Denkzettel oder Durchmarsch: Was bei den Midterms 2026 auf dem Spiel steht
Am 03.11.2026 wählen die USA das Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu. Die Demokraten liegen in den Umfragen vorne, doch neue Wahlkreise und knappe Rennen halten die Wahl offen.

Donald Trump steht am 03.11.2026 auf keinem Wahlzettel. Trotzdem geht es bei dieser Wahl um ihn: um die Frage, wie viel Macht ihm für die zweite Hälfte seiner Amtszeit bleibt. Die Amerikaner bestimmen alle 435 Mitglieder des Repräsentantenhauses und 35 der 100 Senatoren neu, dazu die Gouverneure in 36 Staaten und drei Territorien. Heute halten die Republikaner beide Kammern, im Haus mit 219 zu 214 Sitzen (einschliesslich eines Parteilosen, der mit ihnen eine Fraktion bildet), im Senat mit 53 zu 47. Verlieren sie auch nur eine davon, regiert Trump in seinen letzten zwei Amtsjahren mit einem Kongress, der ihm widersprechen kann.
Die Midterms 2026 finden in einem Klima statt, das für die Regierung ungünstig ist. In einer Umfrage von Reuters und Ipsos, die am 19.10.2026 abgeschlossen wurde, kam Trump auf 31 Prozent Zustimmung, den tiefsten Wert dieser Umfragereihe in seinen beiden Amtszeiten; eine Woche später waren es 32 Prozent. Benzin kostete am 29.10.2026 im Landesdurchschnitt 4.23 Dollar pro Gallone, 1.19 Dollar mehr als ein Jahr zuvor. Modellrechnungen sehen die Demokraten im Repräsentantenhaus klar vorne, im Senat mit kleinerem Vorsprung. Neue Wahlkreiskarten, enge Rennen in konservativen Staaten und die Unschärfe jeder Umfrage halten den Ausgang aber offen.
| Quelle | Was gemessen wird | Ergebnis |
|---|---|---|
| 270toWin (23.10.2026) | Sitzverteilung vor der Wahl | Haus 219 Sitze für die Republikaner (218 Republikaner und 1 Parteiloser), 214 Demokraten, 2 Sitze vakant; Senat 53 Republikaner, 45 Demokraten und 2 Parteilose |
| Reuters/Ipsos (Abschluss 26.10.2026) | Zustimmung zu Trump | 32 Prozent, eine Woche zuvor 31 Prozent (Tiefstwert dieser Umfragereihe) |
| Silver Bulletin (29.10.2026) | Generic Ballot, Durchschnitt | Demokraten 8,7 Prozentpunkte vorne |
| Silver Bulletin via Newsweek (08.10.2026) | Modellrechnung, Chance auf die Mehrheit | Demokraten: Haus 93,1 Prozent, Senat 74,8 Prozent |
| AAA (29.10.2026) | Benzinpreis, Landesdurchschnitt | 4.23 Dollar pro Gallone, Vorjahr 3.04 Dollar |
| «Washington Examiner» (28.10.2026) | Vorzeitige Stimmabgabe | rund 35,4 Millionen Stimmen, davon 16,8 Millionen brieflich |
| SECO (abgerufen 25.10.2026) | US-Zoll auf Schweizer Waren | 12,5 Prozent inklusive Meistbegünstigungszoll seit 24.07.2026, Pharma höchstens 15 Prozent; Branchenzölle etwa auf Stahl und Aluminium gelten weiter |
Was am 03.11.2026 zur Wahl steht
Die Mitglieder des Repräsentantenhauses werden laut Verfassung alle zwei Jahre gewählt, die Senatoren für sechs Jahre. Weil die Sitze in drei Klassen eingeteilt sind, steht wie bei jeder Wahl nur rund ein Drittel des Senats zur Wahl: 33 regulär auslaufende Sitze und zwei Sonderwahlen in Ohio und Florida. Von diesen 35 Sitzen halten die Republikaner 22, die Demokraten 13. Gewählt wird auch in 88 Parlamentskammern der Bundesstaaten. In 37 Staaten stehen zudem 100 Sachvorlagen auf dem Stimmzettel.
Für die Mehrheit im Repräsentantenhaus braucht eine Partei 218 Sitze. Die Republikaner stellen derzeit 218 Abgeordnete. Dazu kommt Kevin Kiley aus Kalifornien, der im März 2026 aus der Partei ausgetreten ist und weiter mit den Republikanern eine Fraktion bildet. Die Demokraten haben 214 Sitze. Zwei Sitze sind seit Rücktritten im April 2026 vakant, ein republikanischer in Texas und ein demokratischer in Florida. Nach einer älteren Rechnung von Decision Desk HQ, welche die vakanten Sitze der bisherigen Partei zurechnet, brauchen die Demokraten netto drei zusätzliche Sitze. Wie schwer das ist, hängt von den neuen Wahlkreisen ab. Laut dem Cook Political Report sank die Zahl der umkämpften Sitze wegen neuer Karten in zehn Staaten von 87 auf 77. Die Demokraten müssen nach dieser Rechnung vom Juli mindestens 57 davon gewinnen.
Im Senat stehen 53 Republikanern 45 Demokraten und zwei Parteilose gegenüber, Angus King und Bernie Sanders, die der demokratischen Fraktion angehören. Die Demokraten müssen netto vier Sitze gewinnen, um auf 51 Sitze zu kommen. Bei einem Patt von 50 zu 50 entscheidet Vizepräsident JD Vance, ein Republikaner.

Ein Präsident in der Defensive: die Midterms 2026 in Zahlen
Trumps Zustimmungswerte sind seit dem Amtsantritt deutlich gesunken. Im Januar 2025 kam er in der Umfragereihe von Reuters und Ipsos auf 47 Prozent Zustimmung und 41 Prozent Ablehnung, Ende Oktober 2026 noch auf 32 Prozent. Im Durchschnitt des Silver Bulletin, des Dienstes des Statistikers Nate Silver, fiel seine Zustimmung kürzlich auf 36,3 Prozent, den tiefsten Wert dieser Messreihe; am 28.10.2026 lag sie bei 37,4 Prozent, die Ablehnung bei rund 60 Prozent. Andere Messungen zeigen ein ähnliches Bild: In einer am 27.10.2026 veröffentlichten Umfrage von Marist waren es bei registrierten Wählern 38 zu 61 Prozent.
Was die Wähler umtreibt, zeigt eine Umfrage von AP-NORC, die am 15.10.2026 veröffentlicht wurde. 85 Prozent nennen die Wirtschaft als eines der wichtigsten Themen für ihre Stimmabgabe, 69 Prozent das Gesundheitswesen, 64 Prozent den Krieg gegen Iran und 45 Prozent Einwanderung und Kriminalität. Rund acht von zehn registrierten Wählern missbilligen Trumps Umgang mit den Lebenshaltungskosten. In der Reuters/Ipsos-Umfrage vom 19.10.2026 missbilligten 68 Prozent seinen Umgang mit der Wirtschaft, bei den Republikanern waren es 37 Prozent.
Im Zentrum stehen die Preise. Die Teuerung stieg im September auf 3,7 Prozent, nach 3,4 Prozent im August. Benzin war laut der Statistikbehörde BLS 34,2 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Laut dem Preisdienst GasBuddy lag der landesweite Durchschnitt 2026 bis Mitte Oktober an 158 Tagen über 4 Dollar pro Gallone, öfter als in jedem Jahr zuvor.
Die Preise stiegen nach dem Beginn des Kriegs gegen Iran, den die USA und Israel am 28.02.2026 mit Angriffen eröffneten. «Der ziellose Krieg in Iran stört weiterhin die globalen Lieferketten und treibt die Preise für Lebensmittel und Treibstoff in die Höhe», sagt Kyle Moore, Chefökonom der Denkfabrik The Century Foundation.

Trump selbst dämpft die Erwartungen. Auf die politischen Folgen der hohen Benzinpreise angesprochen, sagte er am 09.09.2026 über sinkende Preise: «Ich glaube, es wird ein bisschen länger dauern als bis zu den Zwischenwahlen.» Acht Tage später nannte er die höheren Treibstoffpreise «einen sehr geringen Preis für das, was wir getan haben». Energieminister Chris Wright hielt am 18.10.2026 dagegen, die Preise seien «in den letzten Wochen gesunken», wie auch die Dieselpreise, «und sie werden weiter sinken». Laut AAA fiel der Benzinpreis vom 08.10.2026 bis zum 29.10.2026 von 4.36 auf 4.23 Dollar, am 30.10.2026 lag er bei 4.20 Dollar; weitere Senkungen bremse der Rohölpreis von über 100 Dollar pro Fass. Mark Shanahan von der britischen University of Surrey bringt die Lage auf eine Formel: «Die Demokraten können Donald J. Trump für ihre glänzende Lage in den Umfragen danken.»
Der Vorsprung im Generic Ballot
Ein gängiges Mass für die landesweite Stimmung ist das sogenannte Generic Ballot: die Frage, welche Partei die Befragten bei der Kongresswahl wählen würden, ohne dass Kandidaten genannt werden. Im Durchschnitt des Silver Bulletin erreichte der Vorsprung der Demokraten zuletzt mit 9,2 Prozentpunkten einen neuen Höchstwert dieses Wahlzyklus und sank bis zum 29.10.2026 leicht auf 8,7 Punkte. Mit einer Gewichtung nach wahrscheinlichen Wählern sind es 9,2 Punkte. Anfang August hatte der Vorsprung noch rund 6,5 Punkte betragen.
Andere Messungen zeigen dieselbe Richtung, aber nicht dieselbe Grösse. Der kleinere Aggregator USPollingData kam am 29.10.2026 auf 49,3 zu 41,9 Prozent, also 7,4 Punkte. In der Reuters/Ipsos-Umfrage vom 26.10.2026 lagen die Demokraten bei registrierten Wählern mit 47 zu 36 Prozent vorne, eine Woche zuvor mit 47 zu 35 Prozent. Marist kam bei wahrscheinlichen Wählern auf 52 zu 44 Prozent. Die Unterschiede dürften vor allem methodisch bedingt sein, denn die Anbieter gewichten anders und wählen andere Umfragen aus.
Wie heikel die Datenlage sein kann, zeigt ein Fall, den das Silver Bulletin dokumentiert: Es hat das Institut Wedgewood Polls dauerhaft ausgeschlossen, nachdem dieses zugegeben habe, Umfragedaten gefälscht zu haben.



Was Modelle und Märkte erwarten
Prognosen sind Einschätzungen, keine Ergebnisse. Das Modell des Silver Bulletin bezifferte die Chance der Demokraten auf die Mehrheit im Repräsentantenhaus am 08.10.2026 auf 93,1 Prozent, im Senat auf 74,8 Prozent. Im Mittel erwartete es 238,7 zu 196,3 Sitze im Haus und 52,2 zu 47,8 Sitze im Senat. Laut «The Daily Beast» vom 19.10.2026 stufte Silver den Senat inzwischen von «Lean D» auf «Likely D» hoch und sieht die Demokraten bei 75 Prozent. Ende Oktober sprach Silver in einem Podcast der «New York Times» von einer Chance von über 90 Prozent im Haus; nach dem Update vom 29.10.2026 blieben die Demokraten dort klare Favoriten, ihre Chancen im Senat stabil.
Noch Anfang September hatte dasselbe Modell den Senat als offenes Rennen gesehen, am 07.09.2026 lagen die Demokraten bei 50,1 Prozent. Am Prognosemarkt Kalshi setzten die Händler am 16.10.2026 mit 90 Prozent auf ein demokratisches Repräsentantenhaus und mit 63 Prozent auf einen demokratischen Senat.
Vorsichtiger fällt die Übersicht der Plattform 270toWin aus, die Einstufungen mehrerer Prognosedienste zusammenführt, darunter der Cook Political Report, Sabato’s Crystal Ball und Inside Elections. Nate Silver merkte an, Experten gingen bei ihren Ratings bis spät im Wahlzyklus meist «implizit von einem neutralen politischen Umfeld» aus. Nach der Übersicht vom 23.10.2026 neigen 220 Haussitze mindestens leicht zu den Demokraten, 196 zu den Republikanern, 19 gelten als offen. Im Senat kommen die Demokraten und ihre parteilosen Verbündeten einschliesslich der nicht zur Wahl stehenden Sitze auf 49 Sitze, die Republikaner auf 46, 5 Rennen gelten als offen. Die Übersicht beschriftet die Spalten nicht, die Zuordnung beruht auf unserer Lesart.
Die Rennen, die den Senat entscheiden
Im Senat lässt die Rechnung den Demokraten wenig Spielraum. Sie brauchen netto vier zusätzliche Sitze: Halten sie alle 13 eigenen, müssen sie vier republikanische gewinnen, für jeden verlorenen eigenen Sitz einen weiteren. Nach dem Umfragedurchschnitt von USPollingData vom 29.10.2026 führen sie in North Carolina deutlich, in Ohio, Texas, Maine und Alaska knapp, in Kansas hauchdünn. In Iowa ist das Rennen praktisch ausgeglichen. In Nebraska und South Carolina liegen die Republikaner knapp vorne, in Florida deutlich. In ihren eigenen umkämpften Sitzen führen die Demokraten. Das Silver Bulletin mahnte am 29.10.2026, die Vorsprünge der Demokraten in seinem eigenen Durchschnitt etwa in Texas (2,5 Punkte), Ohio (3,0), Alaska (3,6) und Maine (2,4) seien alle nur einen normal grossen Umfragefehler davon entfernt, zu kippen.
| Staat | Kandidatur Demokraten | Kandidatur Republikaner | Sitz bisher |
|---|---|---|---|
| North Carolina | Roy Cooper, früherer Gouverneur | Michael Whatley, früherer Parteichef | Republikaner, Thom Tillis tritt nicht mehr an |
| Maine | Troy Jackson, früherer Präsident des Staatssenats | Susan Collins, Amtsinhaberin | Republikaner |
| Ohio (Sonderwahl) | Sherrod Brown, früherer Senator | Jon Husted, im Januar 2025 ernannt | Republikaner |
| Texas | James Talarico, Staatsabgeordneter | Ken Paxton, Justizminister von Texas | Republikaner, John Cornyn in der Vorwahl unterlegen |
| Alaska | Mary Peltola, frühere Abgeordnete | Dan Sullivan, Amtsinhaber | Republikaner |
| Kansas | Adam Hamilton, Pastor | Roger Marshall, Amtsinhaber | Republikaner |
| Iowa | Josh Turek, Staatsabgeordneter | Ashley Hinson, Abgeordnete | Republikaner, Joni Ernst tritt nicht mehr an |
| Nebraska | Dan Osborn, parteilos, von den Demokraten des Staats unterstützt | Pete Ricketts, Amtsinhaber | Republikaner |
| South Carolina | Annie Andrews, Kinderärztin | Darline Graham, im Juli 2026 ernannt | Republikaner |
| Florida (Sonderwahl) | Angie Nixon | Ashley Moody, 2025 ernannt | Republikaner |
| Michigan | Abdul El-Sayed | Mike Rogers, früherer Abgeordneter | Demokraten, Gary Peters tritt nicht mehr an |
| New Hampshire | Chris Pappas, Abgeordneter | John E. Sununu, früherer Senator | Demokraten, Jeanne Shaheen tritt nicht mehr an |
| Georgia | Jon Ossoff, Amtsinhaber | Mike Collins, Abgeordneter | Demokraten |
| Minnesota | Peggy Flanagan | Michele Tafoya | Demokraten, Tina Smith tritt nicht mehr an |
In Maine verteidigt Susan Collins den einzigen republikanischen Senatssitz, der in diesem Jahr in einem Staat zur Wahl steht, den Kamala Harris 2024 gewonnen hat. Ihr Herausforderer Troy Jackson wurde erst im Juli nominiert, nachdem sich der Vorwahlsieger Graham Platner nach Vorwürfen früherer Partnerinnen zurückgezogen hatte. In der letzten Fernsehdebatte am 15.10.2026 sagte Jackson: «Was ich weiss, ist: In hundert Prozent der Fälle, in denen Donald Trump Susan Collins um eine Stimme bittet, bekommt er sie.» Collins hatte in einer früheren Debatte gesagt, sie glaube nicht, dass Trump nach Maine komme: «Ich habe nichts aus seinem Büro gehört und bin nicht gerade seine Lieblingssenatorin.» Marist sah Jackson Anfang Oktober mit 51 zu 47 Prozent vorne, YouGov für CBS kam auf einen Gleichstand.
Mehrere Rennen haben sich im Lauf des Jahres verschoben. In Texas schlug Justizminister Ken Paxton den amtierenden Senator John Cornyn in der Stichwahl mit 63,8 zu 36,2 Prozent. In South Carolina starb Senator Lindsey Graham am 11.07.2026, Gouverneur Henry McMaster ernannte dessen Schwester Darline Graham. Fox News stufte das Rennen am 29.10.2026 von «Lean R» auf «Toss-up» um. In Nebraska liess sich die demokratische Kandidatin von der Liste streichen. Mit welcher Fraktion der Parteilose Dan Osborn im Senat zusammenarbeiten würde, ist offen. In Alaska steht neben Amtsinhaber Dan Sullivan ein nicht verwandter Kandidat namens «Sullivan, Daniel J. Jr.» auf dem Wahlzettel. Laut einem Bericht der «New York Times», den AP am 28.10.2026 aufnahm, diskutierten Mitglieder von Peltolas Wahlkampfteam per Textnachricht darüber, Namensvettern des Senators anzuwerben. Beteiligt gewesen seien auch Mitarbeiter des demokratischen Senatswahlkampfkomitees DSCC; am Ende sei die Wahl auf Dan J. Sullivan gefallen. Der Bericht stützt sich teilweise auf Gespräche mit Peltolas im August entlassener Wahlkampfleiterin; laut der Zeitung versuchte sie in der Vorwoche, ihre Aussagen zurückzuziehen. Peltolas Kampagne erklärt, sie habe mit keiner der beiden Sullivan-Kampagnen etwas zu tun; das DSCC bestreitet eine Verbindung zu Dan J. Sullivan. Dieser hatte schon im Juni jeden Kontakt zu Peltolas Team bestritten. Trump sagte laut AP, Peltola und der zweite Sullivan sollten strafrechtlich verfolgt werden. Bereits am 22.10.2026 hatte das Justizministerium auf seine Anweisung Klage eingereicht, um die Bestätigung eines allfälligen Siegs von Peltola zu verhindern. Peltolas Kampagne und das DSCC beantragten am 25.10.2026, die Klage abzuweisen. Selbst in North Carolina, wo Roy Cooper im Durchschnitt mit rund 11 Punkten führt, sagt sein Wahlkampfleiter Jeff Allen: «Seit fast zwei Jahrzehnten hat hier kein Demokrat mehr ein im ganzen Staat gewähltes Bundesamt gewonnen; North Carolina ist ein 50-50-Staat.»

Neue Wahlkreise: Der Kampf um die Karten
Ungewöhnlich ist diesmal, dass mehrere Staaten ihre Wahlkreise mitten im Jahrzehnt neu gezogen haben. Den Anfang machte Texas. Gouverneur Greg Abbott unterzeichnete am 29.08.2025 eine neue Karte, die den Republikanern fünf zusätzliche Sitze bringen soll. Der Supreme Court liess sie am 04.12.2025 für 2026 zu. Kalifornien antwortete mit der Proposition 50, die das Stimmvolk am 04.11.2025 mit 64,42 Prozent annahm und die den Demokraten fünf Sitze bringen soll. Neue Karten zugunsten der Republikaner beschlossen zudem North Carolina, Ohio, Florida, Tennessee, Louisiana und Alabama; in Utah ordnete ein Gericht eine Karte zugunsten der Demokraten an.
Nicht überall kamen die Parteien durch. In Missouri stoppten Gerichte im September 2026 die neue Karte. In Virginia erklärte das oberste Gericht des Staats am 08.05.2026 eine vom Volk angenommene Vorlage für eine Neuzeichnung zugunsten der Demokraten für verfassungswidrig. In Indiana lehnte der Senat des Staats eine neue Karte ab, in New York stoppte der Supreme Court eine gerichtlich angeordnete Neuzeichnung. Am 29.04.2026 schränkte der Supreme Court im Fall Louisiana v. Callais zudem Section 2 des Wahlrechtsgesetzes Voting Rights Act teilweise ein.
Zählt man nur die gültigen Karten, ergibt sich ein angelegter Effekt von 15 Sitzen für die Republikaner und 6 für die Demokraten, netto also rund 9 Sitze zugunsten der Republikaner. Gegen die neuen Karten in Florida und Louisiana wurde geklagt (Stand Juni beziehungsweise September 2026). Die Nachrichtenagentur AP kam vor dem Stopp in Missouri auf netto etwa 10 Sitze. Kyle Kondik von Sabato’s Crystal Ball hielt im Juli fest, der Gewinn der Republikaner reiche sehr wahrscheinlich nicht, um für sich allein über die Mehrheit im Haus zu entscheiden.

Der Kongress als Gegengewicht
Was eine neue Mehrheit bewirken könnte, zeigt der Streit um Zölle und Sanktionen. Am 20.02.2026 entschied der Supreme Court im Fall Learning Resources gegen Trump mit 6 zu 3 Stimmen, dass das Notstandsgesetz IEEPA dem Präsidenten keine Zölle erlaubt. Chief Justice John Roberts hielt in der Urteilsbegründung fest, der Kongress habe seine Zollkompetenz, wenn er sie übertragen habe, stets ausdrücklich und mit strengen Grenzen delegiert. Die Rückerstattungen an über 330’000 Firmen werden auf 166 Milliarden Dollar geschätzt. Die Regierung wich auf andere Handelsgesetze aus: zuerst auf einen befristeten Zoll nach Section 122, seit dem 24.07.2026 auf Section 301. Dazu kommen Branchenzölle nach Section 232, seit dem 31.07.2026 auch auf Pharmaprodukte.
Wie knapp die Mehrheiten sind, zeigte sich schon im Februar. Am 10.02.2026 scheiterte im Repräsentantenhaus die Verlängerung einer Regel, die Abstimmungen über die Aufhebung von Trumps Zöllen verhinderte. Einen Tag später stimmten sechs Republikaner mit den Demokraten für ein Ende der Zölle gegen Kanada. Trump kündigte ein Veto an.
Noch deutlicher wurde der Konflikt bei Russland. Der Senat hatte ein nach Lindsey Graham benanntes Sanktionsgesetz mit 86 zu 11 Stimmen verabschiedet, das Zölle bis 500 Prozent auf russische Waren vorsieht. Trump unterzeichnete es im September. Am 16.10.2026, zwei Tage vor dem Inkrafttreten, setzte er die Russland-Bestimmungen aus und berief sich auf das nationale Interesse. Eine Woche zuvor hatte er einen Diesel-Deal mit Wladimir Putin angekündigt, laut Regierung insgesamt 4,8 Millionen Tonnen.
Der Widerspruch kam auch aus der eigenen Partei. Der Republikaner Thom Tillis nannte den Schritt «mehr als unverantwortlich» und fragte: «Welchen Teil davon, ein vom Senat mit 86 zu 11 Stimmen verabschiedetes Gesetz durchzusetzen, verstehen der Präsident und seine Berater nicht?» Susan Collins, Mitunterzeichnerin des Gesetzes, hatte mit den Republikanern Lisa Murkowski, John Curtis und Tillis sowie den Demokraten Jeanne Shaheen, Richard Blumenthal und Ron Wyden schon am 11.10.2026 verlangt, den Diesel-Deal rückgängig zu machen: «Die Vereinigten Staaten sollten Putin keine finanzielle Rettungsleine zuwerfen, während Russland weiterhin ukrainische Zivilisten tötet.»
Die Regierung verteidigt ihren Kurs. Eine Durchsetzung der Sanktionen zum jetzigen Zeitpunkt würde die Bemühungen der USA behindern, «ein dauerhaftes und umfassendes Friedensabkommen auszuhandeln», erklärte Taylor Rogers, Sprecherin des Weissen Hauses. Der Präsident könne die Befugnisse jederzeit nutzen. Gespräche dazu fanden am 20.10.2026 in Oslo statt, am Tag darauf traf der US-Sondergesandte Steve Witkoff Putin in St. Petersburg. Der republikanische Abgeordnete Thomas Massie, nach eigenen Angaben einer von nur sieben Republikanern im Repräsentantenhaus, die gegen das Gesetz gestimmt hatten, begrüsste, dass Trump «die exekutiven Befugnisse genutzt hat, die ihm der Kongress gewährt hat». Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schrieb dagegen auf X: «Das stoppt den Krieg ganz sicher nicht.»
Reuters schreibt, der Verlust einer Kammer könnte Trumps Agenda in den letzten zwei Jahren seiner Amtszeit erschweren.
Was eine neue Mehrheit kann und was nicht
Was die Wahl für die Schweiz bedeutet
Für die Schweiz steht vor allem der Handel auf dem Spiel. Die USA sind nach der EU der zweitwichtigste Absatzmarkt. 2024 gingen Waren für 65,3 Milliarden Franken dorthin, je nach Quelle knapp 17 bis 18,6 Prozent aller Exporte. Laut SECO haben Schweizer Firmen angekündigt, in den kommenden fünf Jahren mindestens 200 Milliarden Dollar in den USA zu investieren.
Laut Rahul Sahgal, Chef der Swiss-American Chamber of Commerce, haben sich die USA bis im Juli an die Obergrenze von 15 Prozent aus der Absichtserklärung gehalten. Das WBF erwartet, dass sie diese Grenze weiterhin einhalten. Offen sind andere Risiken. Eine zweite Untersuchung nach Section 301 zu industriellen Überkapazitäten gegen 16 Partner, darunter die Schweiz, ist nicht abgeschlossen. Die EU zahlt seit dem 24.07.2026 mit 10 Prozent weniger als die Schweiz. Sahgal führt den Unterschied auf die Gesetzgebung der EU gegen Zwangsarbeit zurück, die der Schweiz fehlt.
Die Wirtschaft hat sich an die Unberechenbarkeit gewöhnen müssen. «Ich höre jeden Tag andere Sachen», sagte Sahgal im Juli. GLP-Präsident Jürg Grossen urteilte: «Unter Trump gibt es keine Verlässlichkeit.» Yves Bugmann, Präsident des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie, sah die Lage nüchterner: «Mit 12,5 Prozent bei Uhren ist der Zollsatz der niedrigste seit April 2025.»
Ob die Midterms daran viel ändern, ist offen. Die heute geltenden Zusatzzölle stützen sich auf bestehende Handelsgesetze. In den von uns ausgewerteten Analysen bleibt unbeantwortet, wie ein neuer Kongress darauf Einfluss nehmen könnte. Eine Schweizer Stimme, die sich ausdrücklich zu den Zwischenwahlen äusserte, haben wir nicht gefunden. Das SECO schreibt nüchtern: «Die Verhandlungen mit den USA über ein Handelsabkommen laufen weiter.» Der Bundesrat strebt nach einer Zusammenfassung des Portals law.ch ein Ergebnis an, das die Beziehungen langfristig regelt, unabhängig von rechtlichen und politischen Entwicklungen in den USA.
Nach dem Wahltag: Auszählung, Stichwahlen, Amtsantritt
Viele Stimmen sind bereits abgegeben: Sechs Tage vor dem Wahltag waren laut dem «Washington Examiner» rund 35,4 Millionen erfasst, davon 16,8 Millionen brieflich. Von den bisher erfassten Stimmen stammten nach Angaben von NBC News 47 Prozent von registrierten Demokraten, 35 Prozent von Republikanern. Die meisten Stimmen kamen aus Texas: 5,2 Millionen, nach 3,4 Millionen zum selben Zeitpunkt 2022. Über den Ausgang sagt das wenig, denn die Registrierung verrät nicht, wie jemand stimmt.
Ob die Mehrheiten schon in der Wahlnacht feststehen, ist offen. In Georgia folgt am 01.12.2026 eine Stichwahl, falls niemand mehr als die Hälfte der Stimmen erhält. In Louisiana ist der 03.11.2026 nur der Tag der Vorwahl für das Repräsentantenhaus, die Hauptwahl findet am 12.12.2026 statt. Alaska wählt mit Rangfolgestimmen. Die neu gewählten Abgeordneten und Senatoren treten ihr Amt laut dem 20. Verfassungszusatz am 03.01.2027 um 12 Uhr Ortszeit (18 Uhr Schweizer Zeit) an. Über das Präsidentenamt entscheidet diese Wahl nicht.

Arena: Verdient Trump bei den Midterms einen Denkzettel?
Pro: Ja, Amerika braucht Kontrolle
- Trump setzte vom Senat mit 86 zu 11 Stimmen beschlossene Russland-Sanktionen aus, auch Republikaner protestierten (AP, ABC News).
- Der Supreme Court erklärte die Notstandszölle für unzulässig, die Zollkompetenz liegt beim Kongress (Learning Resources gegen Trump).
- Die Teuerung stieg im September auf 3,7 Prozent, Benzin kostet 1.19 Dollar pro Gallone mehr als vor einem Jahr (BLS, AAA).
- Rund acht von zehn registrierten Wählern missbilligen Trumps Umgang mit den Lebenshaltungskosten (AP-NORC).
- Trumps Zustimmung fiel bei Reuters/Ipsos im Oktober auf 31 Prozent, den tiefsten Wert dieser Umfragereihe in seinen beiden Amtszeiten; eine Woche später lag sie bei 32 Prozent (Reuters).
- Der Krieg gegen Iran dauert seit dem 28.02.2026, 64 Prozent nennen ihn als eines der wichtigsten Wahlthemen (AP-NORC).
Contra: Nein, Trump soll durchregieren
- Trump hat die Wahl 2024 gewonnen, ein Mehrheitsverlust könnte seine Agenda in den letzten zwei Amtsjahren erschweren (Reuters).
- Laut Weissem Haus hätten die Sanktionen die Verhandlungen über ein dauerhaftes Friedensabkommen behindert (ABC News).
- Trump nutze Befugnisse, die ihm der Kongress selbst gewährt habe, sagt der Republikaner Thomas Massie (ABC News).
- Benzin wurde laut AAA zwischen dem 08.10.2026 und dem 30.10.2026 billiger, Energieminister Chris Wright erwartet weitere Senkungen (AAA, «The Hill»).
- Das Sanktionsgesetz gibt dem Präsidenten laut der Republikanerin Darline Graham Werkzeuge, die er nutzen kann, wenn er es für richtig hält; das Weisse Haus betont, er könne sie jederzeit einsetzen (AP, ABC News).
- Für die Schweiz hält die Zollobergrenze von 15 Prozent bisher, die USA haben sich laut der Swiss-American Chamber of Commerce daran gehalten; für Uhren gilt mit 12,5 Prozent der tiefste Satz seit April 2025 («Die Botschaft», «Der Rheintaler»).
Kommentar: Ein Kongress, der wieder Nein sagen kann
Ein Denkzettel ist verdient. Nicht wegen der schlechten Umfragewerte, sondern weil Washington eine Grundregel vergessen hat: Die amerikanische Verfassung legt die Macht über Zölle und den Handel mit dem Ausland in die Hände des Kongresses, nicht des Präsidenten. Es brauchte das oberste Gericht, um daran zu erinnern, dass Notstandsrecht kein Zollrecht ist.
Der Fall der Russland-Sanktionen zeigt, wohin das führt. Der Senat beschliesst mit 86 zu 11 Stimmen ein Gesetz. Der Präsident unterschreibt es. Zwei Tage vor dem Inkrafttreten setzt er die Sanktionen aus, eine Woche nachdem er einen Diesel-Deal mit Putin angekündigt hat. Das ist keine berechenbare Aussenpolitik. Dass Republikaner wie Thom Tillis und Susan Collins dagegen protestierten, zeigt immerhin, dass die Gewaltenteilung nicht tot ist.
Eine demokratische Mehrheit in einer Kammer wäre deshalb keine Strafe, sondern eine Rückkehr zur Normalität. Sie würde Trump nicht lähmen, aber sie würde ihn zwingen, zu verhandeln. Wer das als Blockade beklagt, verwechselt Regieren mit Durchregieren. Amerika ist stark, wenn seine Institutionen stark sind, nicht wenn ein Mann allein entscheidet.
Für die Schweiz ist die Lehre eine andere. Sie sollte ihre Hoffnungen nicht an Wahlkreise in Texas oder an ein Senatsrennen in Maine hängen. Auch ein neuer Kongress dürfte die Zölle nach Section 301 nicht über Nacht abschaffen. Was zählt, ist ein Abkommen, das unabhängig von der politischen Wetterlage in Washington hält. Der Bundesrat hat dieses Ziel formuliert. Er sollte daran festhalten, auch wenn die Umfragen in Amerika im Moment günstig aussehen. Amerika ja, Trump nein: Diese Haltung bleibt richtig, aber sie ersetzt keine eigene Interessenpolitik.
Alle Angaben Stand 30.10.2026, soweit nicht anders vermerkt. Umfragen und Modellrechnungen sind Einschätzungen mit Unsicherheit, keine Ergebnisse; die Werte verschiedener Anbieter beruhen auf unterschiedlichen Methoden. Die aktuellen Modellwerte des Silver Bulletin sind nicht frei zugänglich. Nicht erneut prüfen liessen sich die Sitzverteilung und die Hausübersicht von 270toWin (Stand 23.10.2026), Kalshi (16.10.2026), die Klagen gegen Wahlkreiskarten und die Zölle gegenüber der Schweiz (Stand 25.10.2026). Einige Angaben stammen aus Sekundärquellen, weil der Cook Political Report und Sabato’s Crystal Ball nicht direkt abrufbar waren. Englische Zitate hat die Redaktion übersetzt. Die Videos stammen von ZDFheute.
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Quellen
- 270toWin: 2026 Senate Election Interactive Map (Stand 23.10.2026)
- 270toWin: 2026 House Election Interactive Map (Stand 23.10.2026)
- 270toWin: 2026 Senate Election, Consensus Forecast (Stand 23.10.2026, abgerufen 30.10.2026)
- Wikipedia: 2026 United States elections (abgerufen 25.10.2026)
- Wikipedia: 2026 United States Senate elections (abgerufen 25.10.2026)
- Wikipedia: United States Senate (abgerufen 25.10.2026)
- ABC7: California Rep. Kevin Kiley says he’s leaving Republican Party (10.03.2026)
- Wikipedia: United States House of Representatives (abgerufen 25.10.2026)
- Decision Desk HQ: The Key House Seats in 2026 (Frühjahr 2026)
- Washington Examiner: Democrats must win 57 out of 77 competitive House seats, Cook Political Report (29.07.2026)
- US-Verfassung, Artikel I (Textausgabe der UT Dallas Libraries)
- Wikipedia: Twentieth Amendment to the United States Constitution (abgerufen 25.10.2026)
- Reuters via GV Wire: Trump Approval Falls to Record Low of 31% as Midterms Near (19.10.2026)
- Reuters via ARY News: Trump approval falls to record low of 31% (19.10.2026)
- Reuters via GV Wire: Trump Approval Rises From Record Low to 32% Ahead of Midterm Election (26.10.2026)
- Silver Bulletin: How popular is Donald Trump? (29.10.2026)
- Silver Bulletin: Who’s ahead on the generic congressional ballot? (29.10.2026)
- Silver Bulletin: FLIPR Midterms Model Methodology (11.08.2026)
- Silver Bulletin: FLIPR 2026 midterm election forecast (aktualisiert 29.10.2026)
- Marist Poll: U.S. Midterm Elections, October 2026 (27.10.2026)
- Al Jazeera: Trump approval hits record-low 31 percent, polls show Republican struggles (19.10.2026)
- Wikipedia: Opinion polling on the second Trump presidency (abgerufen 25.10.2026)
- Al Jazeera mit AP: Ahead of US midterms, voters are frustrated with Trump, want change (15.10.2026)
- Al Jazeera: US inflation rises before midterm elections (14.10.2026)
- The Hill: Energieminister Wright verteidigt die Benzinpreise (18.10.2026)
- AAA: Gas Prices Dip Before Halloween (29.10.2026)
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