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International · Zolldeal · Analyse
Handelsstreit mit den USA

Zolldeal mit Trump: Die Schweiz zahlt, dankt – und wird trotzdem bestraft

US-Zölle auf Schweizer Exporte 2025-2026

Vor einem Jahr traf der höchste amerikanische Strafzoll, den je ein entwickeltes Land kassierte, ausgerechnet die Schweiz: 39 Prozent. Dann kam der Deal – 200 Milliarden Dollar Investitionsversprechen gegen die Gnade von 15 Prozent. Bern bedankte sich artig bei Donald Trump. Neun Monate später ist das verbindliche Abkommen noch immer nicht unterschrieben, dafür kassiert die Schweiz seit Juli einen neuen Sonderzoll – begründet mit einem Vorwurf, der an Absurdität kaum zu überbieten ist: Sie tue zu wenig gegen Zwangsarbeit. Die Bilanz eines Jahres Zollpolitik nach Trump-Art wirft die Frage auf, die dieses Land beantworten muss: Wie viel Rückgrat kann sich eine Exportnation leisten – und wie viel Kniefall verträgt sie?

Chronik einer Erpressung

Die Eskalation begann mit Trumps «Liberation Day» Anfang April 2025, als Washington mit ökonomisch schwer nachvollziehbarer Begründung ein umfassendes Zollpaket über die halbe Welt verhängte. Anfang August 2025 folgte für die Schweiz der Hammer: 39 Prozent Zusatzzoll – mehr als für jedes andere entwickelte Land. Drei Monate lang würgten diese Sätze die Exportindustrie, dann verkündeten Bundesrat Guy Parmelin und der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer am 14. November 2025 die Einigung: Senkung auf 15 Prozent, das Niveau der EU. Der offizielle Bundesrats-Account bedankte sich auf X wörtlich: «Danke Präsident Trump für das konstruktive Engagement.»

Der Dank hatte seinen Preis, und er war hoch. Schweizer Unternehmen sagten Direktinvestitionen von 200 Milliarden Dollar in den USA bis 2028 zu – Greer kündigte an, die Schweiz werde Produktionsstätten in die Vereinigten Staaten verlegen, darunter Pharmaunternehmen und Goldschmelzen. Die Schweiz senkte im Gegenzug Einfuhrzölle auf sämtliche US-Industrieprodukte, auf Fisch und Meeresfrüchte sowie auf «nicht-sensitive» Agrarprodukte von Ananas über Nüsse bis Whiskey. Sie gewährte zollfreie Kontingente für 500 Tonnen Rindfleisch, 1000 Tonnen Bison und 1500 Tonnen Geflügel. Und Schweizer Firmen stellten Boeing-Käufe in Aussicht. Was die USA lieferten, war eine Absichtserklärung – kein Vertrag.

Grafik: US-Zusatzzölle auf Schweizer Exporte – 39, 15 und 12,5 Prozent innert eines Jahres
Drei Zollsätze in zwölf Monaten – und die EU steht stets besser da. Grafik: Expertistan

Das Jahr danach: Fristen verstreichen, Zölle kommen zurück

Was folgte, ist ein Lehrstück über den Wert Trumpscher Zusagen. Im Dezember 2025 wurde bekannt, dass Washington das verbindliche Abkommen bis Ende März 2026 wollte. Die Frist verstrich; Parmelin erklärte sie später für hinfällig. Ende Juni 2026 reiste der Bundespräsident nach Washington – und unterschrieb dort eine einseitige Erklärung: Die Schweiz halte am Joint Statement fest, baue Hürden für US-Pharmaprodukte und Autos ab, anerkenne künftig US-Normen bei Personenwagen und Medizinprodukten und öffne Zertifizierung und öffentliches Beschaffungswesen – umzusetzen ab 2027 auf dem Verordnungsweg, am Parlament vorbei. Die Amerikaner unterschrieben: nichts.

Die Antwort aus Washington kam trotzdem – nur anders als erhofft. Am 24. Juli 2026 verhängte Trump neue Zölle gegen rund sechzig Handelspartner, Begründung: ungenügender Einsatz gegen globale Zwangsarbeit. Für die Schweiz gilt seither ein neuer Basiszoll von 12,5 Prozent – für die EU nur 10 Prozent. Die Techindustrie beklagt den Wettbewerbsnachteil von 2,5 Prozentpunkten gegenüber dem Hauptkonkurrenten; economiesuisse weist den Zwangsarbeits-Vorwurf als weder nachvollziehbar noch gerechtfertigt zurück. Formal halten sich die USA damit an die 15-Prozent-Obergrenze des Joint Statement. Faktisch zeigt die Episode: Selbst wer zahlt, ist vor der nächsten Volte nicht sicher – zumal eine laufende Untersuchung zu angeblichen «industriellen Überkapazitäten» bereits den nächsten, höheren Satz androht. Die Uhrenbranche hofft derweil auf Ausnahmen, und in den USA selbst klagen inzwischen 25 Bundesstaaten gegen Trumps Zollregime – die Gerichte lassen es vorerst gewähren.

Datenkarte: Zugeständnisse der Schweiz und Gegenleistungen der USA im Zollstreit
Die Bilanz nach zehn Monaten Deal: viel gegeben, wenig Verbindliches erhalten. Grafik: Expertistan

Die Rechnung der Realisten

Wer den Kurs des Bundesrats verteidigt, argumentiert mit der nackten Abhängigkeit. Die USA sind der wichtigste Einzelmarkt ausserhalb Europas; an Pharma, Maschinen, Präzisionsinstrumenten und Uhren hängen Hunderttausende Stellen. Die drei Monate unter 39 Prozent haben laut Parmelin grosse Verluste verursacht – jede Woche Eskalation kostet real Aufträge und Arbeitsplätze. Der Direktor der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer, Rahul Sahgal, bringt die Lage nüchtern auf den Punkt: Die Schweiz sitze am kürzeren Hebel; die grösste erreichbare Sicherheit bestehe darin, nachweisen zu können, dass man sich selbst an alle Abmachungen gehalten hat. Aus dieser Sicht war der November-Deal ein Befreiungsschlag: Er beseitigte den 24-Punkte-Nachteil gegenüber der EU und brachte der Wirtschaft Planungssicherheit – nicht perfekt, aber besser als jede Alternative. Auch das Kalkül hinter den Zugeständnissen ist nicht irrational: Die 200 Milliarden sind Ankündigungen von Unternehmen, die vieles davon ohnehin investiert hätten; die Agrar-Kontingente sind, gemessen am Gesamtmarkt, klein; und wer Trump kennt, weiss, dass symbolische Tribute oft billiger sind als reale Handelskriege. Ein rechtsverbindliches Abkommen, so die Hoffnung der Verbände von Swissmem bis Swiss Medtech, würde wenigstens einen Teil der Willkür einhegen – Papier zwar, aber Papier mit Rechtswirkung.

Zwischenfrage · Abstimmen, dann weiterlesen
Soll die Schweiz Trumps Zollfrieden weiter mit Zugeständnissen erkaufen – oder auf Rückgrat, Recht und andere Partner setzen?
Ja, Deal sichern 0 %Nein, Rückgrat zeigen 100 %
3 Stimmen

Die Rechnung der Prinzipientreuen

Die Gegenposition zieht sich quer durch alle Lager – und sie hat seit Juli die stärkeren Belege. Erstens der Wert des Deals selbst: Ein Wirtschaftsrechtler urteilte gegenüber SRF schon früh, ein solches Abkommen wäre bestenfalls ein «Executive Agreement» der US-Regierung – nie vom Kongress ratifiziert, jederzeit ignorierbar, sein Wert gering. Die Zwangsarbeits-Zölle vom Juli haben diese Warnung schneller bestätigt, als es den Optimisten lieb sein kann. Selbst SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi räumte ein: «Was aktuell vorliegt, ist rechtlich nicht bindend.» Zweitens die Ordnungspolitik: Wer sich bilateral freikauft, unterläuft die multilaterale Handelsordnung, von der ein Kleinstaat mehr profitiert als jede Grossmacht – man predigt Multilateralismus am Sonntag und dealt am Montag. Drittens die Standards: Die zugesagte Anerkennung von US-Normen bei Autos und Medizinprodukten sowie die Agrar-Kontingente rühren an Schweizer Schutzniveaus; Grünen-Fraktionschefin Aline Trede warnt stellvertretend für viele Landwirtschaftsvertreter vor Chlorhühnern im Land. Und viertens die Demokratie: Der Bundesrat wählte für die Zollsenkungen und Normen-Zusagen den Verordnungsweg, informierte die Aussenpolitischen Kommissionen nach den Medien und handelte einseitig – SP-Ständerätin Franziska Roth spricht von einem «weiteren Kniefall vor Trump», andere Parlamentarier von einer ziemlich autoritären Herangehensweise, und SP-Nationalrat Fabian Molina verlangt, die Genehmigung der Zollerleichterungen zu sistieren, solange keine Stabilität herrscht. Sollte der Bundesrat am Ende gar auf ein rechtsverbindliches Abkommen verzichten, um den innenpolitischen Prozess zu umgehen, hätte das eine pikante Konsequenz: kein Vertrag, kein Referendum – Volk und Parlament blieben bei einem der folgenreichsten Wirtschaftsdossiers der Dekade aussen vor.

Was jetzt ansteht

Drei Schauplätze entscheiden über die nächsten Monate. In Washington verhandelt die Schweizer Delegation weiter über das verbindliche Abkommen – bei laufender «Überkapazitäts»-Untersuchung mit Drohpotenzial nach oben. In Bern muss das Parlament die bereits verfügten Zollerleichterungen für die USA absegnen – die Debatte darüber wird zum Stimmungstest, wie viel einseitiges Entgegenkommen die Räte noch mittragen. Und käme dereinst ein echtes Handelsabkommen zustande, unterstünde es dem fakultativen Referendum: Dann hätte das letzte Wort das Volk – vorausgesetzt, man lässt es.

Einordnung der Redaktion: Tribut zahlen kann keine Strategie sein

Man muss dem Bundesrat zugutehalten: Er hat in einer erpresserischen Lage das Feuer gelöscht, und die 39 Prozent waren eine reale Bedrohung für reale Existenzen. Wer im November 2025 Härte forderte, hätte den Preis dafür nicht selbst bezahlt, sondern die Werkhallen im Jura und im Mittelland. So weit die Fairness.

Aber ein Jahr Trumpscher Zollpolitik lehrt eine härtere Lektion: Mit diesem Washington ist Wohlverhalten keine Versicherung, sondern eine Einladung. Die Schweiz hat gezahlt, gedankt und geliefert – und wurde mit einem konstruierten Zwangsarbeits-Vorwurf abgestraft, während die EU, die sich kollektiv wehren kann, den besseren Satz erhielt. Der Dankes-Tweet an einen Präsidenten, der das Land drei Monate zuvor härter traf als jeden anderen entwickelten Staat, bleibt ein Dokument der Selbstverzwergung. Eigenverantwortung heisst jetzt dreierlei. Erstens: keine weiteren Vorleistungen ohne unterschriebene, einklagbare Gegenleistung – wer einseitig liefert, verhandelt nicht, er tributpflichtet. Zweitens: Parlament und, wenn es zum Abkommen kommt, das Volk gehören an den Tisch; ein Kurs, der nur auf dem Verordnungsweg überlebt, hat keine demokratische Basis, und Schweizer Standards bei Lebensmitteln, Medizinprodukten und Fahrzeugen sind kein Wechselgeld der Exekutive. Drittens: Die beste Antwort auf einen unberechenbaren Grosskunden ist ein breiteres Kundenbuch – geregelte Beziehungen zu Europa, neue Abkommen mit Asien und Lateinamerika, Stärkung der multilateralen Ordnung, in der Regeln mehr zählen als Launen. Die Schweiz ist klein, aber sie ist nicht wehrlos: Sie hat Rechtsstaat, Kapital, Spitzentechnologie – und eine Bevölkerung, die es gewohnt ist, selbst zu entscheiden. Es wäre Zeit, dass Bern wieder so verhandelt, als wüsste es das.

Quellen und Faktenstand

Recherchestand: 13. September 2026. Grundlagen: Mitteilungen von Bundesrat und US-Handelsbeauftragtem zum Joint Statement vom 14. November 2025; Berichterstattung von SRF, NZZ, Tages-Anzeiger, Watson, Blick, «Finanz und Wirtschaft» und Handelsblatt (November 2025 bis September 2026); NZZ vom 24. Juli 2026 zu den neuen Zwangsarbeits-Zöllen (12,5 Prozent Schweiz, 10 Prozent EU); News-Ticker von economiesuisse; Stellungnahmen von Swissmem, Swiss Medtech, Handel Schweiz und der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer; Voten von Parlamentsmitgliedern gemäss zitierten Medien. Die Lage ändert sich wöchentlich – Zollsätze, Untersuchungen und Verhandlungsstand unmittelbar vor Publikation nachgeprüft.

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