Kalorien aus eigenem Boden: Die Ernährungsinitiative will die Landwirtschaft umpflügen – und steht allein gegen alle

Eine einzelne Frau aus dem Bernbiet gegen den Bauernverband, den Bundesrat, das gesamte Parlament und sämtliche Parteien: Die Ausgangslage der Ernährungsinitiative, über die am 27. September abgestimmt wird, klingt nach einer verlorenen Sache. Und doch zeigte die erste SRG-Umfrage ein Patt, und doch treibt die Vorlage den Abstimmungskampf vor sich her – weil sie zwei der emotionalsten Themen des Landes verknüpft: die Angst vor leeren Regalen in der Krise und die Frage, ob der Staat den Schweizerinnen und Schweizern ins Essen reden darf. Die Gegner plakatieren den «Veganzwang», die Initiantin kontert mit der Anbauschlacht. Dazwischen liegt eine Landwirtschaftspolitik, die sich der Auseinandersetzung so oder so nicht mehr entziehen kann.
Was die Initiative verlangt
Die Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung – durch Stärkung einer nachhaltigen inländischen Produktion, mehr pflanzliche Lebensmittel und sauberes Trinkwasser (Ernährungsinitiative)» wurde im August 2024 mit 112’736 gültigen Unterschriften eingereicht. Ihr Kern ist eine Zahl: Der Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz – der Anteil der konsumierten Kalorien, der im Inland und ohne importierte Futtermittel produziert wird – soll auf mindestens 70 Prozent steigen. Heute liegt er je nach Jahr und Berechnung bei rund 42 bis 46 Prozent; gut die Hälfte der Lebensmittel wird importiert. Der Bundesrat rechnet mit einer Umsetzungsfrist von zehn Jahren, das Initiativkomitee legte gegen die Darstellung im Abstimmungsbüchlein gar Beschwerde ein, weil dort aus seiner Sicht irreführend informiert werde.
Erreichen will die Initiative das Ziel über einen Umbau der Produktion: Auf den Ackerflächen sollen vermehrt pflanzliche Lebensmittel für den direkten menschlichen Verzehr wachsen statt Futtermittel für Tiere. Heute wird nach Angaben des Komitees über 60 Prozent des Schweizer Ackerlands für Futterbau genutzt – eine Grössenordnung, die auch die Gegner nicht bestreiten. Mit Hülsenfrüchten, Getreide und Gemüse liesse sich auf derselben Fläche laut den Initianten mehr als das Zehnfache an Kalorien für die Bevölkerung produzieren; Fleisch und Milch würden weiterhin über Wiesen und Weiden erzeugt. Flankierend verlangt der Text, dass die Belastung von Trinkwasser und Böden durch Stickstoff und Phosphor sinkt und fruchtbare Böden sowie die Biodiversität gefördert werden.


Die Frau hinter der Initiative
Hinter dem Volksbegehren steht Franziska Herren mit ihrem Verein «Sauberes Wasser für alle» und sechs Mitstreitern – ein Name, der in der Agrarpolitik Erinnerungen weckt. Herren lancierte bereits die Trinkwasserinitiative, die Direktzahlungen an strenge ökologische Auflagen knüpfen wollte und 2021 mit 60,7 Prozent Nein an der Urne scheiterte. Schon damals galt sie dem Bauernverband als Schrecken der Branche; heute kämpft sie noch einsamer. «Die Landwirtschaft muss in Krisen und Mangellagen die Versorgung der Bevölkerung aus eigenem Boden gewährleisten können», begründet Herren ihren zweiten Anlauf – die Schweiz sei auf Kriege, Handelskonflikte und Wetterextreme, die Lieferketten unterbrechen könnten, nicht vorbereitet.
Die Argumente der Befürworter: Ernährungssicherheit als Staatsauftrag
Das Ja-Lager argumentiert mit der Verletzlichkeit des Landes. Mit einem Selbstversorgungsgrad von deutlich unter 50 Prozent könne die Schweiz die Ernährung ihrer Bevölkerung bei unterbrochenen Lieferketten nicht garantieren – und die Weltlage mache solche Unterbrüche wahrscheinlicher, nicht unwahrscheinlicher. Die heutige Landwirtschaft sei schlicht nicht darauf ausgerichtet, die Bevölkerung selbst zu ernähren, weil der beste Ackerboden mehrheitlich Tierfutter trage. Die von Importfutter abhängige Nutztierhaltung führe zudem zur Überdüngung der Böden – ausgerechnet der Grundlage jeder künftigen Lebensmittelproduktion. Bemerkenswert ist dabei, worauf die Initiantin Wert legt: Dem Konsum mache die Initiative keine Vorschriften. Der Selbstversorgungsgrad messe Kalorien, nicht Menüs; die Schweiz könne mehr Pflanzen anbauen, dafür einen grösseren Teil des Fleisches importieren – niemand müsse weniger Fleisch essen. Herren rechnet vor, dass sich das 70-Prozent-Ziel mit einer effizienteren Bodennutzung und einem reduzierten Tierbestand erreichen liesse.
Die Argumente der Gegner: «Veganzwang» und Kriegsküche
Die Gegnerschaft, angeführt vom Schweizer Bauernverband, hält das Ziel für unerreichbar – und den Weg dorthin für gefährlich. Ihre Kampagne läuft unter dem Slogan «Mein Essen, meine Wahl», garniert mit Cervelat, Spiegelei und Fonduegabel und dem Nachsatz: Nein zum Veganzwang. Die Logik dahinter: Einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent erreichte die Schweiz letztmals während der Anbauschlacht des Zweiten Weltkriegs; heute liesse er sich nur erzwingen, wenn der Staat den Konsum tierischer Lebensmittel drastisch einschränkte – die Bevölkerung müsste sich mit einer Ernährung wie zu Kriegszeiten begnügen. Da die Initiative verlange, dass sich die Ernährung «hauptsächlich» auf einheimische Lebensmittel stütze, sei der Eingriff in die Wahlfreiheit angelegt, warnte etwa der Waadtländer SVP-Nationalrat Jacques Nicolet: Das Ziel erscheine auf den ersten Blick interessant, der Weg dorthin sei völlig unverantwortlich.
Dazu kommen die ökonomischen Einwände: Zusätzliche Vorgaben würden die Erträge senken statt steigern, Lebensmittel verteuern, den Einkaufstourismus anheizen und Arbeitsplätze in der Land- und Ernährungswirtschaft gefährden; die Berglandwirtschaft, die von der Tierhaltung lebt, träfe der Umbau besonders hart. Landwirtschaftsminister Guy Parmelin fasste die Haltung des Bundesrats in der SRF-«Arena» zusammen: Die Ziele seien gut, aber unerreichbar – die Initiative wolle «zu schnell zu viel». Der Bundesrat verweist darauf, dass er die Stossrichtung – mehr Ernährungssicherheit, kleinerer ökologischer Fussabdruck – längst selbst verfolge, nur eben mit realistischeren und weniger dirigistischen Mitteln. SP-Ständerätin Franziska Roth wiederum warf den Initianten vor, mit den Ängsten der Bevölkerung zu spielen.
Der Faktencheck zum Kernstreit: Zwingt die Initiative zum Verzicht?
Der Abstimmungskampf verdichtet sich auf eine einzige Streitfrage: Bedeutet ein Ja weniger Fleisch auf dem Teller? Formal gibt die Initiantin die zutreffende Antwort – der Initiativtext regelt die Produktion, nicht den Konsum, und der Selbstversorgungsgrad unterscheidet nicht zwischen Fleisch- und Pflanzenkalorien. Der Bundesrat hält dagegen, dass sich die 70 Prozent faktisch kaum erreichen liessen, ohne dass der Konsum tierischer Produkte deutlich zurückgeht und pflanzliche Lebensmittel einen wesentlich grösseren Anteil der Ernährung ausmachen. Beide Lesarten haben einen wahren Kern: Rechtlich zwingt die Initiative niemanden zu nichts – ökonomisch würde ein derart tiefgreifender Umbau von Produktion, Direktzahlungen und Grenzschutz die Preise und damit das Konsumverhalten kaum unberührt lassen. Heute isst die Schweizer Bevölkerung im Schnitt rund ein Kilogramm Fleisch pro Woche; wie stark sich dieser Wert unter der Initiative verändern müsste, ist eine Modellfrage, auf die es keine gesicherte Antwort gibt. Genau diese Unschärfe bewirtschaften beide Seiten.
Allein gegen alle: Die seltene Konstellation der Parolen
Politisch ist die Vorlage ein Kuriosum: Im National- und Ständerat erhielt sie keine einzige Stimme, und keine der grossen Parteien empfiehlt ein Ja – SVP, FDP, Mitte, GLP und SP sagen geschlossen Nein, die Delegierten der Grünen rangen sich immerhin zu Stimmfreigabe durch. Selbst die grossen Umweltverbände, die beim Unterschriftensammeln noch mitgeholfen hatten, sind abgesprungen: Greenpeace und Vier Pfoten distanzierten sich, Pro Natura fasste als einzige grosse Umweltorganisation sogar die Nein-Parole und begründete dies unter anderem mit den geringen Chancen der Vorlage. Dass eine Initiative trotz null Unterstützung im Parlament in der ersten SRG-Umfrage ein Patt erreichte, gehört zu den bemerkenswertesten Befunden dieses Abstimmungsherbsts – und erinnert daran, dass die Trinkwasserinitiative 2021 trotz breiter Ablehnung fast 40 Prozent holte und die Pestizidpolitik des Parlaments nachweislich beeinflusste.
Was die Umfragen sagen: Der Vorsprung der Gegner wächst
Die Momentaufnahmen widersprechen sich in der Höhe, nicht in der Richtung. Eine frühe Tamedia-Erhebung im Juni mass noch 57 Prozent Zustimmung – ein Schock für die Gegner, der die Kampagne des Bauernverbands befeuerte. Die erste SRG-Trendumfrage von gfs.bern (Befragung 3. bis 16. August) zeigte dann ein Patt: 49 Prozent Nein, 47 Prozent Ja, mit klaren Trennlinien zwischen politischen Lagern, Geschlechtern und Sprachregionen; bei den Auslandschweizern lag das Ja mit 58 Prozent vorn. Die Leewas-Umfrage von Tamedia und «20 Minuten» vom 19. August sah die Vorlage dagegen mit 65 zu 31 Prozent klar unterlegen, YouGov mass 52 zu 37. Wichtig für die Schlussphase: Erst 60 Prozent der Stimmberechtigten gaben Mitte August eine feste Meinung an – deutlich weniger als bei der Neutralitätsinitiative. Hier kann sich also noch etwas bewegen, wobei Initiativen im Abstimmungskampf erfahrungsgemäss eher Zustimmung verlieren als gewinnen. Die zweite SRG-Umfrage folgt am 16. September.

Chancen und Risiken: Zwischen Versorgungslogik und Planwirtschaftsverdacht
Ein Ja würde der Schweiz das ambitionierteste agrarpolitische Umbauprogramm seit Jahrzehnten verordnen. Die Chance: eine krisenfestere Versorgung, weniger Abhängigkeit von Importen und Importfutter, sauberere Gewässer und ein Ende des Zielkonflikts, dass der Bund Ernährungssicherheit predigt, während der beste Boden Futtermais trägt. Das Risiko: Verfassungsziele, die sich in zehn Jahren womöglich schlicht nicht erreichen lassen – mit der Folge jahrelanger Umsetzungskämpfe, höherer Preise, zusätzlicher Bürokratie und einer Bauernschaft, die den Wandel als Enteignung ihrer Betriebsmodelle erlebte. Ein Nein wiederum konserviert den Status quo einer Landwirtschaft, die stark subventioniert und zugleich stark futtermittelabhängig ist – und vertagt Fragen, die mit jeder Krise, jeder Dürre und jedem Handelskonflikt zurückkehren werden. Die Erfahrung der Trinkwasserinitiative zeigt: Auch eine abgelehnte Herren-Initiative kann Politik machen. Je höher ihr Ja-Anteil, desto grösser der Druck auf die nächste Agrarreform.
Einordnung: Eine ehrliche Frage, ein unehrlicher Abstimmungskampf
Man kann der Ernährungsinitiative vieles vorwerfen – Masslosigkeit im Ziel, Naivität im Zeitplan –, aber nicht, dass sie die falsche Frage stellt. Wie sich ein Land mit neun Millionen Menschen und schrumpfendem Kulturland in einer unsicheren Welt ernährt, ist eine Kernfrage staatlicher Vorsorge. Der Abstimmungskampf allerdings wird ihr kaum gerecht: Die eine Seite malt den staatlich verordneten Veganismus an die Wand, den der Initiativtext so nicht hergibt; die andere tut so, als liesse sich fast eine Verdoppelung der Eigenversorgung ohne spürbare Folgen für Teller und Portemonnaie erreichen. Wer am 27. September abstimmt, entscheidet deshalb weniger über Speisepläne als über eine Grundsatzfrage: ob Ernährungssicherheit ein verbindlicher Verfassungsauftrag mit Zahl und Frist sein soll – oder ein politisches Ziel, dessen Tempo das Parlament bestimmt. Die Antwort der Umfragen ist deutlich, das letzte Wort haben sie nicht.
Quellen und Stand der Recherche
Dieser Beitrag stützt sich auf die Abstimmungserläuterungen des Bundesrats (ch.ch/admin.ch), den Initiativtext und die Angaben des Initiativkomitees, die Kampagnenunterlagen des Nein-Komitees und des Schweizer Bauernverbands, die 1. SRG-Trendumfrage von gfs.bern vom 21. August 2026, die Leewas-Umfrage im Auftrag von Tamedia/«20 Minuten» vom 19. August 2026, das YouGov-Stimmungsbarometer vom August 2026 sowie Berichterstattung von SRF, NZZ, «20 Minuten», Swissinfo, WOZ und Infosperber (Stand der Recherche: 12. September 2026). Der heutige Selbstversorgungsgrad wird je nach Quelle und Referenzjahr mit rund 42 bis 46 Prozent angegeben; im Artikel wird deshalb eine Spanne verwendet. Die zweite Welle der SRG-Umfrage erscheint am 16. September 2026 und wird nachgetragen.



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