. Seit 1940 ist das Feldschiessen ein jährlicher Anlass; seit 1926 machen alle Kantone mit.
Die Konstruktion ist bis heute dieselbe. Angehörige der Armee bis zum 34. beziehungsweise 35. Altersjahr absolvieren das «Obligatorische»: 20 Schuss auf 300 Meter, mindestens 42 Punkte, höchstens drei Nuller, Frist Ende August. Jungschützen ab dem 15. Altersjahr erhalten das Sturmgewehr 90 leihweise vom Bund und die Munition gratis. Der Verein verlangt eine Kursgebühr von rund hundert Franken. Der Bund subventioniert die Munition für die ausserdienstlichen Schiessen: 2019 mit 10,2 Millionen Franken, 2020 mit 7,9 Millionen, dazu 5 Millionen Beiträge fürs Obligatorische. Die Eidgenössische Finanzkontrolle rechnete 2022 vor, dass die alte Ordonnanzpatrone GP 11 mit 44 Rappen pro Schuss subventioniert wurde, die moderne GP 90 mit 17 Rappen, und empfahl, das Geld auf die moderne Munition umzulenken. Als der Bund 2024 den Preis der GP 11 von 50 auf 80 Rappen anhob, um rund vier Millionen zu sparen, warf ihm der Walliser Schützenverband vor, er «gefährde den Schweizer Wehrwillen».
Der Satz ist die Kurzfassung des Kulturkonflikts. Für die Schützen ist das Schiessen Landesverteidigung mit anderen Mitteln. Für die Finanzkontrolle ist es eine Subvention. Für die Mehrheit der Bevölkerung ist es, wenn die Zahlen nicht trügen, vor allem etwas, das man nicht mehr tut.
Jungschützen: die Kurve, auf die alles ankommt
2016 senkte der Bund das Mindestalter für Jungschützenkurse von 17 auf 15 Jahre. Der Effekt war messbar: 2017 absolvierten 10 079 Jugendliche einen Kurs, darunter 1672 Mädchen, das waren 17 Prozent und fünfhundert mehr als vier Jahre zuvor. Der Bund stellte über 10 000 Gewehre und 930 000 Patronen zur Verfügung, Kosten 862 000 Franken. Seither sinkt die Zahl leicht: 2024 zählte der SSV 9030 Kursteilnehmende, von denen 8872 bestanden; 2025 bestanden 8396.
| Jahr | Jungschützen | Anteil Mädchen | Quelle |
|---|---|---|---|
| 2013 | keine Gesamtzahl publiziert | 1112 Mädchen | watson, 2018 |
| 2017 | 10 079 | 1672 Mädchen (17 %) | watson, 2018 |
| 2024 | 9030 Teilnehmende, 8872 bestanden | nicht publiziert | SSV-Jahresbericht 2024 |
| 2025 | 8396 bestanden | nicht publiziert | SSV-Jahresbericht 2025 |
Acht- bis zehntausend Jugendliche pro Jahr sind, gemessen an rund 85 000 Fünfzehnjährigen, die jedes Jahr nachrücken, kein Massenphänomen mehr, aber eine ernstzunehmende Basis. Die Lizenzzahlen im Nachwuchs stiegen 2024 sogar, U21 von 6096 auf 6662. Die Frage ist nicht, ob es Jungschützen gibt. Die Frage ist, ob aus Jungschützen Vereinsmitglieder werden, die mit 40 noch am Feldschiessen antreten. Die Mitgliederkurve seit 1986 sagt: mehrheitlich nicht.

Knabenschiessen: Wenn die Chilbi den Anlass überholt
Das Zürcher Knabenschiessen ist der Anlass, an dem sich am besten beobachten lässt, wie ein Brauch seinen Kern verliert und trotzdem überlebt. Erstmals erwähnt wird ein «Knaben Schiesset» 1656. Seit 1899 findet der Wettkampf jährlich im Albisgüetli statt; damals schossen rund 5000 Knaben. Mädchen sind seit 1991 zugelassen, seither gab es sieben Schützenköniginnen. 2025 nahmen 3042 Jugendliche teil, 2026 waren es 3429, geschossen wird mit dem Sturmgewehr 90 auf 300 Meter.

Der eigentliche Anlass sind längst die über 300 Bahnen und Stände der Chilbi, laut Veranstalter die grösste Budenstadt der Schweiz. Selbst die deutschsprachige Wikipedia formuliert es so: Das Schiessen sei «seit längerer Zeit gegenüber dem Chilbi-Betrieb in den Hintergrund geraten». Die NZZ nennt den Anlass inzwischen «Knaben- und Mädchenschiessen». Dass die Stadt Zürich, deren Stimmvolk 2019 deutlich für das verschärfte Waffenrecht stimmte, jedes Jahr dreieinhalbtausend Fünfzehnjährige mit Armeewaffen schiessen lässt und dazu einen halben Feiertag gibt, gehört zu den Widersprüchen, die die Schweiz aushält, ohne sie zu diskutieren.
Ähnlich verhält es sich mit dem Eidgenössischen Schützenfest, das alle fünf Jahre stattfindet und im Sommer 2026 in Chur zu Gast war: rund 35 000 Teilnehmende, 100 000 Besucher, 5000 Helfer, 2,5 Millionen Schüsse auf 20 Schiessplätzen. Schützenkönigin im Gewehr 50 Meter wurde Chiara Leone, die Olympiasiegerin von Paris. «Ein Schützenfest gibt es weltweit nur in der Schweiz», sagte sie. Auch das stimmt. Es erklärt aber nicht, warum es in der Schweiz noch eines gibt.
Die Gründe, warum es trägt
Drei Faktoren halten das System, und keiner davon heisst Tradition.
Erstens der Staat. Solange die Schiesspflicht besteht, muss jeder Wehrmann bis 34 in einen Schiessstand, und solange der Bund Gewehre und Munition stellt, kostet der Einstieg für einen Fünfzehnjährigen hundert Franken. Kein anderer Sport hat einen vergleichbaren Zubringer.
Zweitens der Erfolg. Nina Christen holte 2021 in Tokio Gold und Bronze, Chiara Leone gewann 2024 in Paris mit olympischem Rekord das erste Schweizer Gold jener Spiele, Audrey Gogniat Bronze. Der SSV lag 2025 im WM-Medaillenspiegel auf Rang vier. Für einen Verband, der sich seit Jahrzehnten gegen das Bild des Bierzelts mit Karabiner wehrt, sind drei junge Frauen mit Olympiamedaillen mehr wert als jede Kampagne.
Drittens die Politik. Die Waffenrechts-Abstimmung vom 19. Mai 2019 ging mit 63,7 Prozent gegen die Schützen aus; nur das Tessin sagte Nein. Der Verband hatte die EU-Richtlinie als «EU-Diktat» bekämpft und verloren. Im Juni 2026 gewann er dafür knapp: Der Nationalrat lehnte die Motion Seiler Graf, wonach die Ordonnanzwaffe nach dem Dienst nur noch behalten dürfte, wer sie regelmässig sportlich nutzt, mit 98 zu 92 Stimmen ab. SSV-Präsident Luca Filippini: «Die Schweizer Miliztradition basiert auf Vertrauen und Verantwortung, nicht auf Generalverdacht.» Sechs Stimmen Unterschied. So knapp war die Mehrheit für das Schützenwesen im Parlament noch nie.

Die Gründe, warum es bröckelt
Dagegen stehen Kräfte, die sich nicht abstimmen lassen.
Das Blei. Rund 4000 Schiessanlagen-Standorte sind im Kataster des Bundes als belastet verzeichnet. Bis 2025 wurden über 1200 saniert, etwa so viele folgen noch, die Frist läuft bis 2045, der Bund zahlt 40 Prozent. Jedes Jahr landen laut Bundesamt für Umwelt noch rund 100 Tonnen Blei in den Kugelfängen. Die Sanierung eines einzigen Standes kostet, wie das Beispiel Poschiavo zeigt, 430 000 Franken. Viele Gemeinden nehmen das zum Anlass, den Stand gleich zu schliessen.

Der Lärm. Schiessstände liegen dort, wo vor fünfzig Jahren Wiesen waren und heute Einfamilienhäuser stehen. SRF berichtete 2026 über einen Sanierungsstau der Armee beim Lärmschutz militärischer Schiessplätze. Bei den zivilen Ständen führt jede Lärmklage zu weniger Schiesshalbtagen, und weniger Schiesshalbtage führen zu weniger Schützen.
Die Demografie. Das Schützenwesen war eine Männergesellschaft, die den Nachwuchs über die Armee bezog. Beides ist gebrochen: Der Anteil der Frauen wächst, aber von tiefem Niveau, und die Armee bildet pro Jahr weniger Rekruten aus als in den achtziger Jahren. Wer aus der Wehrpflicht fällt, fällt aus der Schiesspflicht. Wer aus der Schiesspflicht fällt, geht in der Regel nicht freiwillig zurück.
Was die Bevölkerung denkt
Die Studie «Sicherheit 2026» der ETH Zürich und der Militärakademie, publiziert im Mai 2026, zeigt ein Land, das der Armee vertraut, aber nicht mehr selbstverständlich zur Waffe greift. 83 Prozent halten die Armee für notwendig, nur 25 Prozent wollen die Wehrpflicht abschaffen, 78 Prozent befürworten eine militärische Verteidigung im Kriegsfall. Gefragt, ob sie selbst zur Waffe greifen würden, sagen 50 Prozent Ja, bei den Männern 67 Prozent, bei den Frauen 32 Prozent. Unbewaffnet mithelfen würden 85 Prozent.
Das ist die Klammer, in der das Schützenwesen heute steht. Die Idee der bewaffneten Milizgesellschaft geniesst breite Zustimmung. Ihre praktische Ausübung an einem Samstagmorgen auf 300 Meter Distanz ist Sache einer Minderheit, die schrumpft, sich aber seit 2022 wieder stabilisiert hat.
Wie lange trägt es noch?
Die ehrliche Antwort lautet: so lange, wie der Bund es trägt. Das Feldschiessen, die Jungschützenkurse und das Obligatorische sind keine Bräuche, die aus sich heraus leben, sondern Programme des Departements für Verteidigung mit einem Budget, einem Munitionslager und einer gesetzlichen Pflicht. Fällt die Schiesspflicht, fällt der Zubringer; fällt die Gratismunition, fällt die Schwelle für Fünfzehnjährige; fällt die Ordonnanzwaffe im Kleiderschrank, fällt das Argument, dass Schiessen Landesverteidigung sei. Die Motion Seiler Graf hat gezeigt, dass jede dieser Säulen nur noch eine Handvoll Stimmen von der Abschaffung entfernt ist.
Gleichzeitig hat sich das Schützenwesen in den letzten vier Jahren als zäher erwiesen, als seine Kritiker vermuteten. 142 937 Menschen am Feldschiessen 2025, 3429 Jugendliche am Knabenschiessen 2026, drei Olympiamedaillen von Frauen unter dreissig, ein Eidgenössisches in Chur mit 35 000 Teilnehmenden. Der Brauch stirbt nicht. Er wird nur kleiner, städtischer und weiblicher, und er hört auf, selbstverständlich zu sein. Das Knabenschiessen führt es vor: Die Chilbi hat den Wettkampf überholt, aber niemand käme auf die Idee, den Wettkampf deshalb abzuschaffen. Vielleicht ist das die realistische Zukunft des Schweizer Schiesssports: ein Kern, der bleibt, umgeben von einem Fest, das grösser ist als er.
Hinweis der Redaktion: Die Angaben entsprechen dem Stand vom 14.09.2026 und beruhen auf Publikationen des Schweizer Schiesssportverbands (Jahresberichte 2024 und 2025, Mitteilungen), des Bundesamts für Umwelt, der Eidgenössischen Finanzkontrolle, der Studie «Sicherheit 2026» von ETH Zürich und Militärakademie sowie auf Berichten von SDA, Südostschweiz, watson, Blick, swissinfo und der Luzerner Zeitung. Für die Zahl der jährlichen Absolventen des Obligatorischen liegt keine aktuelle Publikation der Gruppe Verteidigung vor.



Kommentare 0