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Sonntag, 27. September 2026
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Gesundheitswesen · Recherche

Die unendliche Rechnung: Wie das Schweizer Gesundheitswesen zum Selbstbedienungsladen wurde

100 Milliarden Franken im Jahr, dreimal so hohe Prämien wie 1996. Nicht Ihre Gesundheit ist teurer geworden, sondern das System, das an ihr verdient. Eine Recherche über Menge, Macht und Intransparenz im Schweizer Gesundheitswesen.

Roche-Türme Bau 1 und Bau 2 in Basel
Bild: Tilman2007 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Da steht er, am Rheinknie, 205 Meter hoch, das höchste Gebäude der Schweiz. Roche-Turm Bau 2, eröffnet am 02.09.2022, nach Angaben des Konzerns rund 550 Millionen Franken teuer, Arbeitsplatz für 3’200 Menschen. Daneben sein kleiner Bruder, Bau 1, 178 Meter, seit 2015. Wer abends über die Wettsteinbrücke fährt, sieht zwei weisse Stufentürme, die in den Himmel wachsen wie ein Versprechen. Wer morgens die Prämienrechnung öffnet, sieht, wer dieses Versprechen bezahlt.

Dieser Artikel ist eine Kampfansage. Nicht an die Pflegefachfrau, die nachts um drei Infusionen wechselt. Nicht an den Hausarzt, der noch Hausbesuche macht. Sondern an ein System, das so konstruiert ist, dass jene, die bezahlen, fast nichts sehen und jene, die verrechnen, fast alles bestimmen. Expertistan hat Geschäftsberichte, Bundesstudien, Aufsichtsberichte und Behördenstatistiken ausgewertet. Das Ergebnis ist unbequem für alle Seiten, auch für die bequeme Wut. Aber es ist eindeutig genug, um wütend zu werden.

Die Roche-Türme in Basel: Bau 2 (205 m) ist das höchste Gebäude der Schweiz
Die Roche-Türme in Basel: Bau 2 (205 m) ist das höchste Gebäude der Schweiz. Bild: Tilman2007 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Phantásien am Rheinknie

Erinnern Sie sich an «Die unendliche Geschichte»? Michael Ende hat 1979 ein Reich beschrieben, Phantásien, regiert von der Kindlichen Kaiserin aus ihrem Elfenbeinturm. Das Reich stirbt. Ein Nichts frisst sich durch die Landschaft, Stück um Stück und keiner kann sagen, was es eigentlich ist. Man sieht nur, dass dort, wo es war, nichts mehr ist.

Ersetzen Sie Phantásien durch das Schweizer Gesundheitswesen. Ersetzen Sie das Nichts durch jene Zone, in der Ihre Prämienfranken verschwinden: zwischen Arztpraxis, Spital, Labor, Apotheke, Pharmakonzern und Krankenkasse. Sie sehen, dass jedes Jahr mehr fehlt. Aber niemand zeigt Ihnen, wohin es geht.

Und der Elfenbeinturm? Im Roman ist er der Sitz der Macht, strahlend weiss, weit weg vom Rest des Reiches, von dessen Zerfall man drinnen lange nichts merkt. Die Roche-Türme sind kein Märchen. Aber sie sind ein perfektes Symbol: gebaut aus Gewinnen, die, wie wir zeigen werden, zu den höchsten aller grossen Industrien gehören. Während unten, in den Einfamilienhäusern und Mietwohnungen, jedes Jahr die nächste Prämienrechnung eintrifft.

Das Amulett AURYN trägt im Roman eine Inschrift: «Tu, was du willst.» Man könnte sie über den Eingang des Schweizer Gesundheitswesens meisseln.

Zwischenfrage · Abstimmen, dann weiterlesen
Ist das Schweizer Gesundheitswesen ein Selbstbedienungsladen?
Ja, das System belohnt Menge statt Gesundheit 100 %Nein, wir zahlen für Fortschritt und Alterung 0 %
2 Stimmen
Der Elfenbeinturm: oben die Rendite, unten die Prämienzahler
Der Elfenbeinturm: oben die Rendite, unten die Prämienzahler. Illustration: Expertistan (eigene Darstellung)

Einfach erklärt: Worum es in diesem Artikel geht

Stellen Sie sich eine Wohngemeinschaft vor. Alle zahlen jeden Monat in eine gemeinsame Kasse. Aus dieser Kasse wird bezahlt, was ein Handwerker in der Wohnung macht. Aber: Der Handwerker entscheidet selbst, was er macht, wie lange er arbeitet und was er dafür aufschreibt. Die Rechnung geht direkt an die Kasse. Die WG-Mitglieder sehen sie meist nie. Und wenn die Kasse leer ist, erhöht man einfach die Monatsbeiträge. Genau so funktioniert, stark vereinfacht, unser Gesundheitswesen.

Die Zahl: 100 Milliarden Franken

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen. 1960 kostete das Schweizer Gesundheitswesen gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) 1,9 Milliarden Franken, 4,9 Prozent der Wirtschaftsleistung. Im Jahr 2000 waren es 43,4 Milliarden. 2024 waren es 97 Milliarden Franken, 11,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts, 899 Franken pro Kopf und Monat. Für 2025 schätzt das Gesundheitsobservatorium Obsan erstmals über 100 Milliarden: 100,7 Milliarden Franken.

Hundert Milliarden. Das sind pro Person, vom Säugling bis zur Hundertjährigen, rund 11’000 Franken im Jahr.

Kosten des Gesundheitswesens 1960 bis 2025
Kosten des Gesundheitswesens 1960 bis 2025. Grafik: Expertistan. Quellen: BFS, Obsan

Natürlich ist ein Teil davon Teuerung, ein Teil Bevölkerungswachstum, ein Teil wachsender Wohlstand. Die Eidgenössische Finanzverwaltung (EFV) hat 2025 in einem Arbeitspapier die Treiber von 1960 bis 2022 untersucht: Etwa die Hälfte des langfristigen Anstiegs erklärt sie mit dem steigenden Einkommen, rund 15 Prozent mit der Demografie. Reiche Gesellschaften geben mehr für Gesundheit aus. Das ist keine Verschwörung, das ist Ökonomie.

Aber die spannende Frage ist nicht, ob die Kosten gestiegen sind. Sondern: Wofür genau? Und wer entscheidet darüber?

«Deine Kosten sind nie gestiegen.» Stimmt das?

Die These, mit der dieser Artikel angetreten ist, lautet: Deine Gesundheitskosten sind nie gestiegen, nur die Gier der Gesundheitsbranche. Wir haben sie geprüft. Das Ergebnis ist differenzierter und gerade deshalb brisanter.

Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zerlegt, warum die Kosten der Grundversicherung (OKP) zwischen 2012 und 2022 gestiegen sind. Im Schnitt wuchsen sie um 4,0 Prozent pro Jahr, pro Kopf um rund 3 Prozent. Die Aufschlüsselung ist ein Hammer:

  • Preise: Kein Beitrag. Sie sind im Beobachtungszeitraum sogar gesunken.
  • Mehr Kranke (Krankheitsprävalenz): 0,01 Prozentpunkte pro Jahr. Praktisch null.
  • Alterung: 0,6 Prozentpunkte pro Jahr.
  • Mehr Leistungen pro erkrankter Person: 2,5 Prozentpunkte pro Jahr. Das sind über 80 Prozent des Anstiegs pro Kopf.
Was die Kosten der Grundversicherung wirklich treibt
Was die Kosten der Grundversicherung wirklich treibt. Grafik: Expertistan. Quelle: ZHAW im Auftrag des BAG, 2025

Lesen Sie das zweimal. Die Schweizerinnen und Schweizer sind in diesem Jahrzehnt nicht kränker geworden. Die Alterung erklärt nur einen kleinen Teil. Die Preise pro Leistung sind nicht gestiegen. Gestiegen ist, wie viel an jedem einzelnen Kranken gemacht wird. Mehr Untersuchungen, mehr Bilder, mehr Eingriffe, mehr Medikamente, mehr Konsultationen, mehr Abrechnungspositionen.

Damit ist die These halb richtig und halb falsch. Falsch ist, dass «die Kosten nie gestiegen» seien. Sie sind gestiegen und zwar massiv. Richtig ist der Kern dahinter: Nicht Ihr Gesundheitszustand hat sich verteuert, sondern das, was das System an Ihnen verkauft. Ein Teil davon ist echter medizinischer Fortschritt: neue Krebstherapien, bessere Herzeingriffe, Medikamente, die Leben verlängern. Ein anderer Teil ist Menge um der Menge willen.

Einfach erklärt: Preis mal Menge

Jede Rechnung besteht aus zwei Teilen: Was kostet eine Leistung (Preis) und wie viele Leistungen gibt es (Menge). Wenn ein Kilo Äpfel gleich viel kostet wie vor zehn Jahren, Sie aber plötzlich drei Kilo statt einem kaufen, zahlen Sie das Dreifache. Im Gesundheitswesen sind die Preise über zehn Jahre stabil geblieben. Explodiert ist die Menge. Der entscheidende Unterschied zum Supermarkt: Im Gesundheitswesen entscheidet meistens nicht der Patient, wie viel «gekauft» wird, sondern der Anbieter, der daran verdient.

Wie gross ist der Anteil, der nichts bringt? Eine Studie der ZHAW und des Büros INFRAS, ebenfalls im Auftrag des BAG, bezifferte 2019 das Effizienzpotenzial in der Grundversicherung auf 7,1 bis 8,4 Milliarden Franken pro Jahr. Das sind 16 bis 19 Prozent aller KVG-Kosten oder 855 bis 1’012 Franken pro Kopf und Jahr. Die grössten Posten: die stationäre Akutversorgung mit rund 2,1 bis 2,2 Milliarden, die ambulanten Arztleistungen mit rund 1,5 bis 1,6 Milliarden, die Medikamente mit 0,9 bis 1,4 Milliarden.

Wo in der Grundversicherung Geld ohne Nutzen versickert
Wo in der Grundversicherung Geld ohne Nutzen versickert. Grafik: Expertistan. Quelle: ZHAW/INFRAS im Auftrag des BAG, 2019

Anders gesagt: Rund jeder sechste Prämienfranken finanziert laut einer vom Bund bestellten Studie Leistungen, die man mit gleicher Qualität effizienter erbringen oder weglassen könnte. Die Expertengruppe unter alt Ständerätin Verena Diener hielt bereits 2017 fest, dass die Menge an medizinisch nicht begründbaren Leistungen stark zunehme. Seither: Kostendämpfungspakete, Tarifreformen, Kommissionen. Und jedes Jahr wieder ein Prämienschock.

Die Prämienschere: Drei Mal so teuer

Wer den Nutzen dieses Systems bezahlt, ist klar: Sie. Die mittlere Monatsprämie in der Grundversicherung lag 1996, im Jahr der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes (KVG), bei durchschnittlich 128 Franken pro Kopf. 2026 liegt sie bei 393.30 Franken, für Erwachsene bei 465.30 Franken. Das ist rund das Dreifache.

Der Prämienturm: mittlere Monatsprämie 1996 bis 2026
Der Prämienturm: mittlere Monatsprämie 1996 bis 2026. Grafik: Expertistan. Quellen: BAG, CHSS

Der Krankenversicherungsprämien-Index des BFS zeigt es noch deutlicher. Mit dem Jahr 1999 als Basis (100 Punkte) stand der Teilindex Grundversicherung 2025 bei 270,4 Punkten. Die Konsumentenpreise sind im gleichen Zeitraum um rund 17 Prozent gestiegen. Die Löhne legten laut einer Auswertung von Tamedia zwischen 1996 und 2023 nominal um rund 30 Prozent zu.

Prämien gegen Preise: die Schere seit 1999
Prämien gegen Preise: die Schere seit 1999. Grafik: Expertistan. Quellen: BFS, Statistik Kanton Freiburg

Am Dienstag, 29.09.2026, gibt der Bundesrat die Prämien für 2027 bekannt. Das BAG selbst hatte im Mai einen Anstieg von 4,5 bis 5 Prozent in Aussicht gestellt, Comparis und die Konjunkturforschungsstelle KOF rechneten mit 3,7 Prozent. Es wäre das fünfte Jahr in Folge mit einem deutlichen Plus.

Und die Prämie ist nicht alles. Das BFS weist aus, dass die Haushalte 2024 zusätzlich 21,3 Prozent der Gesundheitskosten direkt aus der eigenen Tasche bezahlten: Franchise, Selbstbehalt, Zahnarzt, Brillen, Pflegeheim. Laut swissinfo tragen Schweizer Haushalte damit im OECD-Vergleich einen der höchsten Eigenanteile überhaupt. 40,7 Prozent laufen über Prämien, 31,3 Prozent über Steuern. Am Ende zahlt immer derselbe: Sie.

Wer das Gesundheitswesen finanziert
Wer das Gesundheitswesen finanziert. Grafik: Expertistan. Quelle: BFS 2026

Das Nichts: Wie das System dem Zahler die Sicht nimmt

Jetzt kommen wir zum Kern. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob irgendwo jemand gierig ist. Gier gibt es überall. Die entscheidende Frage lautet: Warum funktioniert sie im Gesundheitswesen so reibungslos?

Die Antwort ist die Konstruktion. Man muss niemanden bestechen, wenn das System selbst so gebaut ist, dass niemand genau hinschaut. Es braucht keine Korruption. Es genügt die Architektur. Sieben Bauteile machen den Elfenbeinturm blickdicht:

1. Der Zahler bestellt nicht

In einem normalen Markt entscheidet, wer bezahlt. Im Gesundheitswesen entscheidet der Arzt, was Sie «brauchen», der Versicherer bezahlt und Sie finanzieren beide über die Prämie. Ökonomen nennen das angebotsinduzierte Nachfrage: Wer die Leistung erbringt, bestimmt zugleich, wie viel davon nötig ist. Dass die Menge pro Patient der mit Abstand grösste Kostentreiber ist, ist in dieser Logik kein Zufall, sondern die Folge.

2. Die Rechnung, die keiner liest

Seit dem 01.01.2022 schreibt das KVG (Art. 42 Abs. 3) vor, dass Ärzte und Spitäler Ihnen unaufgefordert eine Kopie der Rechnung zustellen müssen, wenn sie direkt mit der Kasse abrechnen. Verstösse können mit bis zu 20’000 Franken gebüsst werden. Eine Umfrage der IG eHealth bei Leistungserbringern kam 2023 zum Schluss, die Massnahme dürfte die beabsichtigte Kostendämpfung kaum erreichen. Kein Wunder: Die Rechnungen bestehen aus Tarifziffern, Taxpunkten und Kürzeln, die ein Laie nicht prüfen kann. Die Transparenz existiert auf dem Papier. Verstanden wird sie kaum.

3. Ein Tarif von vorgestern

Der ambulante Arzttarif Tarmed galt von 2004 bis Ende 2025, rund zwei Jahrzehnte praktisch ohne strukturelle Erneuerung, wie das BAG selbst festhält. Tarifpartner, also Ärzte, Spitäler und Versicherer, blockierten sich jahrelang gegenseitig, der Bundesrat musste 2014 und 2018 eingreifen. Beim Eingriff 2018 wurden unter anderem die Kostensätze für teure Geräte wie MRI und CT um 10 Prozent gesenkt, Einsparung laut BAG rund 470 Millionen Franken pro Jahr. Seit dem 01.01.2026 gelten TARDOC und ambulante Pauschalen, befristet bis 2028 und mit einer Kostenbremse. Die Chirurgen der FMCH zogen dagegen bis vor Bundesverwaltungsgericht, das nicht auf die Beschwerde eintrat. Zwanzig Jahre veraltete Tarife sind kein Betriebsunfall. Sie sind für jene bequem, die von den alten Ansätzen profitierten.

4. Geheime Medikamentenpreise, jetzt per Gesetz

Für immer mehr teure Medikamente gilt in der Schweiz ein «vertrauliches Preismodell». Öffentlich sichtbar ist nur der Schaufensterpreis. Wie hoch der Rabatt ist, den der Hersteller tatsächlich gewährt, ist laut BAG nicht öffentlich ersichtlich. Das Parlament hat diese Praxis mit dem Kostendämpfungspaket 2 am 21.03.2025 gesetzlich verankert. Der Bundesrat kann nun vorsehen, dass der Zugang zu Dokumenten über Preismodelle nach dem Öffentlichkeitsgesetz verweigert wird. Sie bezahlen also mit Ihrer Prämie ein Produkt, dessen echten Preis Sie nicht erfahren dürfen. Die Krebsliga kritisierte bereits 2024, solche Preismodelle untergrüben die Transparenz und die Auslandpreisvergleiche.

5. Die Kantone: Besitzer, Planer, Zahler, Schiedsrichter

Die Kantone besitzen viele Spitäler. Sie planen, welche Spitäler auf die Liste kommen. Sie bezahlen mindestens 55 Prozent der stationären Behandlungen. Sie genehmigen Tarife und entscheiden bei Streit. Die Denkfabrik Avenir Suisse hat diese Mehrfachrolle schon 2020 als Grund dafür beschrieben, dass Kantone ihre eigenen Spitäler schützen. Die Schweiz zählte 2023 laut SRF 276 Spitäler an 579 Standorten. Ein Bundesratsbericht vom 28.01.2026 hält fest, dass nur zwei Kantone einen vollständigen Überblick über die Investitionen ihrer Spitäler haben. Wer Eigentümer und Aufseher zugleich ist, kontrolliert sich selbst.

6. Die Kontrolleure kontrollieren zu wenig

Die Krankenkassen prüfen Rechnungen und sparen damit nach Angaben ihres Verbands Curafutura rund 3,5 Milliarden Franken pro Jahr. Das klingt beruhigend und ist in Wahrheit ein Alarmsignal: Wenn jedes Jahr Rechnungen in Milliardenhöhe beanstandet werden, wie viel rutscht durch? Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) urteilte im April 2025 über die bildgebende Diagnostik, die Versicherer kontrollierten ungenügend. Und seit ein Bundesgerichtsurteil vom 12.12.2023 festhielt, dass eine statistische Auffälligkeit allein noch kein Beweis für Überarztung ist, sind Rückforderungen schwieriger geworden.

7. Die Gesetzgeber sitzen in den Verwaltungsräten

Die 38 Mitglieder der beiden Gesundheitskommissionen im National- und Ständerat hielten 2023 laut einer Auswertung von watson zusammen 69 bezahlte Mandate im Gesundheitswesen. Die Datenbank Lobbywatch führt 29 Parlamentarierinnen und Parlamentarier mit Bindung an Krankenkassen. Der damalige Mitte-Präsident Gerhard Pfister sagte 2023 gegenüber watson, er erhalte bei jedem Traktandum etwa 20 Mails, wie er abzustimmen habe, das sei unerträglich geworden. Ein Vorstoss für ein Mandatsverbot scheiterte. Genau in diesen Kommissionen würden die Vorentscheide zu den Gesetzen gefällt, sagte Otto Hostettler von Lobbywatch 2022 gegenüber SRF. Hier könnten die Branchen wirksam Einfluss nehmen.

Bundeshaus Bern: In den Gesundheitskommissionen sitzen zahlreiche Mandatsträger der Branche
Bundeshaus Bern: In den Gesundheitskommissionen sitzen zahlreiche Mandatsträger der Branche. Bild: August Geyler / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Einfach erklärt: Warum niemand die Bremse zieht

Stellen Sie sich ein Fussballspiel vor, in dem der Schiedsrichter gleichzeitig Trainer einer Mannschaft ist, die Linienrichter vom Gegner bezahlt werden und die Zuschauer das Spielfeld nicht sehen, aber den Eintritt bezahlen. Niemand muss betrügen, damit das Spiel schief läuft. Es genügt, dass alle ihren eigenen Vorteil verfolgen und niemand das Ganze überblickt. So entstehen Kosten, für die am Schluss niemand verantwortlich ist, ausser dem, der zahlt.

Der Turm: Die Pharmaindustrie und ihre Rendite

Die Pharmaindustrie ist die wichtigste Exportbranche der Schweiz. Chemie und Pharma exportierten 2025 laut Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit und SRF Güter für 152 Milliarden Franken, 53 Prozent aller Schweizer Ausfuhren. Das ist ein Fakt, auf den das Land zu Recht stolz sein kann. Es ist aber auch der Grund, warum in Bern kaum jemand dieser Branche wehtun will.

Schauen wir in die Bücher. Roche erzielte 1991 einen Umsatz von 11,45 Milliarden Franken und einen Reingewinn von 1,48 Milliarden. 2025 waren es 61,5 Milliarden Umsatz und 13,8 Milliarden Reingewinn. Die Kernbetriebsmarge (Core Operating Margin) lag bei 35,5 Prozent. Ausbezahlt wurden 2025 Dividenden von insgesamt 8,4 Milliarden Franken, die Dividende stieg über Jahrzehnte ununterbrochen, zuletzt auf 9.80 Franken je Aktie.

Roche: Umsatz und Reingewinn seit 1991
Roche: Umsatz und Reingewinn seit 1991. Grafik: Expertistan. Quellen: Roche-Geschäftsberichte u. a.

Novartis erzielte 2025 einen Umsatz von 54,5 Milliarden US-Dollar, einen Reingewinn von 14 Milliarden und eine Kernmarge von 40,1 Prozent. An die Aktionäre flossen 7,8 Milliarden Dollar Dividenden und 8,9 Milliarden Dollar über Aktienrückkäufe. Zusammen 16,7 Milliarden, mehr als der gesamte Reingewinn des Jahres.

Zum Vergleich: Eine Untersuchung des US-Rechnungshofs GAO kam 2017 zum Schluss, dass die 25 grössten Pharmafirmen der Welt zwischen 2006 und 2015 durchschnittliche Gewinnmargen von 15 bis 20 Prozent erzielten, andere Grosskonzerne 4 bis 9 Prozent. Roche lag 2025 bei einer Nettomarge von rund 22 Prozent, Novartis bei rund 26 Prozent (eigene Berechnung aus den Konzernzahlen). Und die Schweizer Spitäler? Ihre Betriebsmarge (EBITDAR) lag 2023 laut PwC im Median bei 3,6 Prozent.

Gewinnmargen im Vergleich
Gewinnmargen im Vergleich. Grafik: Expertistan. Quellen: GAO, Roche, Novartis, PwC

Eine Studie im Fachblatt JAMA (2020) relativiert: Berücksichtigt man Forschungsausgaben und Firmengrösse, schrumpft der Margenvorsprung der Pharma gegenüber anderen Grosskonzernen deutlich. Forschung kostet, viele Wirkstoffe scheitern. Das ist das Hauptargument der Branche und es ist nicht falsch. Aber es ändert nichts daran, dass am Ende des Tages eine der profitabelsten Industrien der Welt ihre Preise mit Behörden aushandelt, deren Ergebnis die Öffentlichkeit nicht einmal einsehen darf.

Einfach erklärt: Warum Roche-Gewinne nicht direkt Ihre Prämie sind

Roche und Novartis verdienen ihr Geld weltweit, den grössten Teil in den USA. Der Schweizer Markt ist für sie klein. Es wäre darum falsch zu behaupten, die Schweizer Prämienzahler finanzierten allein diese Türme. Der Zusammenhang ist ein anderer: Die Pharmabranche ist in Bern so mächtig, dass die Schweiz für Medikamente systematisch mehr bezahlt als vergleichbare Länder. Und: Die Branche hat ein Geschäftsmodell perfektioniert, bei dem der Preis nicht nach den Herstellungskosten, sondern nach der maximalen Zahlungsbereitschaft des Systems festgelegt wird.

Gleiche Pille, doppelter Preis

Die Medikamente machen 2024 laut Bund rund 22 Prozent der Kosten der Grundversicherung aus: 9,2 bis 9,4 Milliarden Franken, je nach Quelle. Sie sind damit gleichauf mit den ambulanten Arztleistungen der grösste Kostenblock. Der jährliche Auslandpreisvergleich von Krankenkassen und Pharmaverband zeigt seit Jahren dasselbe Bild: Generika sind im Ausland rund 45 Prozent günstiger als in der Schweiz. Der Preisüberwacher kam im November 2024 zu einem noch drastischeren Befund: Generika seien in der Schweiz im Schnitt mehr als zweieinhalb Mal so teuer wie in 15 Vergleichsländern. In Grossbritannien kosteten sie nur 16 Prozent des Schweizer Preises.

So viel günstiger sind Medikamente im Ausland
So viel günstiger sind Medikamente im Ausland. Grafik: Expertistan. Quellen: santésuisse/Interpharma, Preisüberwacher

Generika sind keine Innovation. Sie sind Kopien längst abbezahlter Wirkstoffe. Hier gibt es kein Forschungsargument. Hier gibt es nur einen Markt, der abgeschottet ist und einen Regulator, der zu hohe Preise zulässt. Allein bei den Medikamenten sah santésuisse 2024 ein Sparpotenzial von über 1,3 Milliarden Franken pro Jahr.

Und bei den neuen Präparaten steigen die Preise rasant. Laut Helsana-Arzneimittelreport kostete eine Packung neu eingeführter Medikamente der Jahre 2010 bis 2014 durchschnittlich 860 Franken, jene der Jahre 2020 bis 2024 über 1’500 Franken. Die Gentherapie Zolgensma von Novartis steht mit einem Fabrikabgabepreis von 1’748’663.55 Franken auf der Spezialitätenliste, mit vertraulichem Preismodell. Welche Rückerstattung tatsächlich fliesst, weiss die Öffentlichkeit nicht.

Das Sündenregister

Wer von «Selbstbedienung» spricht, muss belegen können. Hier ist, was Gerichte, Behörden und Fachgremien festgestellt haben:

JahrUnternehmenFallFolge
2020NovartisBestechung von Gesundheitspersonal in Griechenland (Lucentis) und Vietnam (Alcon), festgestellt im US-Verfahren nach FCPAVergleich über 345 Mio. USD mit US-Justizministerium und SEC
2020NovartisScheinveranstaltungen («Speaker Programs») 2002 bis 2011, über die laut US-Anklage mehr als 100 Mio. USD an Ärzte flossenVergleich über 678 Mio. USD (US-Staatsanwaltschaft New York)
2014Roche/NovartisDas günstige Krebsmittel Avastin (Roche) wirkt laut Studien auch gegen Makuladegeneration; zugelassen und vergütet wurde das viel teurere LucentisSparpotenzial in der Schweiz laut SRF rund 90 Mio. CHF pro Jahr
2014RocheTamiflu: Cochrane-Review fand keinen Beleg, dass das Mittel Lungenentzündungen oder Spitaleinweisungen verhindert; Staaten hatten weltweit Vorräte angelegtRoche widersprach der Auswertung
1999/2001RocheVitaminkartellBusse in den USA 500 Mio. USD, in der EU 462 Mio. EUR (gemäss Sekundärquellen)

Keiner dieser Fälle betraf die Schweizer Grundversicherung direkt. Aber sie zeigen, zu welchen Mitteln Weltkonzerne greifen, wenn es um Absatz geht. Und sie zeigen, dass es vor allem US-Behörden waren, die solche Praktiken ans Licht brachten. In der Schweiz gelten verschärfte Integritätsregeln für Heilmittel erst seit 2020.

Novartis Campus in Basel
Novartis Campus in Basel. Bild: Alexandre Prevot / Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0

Die Vergütungen

Novartis-Chef Vas Narasimhan erhielt für 2025 eine Vergütung von 24,9 Millionen Franken, berichteten SRF und swissinfo gestützt auf den Vergütungsbericht. Roche-Chef Thomas Schinecker kam auf 10,2 Millionen, Verwaltungsratspräsident Severin Schwan auf 5,7 Millionen. Die Konzernleitung von Roche erhielt zusammen 32,2 Millionen Franken. Ein Bundesrat verdient laut Parlamentsdiensten rund 478’000 Franken im Jahr.

Wer verdient mehr als ein Bundesrat? Grafik: Expertistan
Wer verdient mehr als ein Bundesrat? Grafik: Expertistan. Quellen: Vergütungsberichte, Parlament, BAG, SRF, Medinside

Einschub: Die Selbstbedienung in den Spitälern

Die Pharma sitzt im Turm. Aber auch weiter unten wird kräftig zugegriffen und hier bezahlen die Schweizer Prämien- und Steuerzahler sehr direkt.

Selbstbedienung: Universitätsspital Zürich: Honorare bis 1,5 Millionen

2017 verdienten acht Klinikdirektoren am Universitätsspital Zürich (USZ) laut Medinside je zwischen 1 und 1,5 Millionen Franken. Ein grosser Teil stammte aus Honoraren für die Behandlung von Zusatzversicherten. Der Zürcher Kantonsrat lehnte einen Lohndeckel im Februar 2020 noch mit 104 zu 58 Stimmen ab. Nach den Affären am USZ beschloss er am 14.06.2021 eine Obergrenze von 1 Million Franken für Kaderärzte an kantonalen Spitälern. Seit 2023 gilt am USZ ein Fixlohnsystem.

Selbstbedienung: Die USZ-Affären

Die vom USZ selbst veröffentlichten Untersuchungsberichte (2020/2021) beschreiben zwei Fälle: In der Kieferchirurgie soll ein ehemaliger Klinikdirektor Patienten des Spitals in seine Privatpraxis umgeleitet und dort mit Ressourcen des USZ behandelt haben. In der Herzchirurgie wurde laut Bericht rund drei Jahre lang bei Zusatzversicherten auf der Intensivstation täglich ein «interdisziplinäres Arztgespräch» verrechnet, ohne Dokumentation. Das USZ kündigte an, vollumfänglich zurückzuzahlen und erstattete Strafanzeige.

Selbstbedienung: Spitaldirektoren: Zwei Drittel schweigen

Als das Konsumentenmagazin Saldo 2021 die Löhne der Kantonsspitaldirektoren erfragte, gaben laut Medinside nur neun Häuser Auskunft, zwei Drittel verweigerten sie. Der Direktor des Inselspitals verdiente demnach 669’434 Franken, jener des USZ 650’000 Franken.

Inselspital Bern, Anna-Seiler-Haus
Inselspital Bern, Anna-Seiler-Haus. Bild: Hadi / Wikimedia Commons, CC0

Gleichzeitig sind viele Spitäler finanziell am Anschlag. Das BFS meldete für 2024 einen Gesamtverlust der Spitäler von 347 Millionen Franken, 62 Prozent der öffentlichen Spitäler schrieben rote Zahlen. Wie passt das zusammen? Gerade so: In einem System ohne klare Anreize wird an der Spitze gut verdient, in der Breite fehlt das Geld und die Kantone springen mit Steuergeld ein. Die Spitäler planen laut Bundesrat bis 2029 Investitionen von rund 6 Milliarden Franken, zwei Drittel davon flossen in den letzten Jahren in Immobilien. Mehr Beton, mehr Betten, mehr Geräte. Und Geräte wollen ausgelastet werden.

Eine BFS-Zahl sagt mehr als jede Anklage: Eine Geburt bringt einem Spital bei einer privat versicherten Mutter im Schnitt ein Plus von 845 Franken, bei einer grundversicherten ein Minus von 1’216 Franken. Wo die Rendite liegt, ist damit klar.

Einschub: Die Zusatzversicherung, der Goldesel

Hier liegen die eigentlichen Gewinne der Versicherungsbranche. In der Grundversicherung dürfen die Krankenkassen von Gesetzes wegen keinen Gewinn erzielen (Krankenversicherungsaufsichtsgesetz KVAG, Art. 2 und Art. 5), Überschüsse fliessen in die Reserven. In den Zusatzversicherungen nach Versicherungsvertragsgesetz ist Gewinn erlaubt und er wird gemacht.

Die Finanzmarktaufsicht FINMA veröffentlichte am 17.12.2020 einen Befund, der eigentlich einen Aufschrei hätte auslösen müssen. Abrechnungen in der Spitalzusatzversicherung seien häufig intransparent, teilweise würden Leistungen doppelt verrechnet. Für eine Hüftprothese, die in der Grundversicherung pauschal rund 16’000 Franken kostet, wurden Zusatzversicherten zwischen 1’500 und 25’000 Franken zusätzlich belastet. Auf einer einzigen Rechnung tauchten bis zu 40 Ärzte auf. Für die Hotellerie wurden 350 Franken pro Tag verrechnet, bei Kosten von 200 Franken.

Im Folgebericht vom 16.01.2025 nannte die FINMA ein Beispiel, das man sich merken sollte: Ein Versicherer berechnete als Referenzpreis für die Zusatzleistungen einer halbprivaten Übernachtung 191 Franken. Vereinbart war mit dem Spital ein Preis von 855 Franken. Die FINMA verlangte, dass Preise, die stark von den Referenzwerten abweichen, gesenkt werden. Laut Versicherungsverband SVV waren im März 2025 73 Prozent der Verträge konform.

Und die Versicherer? Die CSS meldete für 2025 einen Rekordgewinn von 260,8 Millionen Franken, davon 144,9 Millionen aus dem Zusatzgeschäft. Helsana verdiente 357 Millionen, Sanitas 125,7, Swica 122,8, Visana 130,6, die Groupe Mutuel 115 Millionen Franken. In diesen Konzernzahlen stecken auch Kapitalerträge und Überschüsse aus der Grundversicherung fliessen gesetzlich in deren Reserven. Aber sie zeigen: Das Geschäft rund um Ihre Gesundheit ist für die Kassenkonzerne alles andere als ein Verlustgeschäft.

Einfach erklärt: Grundversicherung gegen Zusatzversicherung

Die Grundversicherung ist obligatorisch. Jede Kasse muss Sie nehmen und darf daran nichts verdienen. Die Zusatzversicherung (halbprivat, privat, Komplementärmedizin usw.) ist freiwillig. Hier darf die Kasse Gewinn machen und hier darf das Spital deutlich mehr verlangen. Darum sind privat Versicherte für Spitäler und Chefärzte so begehrt. Die FINMA hat festgestellt, dass dabei jahrelang Leistungen verrechnet wurden, die nicht nachvollziehbar oder doppelt waren.

Einschub: Die Ärzte, die Millionen und die Statistik

Die grosse Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz verdient gut, aber nicht masslos. Und doch gibt es eine Spitze, die man kennen muss. Eine Studie im Auftrag des BAG, veröffentlicht am 29.10.2018 auf Basis von AHV-Daten der Jahre 2009 bis 2014, ergab: Selbständige Spezialärzte verdienten im Median 257’000 Franken. In einzelnen Fächern lag der Median über 600’000 Franken, bei Neurochirurgen bei 697’000, bei Gastroenterologen bei 627’000 Franken. Hausärzte: 237’000. Kinder- und Jugendpsychiater: 183’000. 118 Ärztinnen und Ärzte verdienten mehr als 1 Million Franken im Jahr.

Die Ärztevereinigung FMH bestritt die Studie und warf ihr erhebliche Mängel vor. Die Zürcher Ärztegesellschaft sprach von Ärzte-Bashing. Doch die Daten der Krankenkassen zeigen ein ähnliches Bild: 2016 verbuchten laut santésuisse 133 Ärzte einen Umsatz von über 1,5 Millionen Franken allein aus der Grundversicherung, an der Spitze ein Radiologe mit 5,2 Millionen Franken. 2021 kam ein Radiologe auf 4,6 Millionen. Umsatz ist nicht Einkommen: Die FMH rechnet mit Praxiskosten von rund 70 Prozent des Umsatzes, santésuisse mit einem Drittel bis 40 Prozent. Wer recht hat, kann von aussen niemand überprüfen. Auch das gehört zum System.

Einschub: Die MRI-Goldgrube

Ein MRI-Gerät
Ein MRI-Gerät. Die Schweiz hat laut Finanzkontrolle die höchste CT- und MRI-Dichte Europas. Bild: Walter Davies / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Kein Bereich zeigt die Logik der Menge so klar wie die Radiologie. Die Eidgenössische Finanzkontrolle hielt im April 2025 fest: Die bildgebende Diagnostik kostete die Grundversicherung 2023 rund 2,1 Milliarden Franken, etwa ein Sechstel aller ambulanten Leistungen, mit einem Wachstum von über 5 Prozent pro Jahr. Die Schweiz habe die höchste CT- und MRI-Dichte Europas pro Kopf. Die Versicherer kontrollierten ungenügend.

Im Juni 2026 machte ein Datenleck bei einer Westschweizer Radiologiegruppe Einblicke möglich, die sonst nie an die Öffentlichkeit gelangen. Laut SRF zeigen die Unterlagen Grundlöhne für Radiologen von 300’000 bis 360’000 Franken, ein Arzt kam auf 617’000 Franken. Dazu ein Bonus von 18 Prozent auf den Umsatz über dem Zielwert. 90 Prozent des Umsatzes stammen demnach aus der Grundversicherung. Mehrheitsaktionär ist seit 2021 ein französischer Private-Equity-Fonds. Etablierte Radiologiepraxen erreichen laut SRF Margen von bis zu 47 Prozent. Die Gruppe bestreitet, dass es Mengenanreize gebe.

Man muss sich das in Ruhe vorstellen: Ein Finanzinvestor kauft Radiologiepraxen, deren Umsatz zu 90 Prozent aus obligatorischen Prämien stammt und entlöhnt die Ärzte mit Boni auf den Mehrumsatz. Nicht eine einzige Regel wird dabei gebrochen. Genau das ist das Problem.

Die Gegenseite verdient Gehör: Felix Schneuwly vom Vergleichsdienst Comparis gab gegenüber SRF zu bedenken, mit mehr und besserer Diagnostik liessen sich auch überflüssige oder falsche Behandlungen vermeiden. Und der Bundesrat kam im Januar 2026 zum Schluss, es gebe keine Hinweise auf erhebliche Überkapazitäten bei den medizinischen Grossgeräten. Beides mag stimmen. Beides erklärt nicht, warum die Kosten in diesem Bereich schneller wachsen als fast überall sonst.

Einschub: Das Geld der Pharma für die Ärzte

Pharmafirmen zahlen Ärzten und Spitälern Honorare, Kongressreisen, Beratungsmandate und Forschungsgelder. Seit 2020 verbietet das Heilmittelgesetz (Art. 55) Vorteile, die das Verschreibungsverhalten beeinflussen können. Offengelegt wird freiwillig über den Pharma-Kooperations-Kodex. Die Auswertung von Beobachter und Ringier ergab für 2024 einen Rekord: 262 Millionen Franken, verteilt auf rund 3’650 Ärztinnen und Ärzte sowie Institutionen. 109 Millionen davon liefen unter «Forschung und Entwicklung», ohne dass die Empfänger genannt werden. Über zehn Jahre flossen so rund 2 Milliarden Franken.

Auch an den Universitäten ist die Grenze fliessend. SRF berichtete 2016, der Pharmaverband Interpharma finanziere an der Universität Basel einen Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie mit rund 7 Millionen Franken und habe 300’000 Franken in die Pensionskasse des Lehrstuhlinhabers eingezahlt. Ausgerechnet die Disziplin, die das Gesundheitswesen unabhängig analysieren soll.

In jeder Firma undenkbar: Kosten ohne Freigabe

Stellen Sie sich vor, ein Abteilungsleiter bestellt ohne Budget, ohne Offerte und ohne Unterschrift seines Vorgesetzten Material für eine halbe Million Franken. Die Rechnung geht direkt an die Buchhaltung, die bezahlt und am Jahresende erhöht die Firma einfach die Preise für ihre Kunden. In keinem Unternehmen der Schweiz würde das eine Revision überstehen. Überall in der Privatwirtschaft gilt: Wer Mehrkosten verursacht, muss sie vorher begründen, beantragen und absegnen lassen. Budget, Offerte, Kostenvoranschlag, Visum, Vier-Augen-Prinzip.

Selbst im Privatleben ist das so. Wer den Maler kommen lässt, verlangt einen Kostenvoranschlag. Wird ein ungefährer Kostenansatz unverhältnismässig überschritten, gibt das Obligationenrecht dem Besteller das Recht, vom Vertrag zurückzutreten oder den Preis herabsetzen zu lassen (Art. 375 OR). Wer bestellt, entscheidet. Wer zahlt, kontrolliert.

Im Gesundheitswesen ist es umgekehrt. Die Leistung wird zuerst erbracht, dann verrechnet, dann bezahlt. Kontrolliert wird, wenn überhaupt, danach. Auf dem Papier ist das Gesetz streng: Leistungen müssen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein (Art. 32 KVG). Ärzte und Spitäler müssen sich auf das Mass beschränken, das für den Behandlungszweck erforderlich ist, sonst kann die Vergütung verweigert oder zurückgefordert werden (Art. 56 KVG). Eine vorgängige Freigabe durch die Kasse, eine sogenannte Kostengutsprache, braucht es aber nur in Ausnahmefällen, etwa für Medikamente, die im Einzelfall ausserhalb ihrer regulären Zulassung oder Vergütung bezahlt werden sollen (Art. 71a bis 71d KVV). Für die grosse Masse der Konsultationen, Untersuchungen, Bilder und Eingriffe gilt: Wer die Leistung erbringt, gibt sie sich selbst frei.

Und wenn die Kassen nachträglich Auffälligkeiten entdecken, wird es schwierig. Das Bundesgericht hielt am 12.12.2023 fest, dass eine statistische Auffälligkeit allein nicht beweist, dass ein Arzt unwirtschaftlich gearbeitet hat. Es braucht zusätzlich eine Prüfung im Einzelfall. Die Beweislast liegt beim Zahler.

Ist das Korruption? Im Sinne des Strafgesetzbuchs nicht. Es wird niemand bestochen. Aber das Ergebnis gleicht dem, was man aus korrupten Systemen kennt: Kosten entstehen, ohne dass der Zahler zustimmt, ohne dass er sie sieht und ohne dass jemand dafür geradestehen muss. In einer Privatfirma würde man von einem Kontrollversagen sprechen. Im Gesundheitswesen ist es der gesetzlich vorgesehene Normalfall.

Einfach erklärt: Die Garage ohne Kostenvoranschlag

Sie bringen Ihr Auto in die Garage, weil ein Lämpchen leuchtet. Der Mechaniker entscheidet allein, was er repariert, er muss Sie nicht fragen und er schickt die Rechnung direkt an Ihre Versicherung. Sie sehen nur, dass Ihre Versicherungsprämie im nächsten Jahr steigt. Würden Sie dieser Garage vertrauen? Genau so funktioniert heute der grösste Teil der Grundversicherung. Der Unterschied: Beim Auto können Sie die Garage wechseln oder auf die Reparatur verzichten. Bei Ihrer Gesundheit können Sie das oft nicht.

FragePrivatwirtschaftGrundversicherung
Wer bestellt?Wer bezahltDer Anbieter, der daran verdient
Freigabe vorab?Budget, Offerte, VisumNur in Ausnahmefällen (Kostengutsprache)
Kosten überschritten?Rücktritt oder Preisminderung möglich (Art. 375 OR)Kontrolle danach, Beweislast beim Zahler
Wer trägt die Mehrkosten?Wer sie verursacht hatDie Prämienzahler
Einsicht des ZahlersVollständigRechnungskopie, kaum verständlich

Wer sind die Mehrkosten-Verursacher?

Es geht um unser Geld. Also müssen wir wissen, wer die Mehrkosten verursacht, wie viele es sind und wie sie entstehen. Die ehrliche Antwort zuerst: Eine öffentliche Liste gibt es nicht. Die Daten existieren, denn die Krankenkassen erfassen jede einzelne Rechnung. Veröffentlicht werden sie nicht. Was sich aus den verfügbaren Zahlen rekonstruieren lässt:

Wer entscheidet über die Menge? Die Anbieter. In der Schweiz arbeiteten 2024 laut Ärztestatistik der FMH 42’602 Ärztinnen und Ärzte. Dazu kommen 276 Spitäler an 579 Standorten, Labors, Apotheken, Physiotherapie, Pflege und die Hersteller von Medikamenten und Medizinprodukten. Sie alle bestimmen mit, wie viel an einem Patienten gemacht wird. Die grosse Mehrheit arbeitet korrekt. Aber das System gibt allen denselben Anreiz: Mehr Leistung bringt mehr Umsatz.

Wo entstehen die Mehrkosten? Die Studie von ZHAW und INFRAS im Auftrag des BAG verortet das Effizienzpotenzial von 7,1 bis 8,4 Milliarden Franken so: rund 2,1 bis 2,2 Milliarden in den Akutspitälern, rund 1,5 bis 1,6 Milliarden bei den ambulanten Arztleistungen, 0,9 bis 1,4 Milliarden bei den Medikamenten, rund 1 Milliarde in den Spitalambulatorien.

Wie viel wird falsch verrechnet? Laut dem Kassenverband santésuisse werden jedes Jahr rund drei Milliarden Franken an Rechnungen korrigiert und nicht ausbezahlt, berichtete der Beobachter im Februar 2025. Was trotz Kontrollen durchrutscht, schätzen Fachleute laut derselben Recherche auf einen hohen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr. Ein Beispiel aus der Recherche: Einem Jugendlichen am Kantonsspital Graubünden wurden für ein einziges Paar Krücken 75 Paar verrechnet, rund 1’720 Franken.

Wie viele fallen auf? Auch das ist nur bruchstückhaft bekannt. 2016 verbuchten laut santésuisse 133 Ärzte mehr als 1,5 Millionen Franken Umsatz allein aus der Grundversicherung. 2021 waren es laut SRF rund 50 Spezialisten mit mehr als 1 Million Franken. Ob diese Umsätze gerechtfertigt sind, kann von aussen niemand beurteilen. Genau das ist der Skandal.

Und die Patienten? Auch das gehört zur Wahrheit: Ein kleiner Teil der Versicherten, schwer und chronisch Kranke, verursacht einen grossen Teil der Kosten. Laut Helsana-Arzneimittelreport 2025 entfällt der Grossteil der Medikamentenkosten auf 1 bis 5 Prozent der Versicherten, vor allem in der Krebsbehandlung und bei seltenen Krankheiten. Diese Menschen sind keine Mehrkosten-Verursacher. Sie sind der Grund, warum es eine Krankenversicherung gibt. Die Mehrkosten entstehen dort, wo an ihnen und an allen anderen mehr gemacht und teurer verrechnet wird, als nötig wäre.

Die Krankenkassen in die Pflicht nehmen

Die Krankenkassen sind die einzigen, die den Überblick haben. Sie sehen jede Rechnung, jede Tarifziffer, jeden Leistungserbringer. Sie verwalten jedes Jahr Milliarden an Prämiengeldern, die Ihnen gehören. Also sollen sie Ihnen Rechenschaft ablegen. Expertistan fordert:

  • Ein jährlicher Mehrkosten-Bericht jeder Kasse. Wo sind die Kosten gestiegen, bei welchen Fachgruppen, in welchen Regionen, um wie viel und warum? Wie viele Rechnungen wurden beanstandet, wie viel wurde zurückgefordert, wie viel tatsächlich zurückbezahlt?
  • Eine verständliche Kostenübersicht für jede versicherte Person. Nicht Tarifziffern, sondern Klartext: was gemacht wurde, von wem, zu welchem Preis.
  • Vorabfreigabe für teure und mengenanfällige Leistungen. Wie in jeder Firma: Wer ein teures Bild, einen wiederholten Eingriff oder eine Serie von Behandlungen verrechnen will, begründet das vorher. Die Ärzteschaft warnt, das schaffe Bürokratie. Das Argument ist ernst zu nehmen. Aber jede Firma lebt mit Freigaben, ohne unterzugehen.
  • Das Verursacherprinzip durchsetzen. Wer nachweislich unwirtschaftlich arbeitet oder falsch verrechnet, zahlt zurück und zwar mit Zins und Busse. Das Gesetz sieht die Rückforderung bereits vor (Art. 56 KVG). Die Hürden für den Nachweis sind nach dem Urteil des Bundesgerichts aber hoch. Hier muss der Gesetzgeber nachbessern.
  • Umsatzboni verbieten. Löhne und Boni, die an Menge oder Umsatz aus der Grundversicherung gekoppelt sind, gehören verboten. Überall. Das Universitätsspital Zürich zahlt seinen Kaderärzten seit 2023 Fixlöhne statt Honorarbeteiligungen. Es geht also. Private Praxisketten sind davon nicht erfasst.

Einfach erklärt: Die fünf Fragen an Ihre Krankenkasse

Schreiben Sie Ihrer Kasse und fragen Sie:

  1. Wie viel wurde für mich im letzten Jahr ausgegeben und wofür?
  2. Wie viele Rechnungen hat die Kasse im letzten Jahr insgesamt beanstandet und wie viel Geld wurde dadurch gespart?
  3. Wie viel wurde von Ärzten und Spitälern wegen Unwirtschaftlichkeit zurückgefordert und wie viel tatsächlich zurückbezahlt?
  4. In welchen Bereichen sind die Kosten, die meine Prämie bestimmen, am stärksten gestiegen?
  5. Was unternimmt die Kasse konkret, um diese Mehrkosten zu verhindern?

Veröffentlichen Sie die Antworten. Expertistan sammelt sie gerne.

Können wir die Mehrkosten verbieten?

Teilweise ja. Und einige Werkzeuge liegen bereits auf dem Tisch. Sie werden nur zu zaghaft eingesetzt.

Den Zugang begrenzen. Seit der KVG-Revision vom 19.06.2020 (Art. 55a KVG) können die Kantone festlegen, wie viele Ärztinnen und Ärzte in einem Fachgebiet und einer Region zulasten der Grundversicherung abrechnen dürfen. Seit dem 01.07.2025 gilt dafür eine verbindliche Methode des Bundes. Wer die Höchstzahl überschreiten würde, erhält keine Zulassung zur Grundversicherung. Das ist ein echtes Verbot, Mehrkosten zu generieren. Ob die Kantone es konsequent anwenden, muss sich erst zeigen.

Die Kosten auf die Tarife zurückwälzen. Beim neuen ambulanten Tarif TARDOC ist eine Kostenbremse eingebaut: Die Gesamtkosten dürfen in der Einführungsphase grundsätzlich um höchstens 2,5 Prozent pro Jahr steigen, mit begründeten Ausnahmen bis höchstens 4 Prozent. Wird diese Grenze überschritten, müssen die Tarifpartner laut Bundesrat Korrekturmassnahmen ergreifen. Das ist der Grundgedanke des Verursacherprinzips: Wer die Menge treibt, bekommt pro Leistung weniger.

Verbindliche Kostenziele. Die Kostenbremse-Initiative der Mitte scheiterte am 09.06.2024 mit fast 63 Prozent Nein. Seit dem 01.01.2026 gilt stattdessen der indirekte Gegenvorschlag: Der Bundesrat legt bis Ende 2026 erstmals Kosten- und Qualitätsziele für die Jahre 2028 bis 2031 fest, aufgeteilt nach Spital, ambulanter Behandlung, Medikamenten und Pflege. Eine Expertenkommission überwacht die Entwicklung und gibt Empfehlungen ab. Verbindliche Sanktionen bei Überschreitung sieht der Bund in seiner Mitteilung nicht vor. Die NZZ warnte, das Instrument drohe zum Papiertiger zu werden. Genau hier muss der Druck ansetzen: Ein Kostenziel ohne Konsequenz ist keine Bremse, sondern eine Absichtserklärung.

Die Mehrkosten direkt den Verursachern belasten. Die Forderung klingt radikal und ist es auch: Wer das vereinbarte Kostenziel in seinem Bereich überschreitet, trägt die Differenz selbst, über tiefere Tarife, Rückzahlungen oder reduzierte Budgets. In der Privatwirtschaft heisst das Budgetverantwortung. Im Gesundheitswesen gäbe es damit erstmals jemanden, der für Mehrkosten geradestehen muss, ausser den Prämienzahlern. Die Gegenseite warnt vor Rationierung und Wartelisten. Diese Gefahr ist real und muss mit Qualitätszielen abgesichert werden. Aber die heutige Lösung, bei der am Ende immer nur die Versicherten bezahlen, ist keine Alternative.

Die Arena: Was die Gegenseite sagt

Expertistan hört beide Seiten. Und die Argumente der Branche sind ernst zu nehmen:

Die Pharmaindustrie verweist darauf, dass sie über die Hälfte der Schweizer Exporte stellt, Zehntausende Arbeitsplätze schafft und laut einer von Interpharma in Auftrag gegebenen Studie direkt 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung erbringt. Die hohen Margen finanzierten riskante Forschung, von der die ganze Welt profitiere. Bei patentgeschützten Medikamenten liege die Schweiz preislich nahe am Ausland.

Die Ärzteschaft betont, dass die meisten Ärzte keine Spitzeneinkommen erzielen, dass Praxen hohe Fixkosten tragen und die Umsatzzahlen der Kassen kein Einkommen zeigen. Die FMH hält die Kritik an Einzelfällen für unfair gegenüber einem ganzen Berufsstand.

Die Spitäler verweisen auf ihre Defizite: 62 Prozent der öffentlichen Häuser schrieben 2024 Verluste, die Tarife deckten die Kosten nicht. Von Selbstbedienung könne keine Rede sein.

Die Krankenkassen weisen darauf hin, dass ihre Verwaltungskosten in der Grundversicherung 2025 nur 4,3 Prozent der Prämien betrugen, dass sie dort keinen Gewinn machen dürfen und dass ihre Rechnungskontrolle jedes Jahr Milliarden spart.

Der Bund betont, dass Alterung und medizinischer Fortschritt reale Kostentreiber sind und dass mit TARDOC, EFAS (angenommen am 24.11.2024, Umsetzung ab 2028) und den Kostendämpfungspaketen Reformen laufen.

Das alles ist wahr. Aber keine dieser Antworten erklärt, warum ein System, in dem jeder einzelne Akteur so vernünftig handelt, als Ganzes jedes Jahr teurer wird, ohne dass die Bevölkerung gesünder wird. Die Antwort liegt nicht bei einzelnen Schurken. Sie liegt in der Konstruktion.

Faktencheck: Was stimmt, was nicht

BehauptungBefund
«Die Gesundheitskosten sind nie gestiegen.»Falsch. Sie haben sich seit 2000 mehr als verdoppelt (43,4 auf 97 Mrd. CHF).
«Die Menschen sind nicht kränker geworden.»Weitgehend richtig. Laut ZHAW trug die Krankheitshäufigkeit 2012 bis 2022 praktisch nichts zum Kostenanstieg bei.
«Die Preise sind explodiert.»Falsch für die Leistungen insgesamt (stabil bis sinkend). Richtig für Generika im Auslandvergleich und für neue Medikamente.
«Die Menge ist der Treiber.»Richtig. Mehr Leistungen pro Erkrankten erklären über 80 Prozent des Pro-Kopf-Anstiegs.
«Die Krankenkassen machen mit der Grundversicherung Gewinn.»Falsch. Das ist gesetzlich verboten. Gewinne entstehen in den Zusatzversicherungen und aus Kapitalerträgen.
«Der Zahler hat keine Einsicht.»Teilweise richtig. Es gibt ein Recht auf Rechnungskopie, aber die Rechnungen sind kaum verständlich und Medikamentenpreise sind teilweise gesetzlich geheim.
«Das System ist korrupt.»Nicht belegt im strafrechtlichen Sinn. Belegt sind Fehlanreize, Interessenkonflikte, Intransparenz und einzelne Missbräuche.
«Im Gesundheitswesen muss niemand Kosten begründen.»Teilweise richtig. Das Gesetz verlangt wirtschaftliche Leistungen (Art. 32 und 56 KVG). Eine Freigabe vorab gibt es aber nur in Ausnahmefällen, kontrolliert wird meist nachträglich und die Beweislast liegt bei den Kassen.

Der Aufstand: Was Sie jetzt tun können

In der «Unendlichen Geschichte» wird Phantásien nicht von einem Helden aus Phantásien gerettet. Es wird gerettet von einem Jungen aus der Menschenwelt, Bastian, der aufhört, nur zuzuschauen und eingreift. Das Schweizer Gesundheitswesen wird nicht von innen reformiert werden. Zu viele verdienen zu gut an dem, wie es ist. Es braucht Druck von aussen. Von Ihnen.

  • Verlangen Sie jede Rechnungskopie und lesen Sie sie. Sie haben seit 2022 ein gesetzliches Recht darauf. Fragen Sie nach jeder Position, die Sie nicht verstehen. Melden Sie Unstimmigkeiten Ihrer Krankenkasse.
  • Nehmen Sie Ihre Krankenkasse in die Pflicht. Stellen Sie ihr schriftlich die fünf Fragen aus dem Kasten oben. Es geht um Ihr Geld.
  • Fragen Sie vor jeder Untersuchung: Ist das nötig? Was passiert, wenn wir abwarten? Die Initiative «smarter medicine» listet Behandlungen, auf die man oft verzichten kann.
  • Holen Sie vor grösseren Eingriffen eine Zweitmeinung ein. Viele Kassen bezahlen sie.
  • Prüfen Sie, wer Ihre Ärztin bezahlt. Die Pharmagelder-Datenbank des Beobachters zeigt Zahlungen an Ärzte und Institutionen.
  • Prüfen Sie, wen Ihr Parlamentarier vertritt. Auf lobbywatch.ch sehen Sie jede Interessenbindung. Schreiben Sie Ihren Vertreterinnen und Vertretern im National- und Ständerat. Fragen Sie nach ihren Mandaten.
  • Fordern Sie Transparenz bei den Medikamentenpreisen. Geheime Preise, die mit öffentlichen Prämien bezahlt werden, gehören abgeschafft.
  • Fordern Sie Offenlegung. Löhne und Honorare in Spitälern, die mit Steuergeld und Prämien finanziert sind, gehören veröffentlicht. Alle.
  • Recherchieren Sie mit uns. Sie arbeiten in einem Spital, einer Praxis, einer Kasse oder einem Pharmakonzern und haben Belege für Missstände? Schreiben Sie der Redaktion von Expertistan. Wir schützen unsere Quellen.

Am Dienstag werden die Prämien für 2027 verkündet. Nehmen Sie die Zahl diesmal nicht hin wie das Wetter. Die Prämie ist kein Naturereignis. Sie ist das Ergebnis von Entscheiden, die Menschen getroffen haben und die Menschen ändern können.

Kommentar: Tu, was du willst

Die Inschrift auf AURYN, «Tu, was du willst», wird in Endes Roman oft missverstanden. Sie bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern: Finde heraus, was du wirklich willst und übernimm Verantwortung dafür. Bastian verliert sich beinahe, weil er Wunsch um Wunsch erfüllt, bis er vergessen hat, wer er ist.

Das Schweizer Gesundheitswesen hat diese Inschrift gründlich missverstanden. Jeder Akteur tut, was er will: Der Pharmakonzern maximiert den Preis, der Spezialist die Menge, das Spital die Belegung, der Kanton den Standort, die Kasse die Zusatzversicherung, der Parlamentarier sein Mandat. Niemand ist verantwortlich für das Ganze. Und so frisst sich das Nichts weiter, Jahr für Jahr, in die Budgets der Familien, der Rentnerinnen, der Selbständigen.

Ihre Gesundheit ist nicht teurer geworden. Das System, das an ihr verdient, ist gewachsen. Höchste Zeit, dass jemand aus der Menschenwelt eingreift.

Die Redaktion Expertistan, 27.09.2026

Quellen

Bildnachweise

  • Roche-Türme: Tilman2007, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)
  • Bundeshaus Bern: August Geyler, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
  • Novartis Campus: Alexandre Prevot from Nancy, France, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)
  • Inselspital Bern: Hadi, Wikimedia Commons, CC0
  • MRI-Gerät: Walter Davies, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
  • Grafiken und Illustration «Der Elfenbeinturm»: Expertistan, eigene Darstellung

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